Exzellente Episoden: Unglaubliche Geschichten – Die Notlandung

the mission 06Es mag heute ungewöhnlich erscheinen, aber große Hollywoodnamen, die sich dazu herabließen fürs Fernsehen zu arbeiten, waren in den 80ern noch eine Seltenheit. Genau deshalb war Steven Spielbergs „Unglaubliche Geschichten“ („Amazing Stories“) so ein Großereignis. 1985, als die Serie startete, stand der Name Spielberg wie kaum ein anderer für hervorragend gemachtes Blockbusterkino, das die Fantasie von Jung und Alt anregte. Dass der Mann also eine Anthologieserie nach „Twilight Zone“ Vorbild, bei der die Geschichten vieler Folgen auf seinem Mist gewachsen waren, ins normale Network TV brachte, war schon cool genug, aber dass neben ihm auch noch Leute wie Martin Scorsese, Clint Eastwood, Burt Reynolds, Robert Zemeckis, Paul Bartel, Tobe Hooper oder Joe Dante auf dem Regiestuhl saßen, war der Hammer!

Leider waren die „Amazing Stories“ nicht wirklich amazing. Es waren zwar einige gute Folgen dabei, aber oft schien es, als hätte man sich die Handlung nur bis zur ersten Werbepause überlegt. Dass man sich, nach einem starken Anfang, darüber aufregte, wie die Geschichte auseinanderfizzelte und hektisch oder unbefriedigend endete, war eher die Regel, als die Ausnahme. Vermutlich sanken deshalb die Einschaltquoten schnell und nach zwei Staffeln mit insgesamt 45 Folgen war das Thema „Unglaubliche Geschichten“ schon wieder gegessen.

the mission 03Doch wie erwähnt, gab es einige hervorragende Folgen, wie zum Beispiel Folge 5: „Die Notlandung“ („The Mission“). Diese extralange (45 Minuten, im Gegensatz zum normalen 25 Minuten Format der Serie) Folge war, nach dem Piloten „Der Geisterzug“, das zweite und letzte Mal, dass Spielberg himself in dieser Serie Regie führte. Darin geht es um eine Gruppe junger Soldaten (u.a. Kiefer Sutherland), die, angeführt von ihrem Captain (Kevin Costner), im zweiten Weltkrieg zu einer Bombenabwurfmission aufbrechen. Eigentlich eine fast schon leichte Aufgabe für das eingespielte Team, doch während der Mission kommt es zum Feuergefecht über den Wolken. Dem Schützen und Teammaskottchen Jonathan (Casey Siemazko, Griffs Bandenmitglied mit der 3D-Brille aus „Zurück in die Zukunft“) gelingt es dabei, eines der gegnerischen Flugzeuge abzuschießen. Dabei kollidiert ein Trümmerteil mit dem eigenen Flieger. Erst scheint alles nur halb so wild. Es gab keine Verletzten und trotz Schaden könnte man die nächste Basis problemlos erreichen. Dann stellt sich aber heraus, dass Jonathan in der Geschützkanzel, auf der Unterseite des Flugzeugs, eingeklemmt ist und sich das Fahrgestell nicht mehr herausfahren lässt. Soll heißen: Wenn man ihn nicht schnellstens dort rausbekommt, wird der junge Mann bei der unvermeidlichen Bruchlandung zerquetscht werden.

„Die Notlandung“ ist eine der spannendsten Dreiviertelstunden in der Geschichte des Fernsehens! Nein, ich übertreibe nicht! Es ist ein nervenzerfetzendes Kammerspiel um Leben und Tod, bei dem sich die Frage stellt, warum Steven Spielberg eigentlich so wenige Thriller in seiner Filmografie hat. Mithilfe des starken Drehbuchs von Menno Meyjes („Die Farbe Lila“, „Ausnahmezustand“), dreht er an der Spannungs- und Verzweiflungsschraube, bis es fast unerträglich wird. Da lässt sich auch drüber hinwegsehen, dass wir die Charaktere nie wirklich kennenlernen. Wir wissen, dass sie Jonathan lieben, ihrem Captain vertrauen und den Rest erfahren wir in kurzen Momenten und den Karikaturen, die Jonathan, der ein talentierter Zeichner ist, von ihnen anfertigt. Am Ende konnte ich die Gruppe aber immer noch nicht auseinanderhalten. (Zwei waren übrigens Zwillinge.) Für eine Episode einer Anthologie ist „Sie sind gute Menschen, die für ihren Freund alles tun würden“ aber ausreichend.

