Geheimtipps aus der Videothek: "Sleight" & "Die Abenteuer von Brigsby Bear"

Geht noch jemand in die Videothek? Ich meine, kann überhaupt noch jemand in die Videothek gehen? Bei mir ist es ja eigentlich auch nur noch der DVD-Versand von Videobuster, aber das ist ein anderes Thema, über das ich schon gesprochen habe. Wenn ihr aber noch eine Videothek habt oder bereit seid, die überhöhten Preise für den „Verleih“ von Streamingvideos zu bezahlen, habe ich hier zwei interessante Filme, die ich mal kurz ansprechen möchte.

sleight posterDer Erste ist „Sleight“ (was so viel wie „Fingerfertigkeit“ oder „Geschick“ bedeutet und oft in Verbindung mit Zauber- oder Kartentricks verwendet wird). Darin geht es um den jungen Bo (Jacob Latimore, „Maze Runner“), einen jungen Mann, der leider seine hoffnungsvolle schulische Karriere beenden musste, um nach dem Tod seiner Mutter für sich und seine kleine Schwester zu sorgen. Das Geld dazu verdient er sich mit Straßenmagie, wobei er so leidenschaftlich ans Werk geht, dass er sich sogar, in bester „The Prestige“ Manier, einen Elektromagneten samt Kabel in seinen Arm implantierte, um mit „Willenskraft“ Dinge zum schweben bringen zu können. Doch trotz seines Talents ist das natürlich nicht gerade ein übermäßig lukrativer Beruf, also arbeitet er nachts auch als Drogendealer für den Gangster Angelo (Dulé Hill, Gus aus „Psych“). Darauf ist er zwar nicht stolz, aber es bezahlt die Rechnungen und Angelo ist umgänglicher, als die meisten anderen Menschen in diesem Geschäft.

Bis zu dem Abend, an dem Bo von Angelo gezwungen wird, einen Konkurrenten mit Waffengewalt einzuschüchtern. Schnell wird ihm klar, dass er tiefer im Sumpf steckt, als er eigentlich dachte. Angelo wird quasi von heute auf morgen vom freundlichen Arbeitgeber zum gefährlichen Gegner und jeder Versuch von ihm loszukommen, macht alles nur noch schlimmer. Als die Sache schließlich eskaliert, sieht Bo nur noch einen Ausweg: Und den will ich hier nicht spoilern.

Ich möchte „Sleight“ nicht überhypen. Der Film sorgte für kleinere Begeisterungswellen auf diversen Festivals und ich tendiere durchaus dazu, ihn gut zu finden. (Sh. Überschrift mit „Geheimtipp“) Und ja, er ist gut gespielt und inszeniert, läuft von Atmosphäre über und die Mischung aus Drama und Gangsterfilm, mit Prise Science Fiction, macht vor allem im letzten Akt richtig Spaß. Leider fühlt er sich, trotz seiner humanen Laufzeit von 80 Minuten plus Abspann, oft in die Länge gezogen an. 20 bis 30 Minuten weniger und es wäre eine hervorragende Episode für eine Serie Marke „Amazing Stories„, aber in der vorliegenden Form scheint es teilweise, als hätte man erst das Finale gedreht, aber keinen wirklichen Plan für den Rest des Filmes.

Trotzdem fiebert man mit Bo mit und hofft, dass sich alles zum Guten wendet und er nicht zur dunklen Seite überläuft. Je verzwickter die Situation wird, desto spannender wird „Sleight“. Und durch die etwas zähe Vorlaufzeit, fühlt sich der Genretwist am Ende noch viel besser an. Jacob Latimore hat hoffentlich eine strahlende Karriere vor sich und ich würde mich nicht wundern, wenn Regisseur J. D. Dillard bald seinen ersten, großen Blockbuster inszenieren darf. (Und das nicht nur, weil Independentregisseure heute das sind, was Musikvideoregisseure in den 90ern und 00ern waren.) Alles in Allem ist dies ein zwar nicht durchgängig unterhaltsamer, aber sehenswerter Low Budget Genremix, der vielleicht nie den Status eines beliebten Klassikers erreichen wird, aber hoffentlich nicht vollends in der Versenkung verschwindet.