the mission 01
Eindeutige Studiokulisse

Die Inszenierung ist erwartet gut und abgesehen vom 4:3 Bildformat und den etwas billig aussehenden Szenen am Boden, die eindeutig nicht on Location, sondern in irgendeinem Studio gedreht wurden, deutet nichts auf eine 80er Jahre Fernsehproduktion hin. Spielberg wird, hauptsächlich von jüngeren Zuschauern, oft dafür kritisiert, keinen echten Stil zu haben und seine Filme anonym wirken zu lassen. Natürlich ist dies Bullshit. Abgesehen von einem Haufen visueller und nicht-visueller Markenzeichen, besteht sein Stil darin, jede Art von Geschichte perfekt inszenieren zu können. Das zeigt sich auch hier. Vermutlich aufgrund des knappen Zeitplans und Budgets, mit denen selbst Prestigeserien wie diese sich herumschlagen müssen, sind viele Szenen in langen Takes gedreht. Diese sind jetzt keine aufwendigen Plansequenzen, in denen ständig neue, spektakuläre Dinge passieren, sondern eher lange Dialogmomente, in denen einzelne Personen sich ins Bild bewegen, etwas tun oder sagen und dann wieder verschwinden. Wie z.B. in der Anfangsszene, in der man uns auf diese Weise das Flugzeug und die Protagonisten vorstellt. Im späteren Verlauf der Folge gibt es dann einige, eindeutig von „Das Boot“ inspirierte Kamerafahrten durch das enge Innere des Bombers. Kameramann John McPherson, der hauptsächlich fürs Fernsehen arbeitete (Etwa für die „Hulk“ Serie aus den 70ern, „Baywatch“ oder „V“, aber auch „Nummer 5 gibt nicht auf“, „Das Wunder in der 8. Straße“ und „Der weiße Hai 4“), wurde für diese Folge zurecht mit einem Emmy ausgezeichnet. Steven Spielberg war zwar als „bester Regisseur für eine Dramaserie“ nominiert, verlor aber gegen TV Veteran George Stanford Brown, für eine Folge von „Cagney & Lacey“. (Nichts gegen „Cagney & Lacey“. Ich wette, es war ein verdienter Gewinn.)

the mission 05
Galgenhumor eines begabten Künstlers

Worauf ich hier noch eben zu sprechen kommen möchte, ist das Ende. Ich bleibe 100% spoilerfrei, denn einer der Gründe, warum diese Folge so hervorragend ist, ist eben dieses Ende. Ich glaube nicht, dass irgendjemand es jemals vorhersehen konnte oder wird. Was ich aber weiß, ist, dass es nicht unumstritten ist. Ich liebe es und ich wünschte, es wäre auf meinem Mist gewachsen. Gleichzeitig verstehe ich aber auch jeden, der wütend seine Fernbedienung gegen die Wand wirft und dabei „Bullshit!“ schreit. Das Ende passt perfekt zum Stil der Serie, aber innerhalb dieser Folge kommt es so unerwartet, dass eine Ablehnung schon verständlich ist. Trotzdem: Ich liebe es!

Wenn alle Folgen von „Unglaubliche Geschichten“ so gut wären, wäre die Serie heute wohl nicht quasi-vergessen und würde in einem Atemzug mit dem Vorbild „Twilight Zone“ genannt werden. Gut, auch „Twilight Zone“ hatte einen großen Anteil an mittelmäßigen bis schlechten Folgen, war im Endeffekt aber im Gesamtbild besser als „Unglaubliche Geschichten“. Das ist hier aber nicht das Thema. „Die Notlandung“ kann selbst heute noch mit den besten Folgen der Fernsehgeschichte mithalten und sollte eigentlich in jeder Konversation über Spielbergs Fähigkeiten enthalten sein.


Scnreenshots © NBC/Amblin Entertainment

Der hier ist auch gut:  Exzellente Episoden: Halloween Ausgabe
Facebooktwittergoogle_plusredditpinteresttumblr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.