brigsby_bearEin weiterer Festivalliebling, der ansonsten nur für wenig Furore sorgte, ist „Die Abenteuer von Brigsby Bear“. Dies ist die Geschichte von James („Saturday Night Live“ Mitglied Kyle Mooney), einem jungen Erwachsenen, der zusammen mit seinen Eltern (Jane Adams aus „Hung“ und Mark Fucking Hamill!) in einem unterirdischen Bunker in der Wüste lebt. Die Außenwelt ist scheinbar unbewohnbar und lässt sich nur mit Gasmaske betreten. Die einzige Ablenkung von James tristem Leben, ist die Serie „Brigsby Bear“, eine billig produzierte Fantasyserie, in der ein Bär Abenteuer im Weltall erlebt und den jungen Zuschauern wichtige Lebenslektionen beibringt.

Als aus Gründen, die ich hier wirklich nicht spoilern möchte, keine „Brigsby Bear“ Folgen mehr produziert werden, bricht für James eine Welt zusammen. Okay, nicht nur deswegen (wie gesagt: keine Spoiler), aber die Serie war das Licht und der Mittelpunkt seines Lebens. Also beschließt er, die Geschichte eigenständig zu Ende zu erzählen. Ein Unterfangen, das nicht nur sein Leben, sondern auch das der Menschen in seinem Umfeld verbessert.

Genau wie „Sleight“ ist auch „Die Abenteuer von Brigsby Bear“ kein perfekter Homerun. Wenn man die schräge Ausgangssituation weglässt, ist es nur ein weiterer „Außenseiter mit Herz versucht ein Projekt auf die Beine zu stellen“ Film, aber er spielt die bekannte Melodie auf perfekte Weise. Auch wenn die Geschichte vielleicht nicht so tief geht, wie sie es verdient hätte, ist es schön, im Zeitalter des hohlen Nostalgiewichsens einen Film zu sehen, der sich tatsächlich damit auseinandersetzt, wie sehr fiktive Geschichten das eigene Leben positiv beeinflussen und vielleicht auch eine therapeutische Wirkung haben können. Kyle Mooney, der zusammen mit einem gewissen Kevin Costello auch das Drehbuch verfasste, spielt seine Rolle überraschend glaubwürdig und zurückhaltend, während andere Schauspieler, vor allem Komiker, vielleicht zu sehr übertrieben hätten. Eigentlich ist die gesamte Besetzung, zu der u.a. auch Claire Danes („Homeland“), Greg Kinnear („Mystery Men“) und Andy Samberg („Brooklyn Nine-Nine“) gehört, erstklassig und mit dem Herzen dabei. Vor allem Letzterer zeigt in seinem kurzen Gastauftritt eine Leistung, die man so noch nicht von ihm gesehen hat.

Produziert wurde der Film übrigens sowohl von Sambergs Comedytruppe „The Lonely Island“, sowie Phil Lord und Chris Miller („21 Jump Street“, „The Lego Movie“). Regisseur Dave McCary inszenierte bis jetzt hauptsächlich SNL Sketche und Internetvideos wie „Epic Rap Battles Of History“, legt aber eine gute Arbeit an den Tag, die vielleicht nicht wirklich über das hinausgeht, was andere Independentregisseure dieser Zeit so abliefern, aber er macht auch nichts falsch.

„Brigsby Bear“ ist auf jeden Fall etwas für Freunde von melancholisch-schwarzhumorigen Geschichten über das Leben und die Bedeutung von Popkultur darin. Kein Meisterwerk, aber auf jeden Fall sehenswert.

Facebooktwittergoogle_plusredditpinteresttumblr
Der hier ist auch gut:  Der persönliche Juli 2016 Filmrückblick

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.