Serientipp: "Loudermilk"

Das Arschloch mit Herz, also die Sorte, die ihren Mitmenschen ungefiltert ihre nicht gerade positive Meinung über sie mitteilt, aber ihnen gleichzeitig bei ihren Problemen hilft, wenn auch oft nur, weil es ihr Job ist, ist nicht erst seit Dr. House ein beliebter Charakter in der Popkultur. Vorher gab es z.B. schon Dr. Cox aus „Scrubs“, Dr. Becker aus „Becker“, Dr. Geiger aus „Chicago Hope“…verdammt, das sind ziemlich viele Ärzte. In „Loudermilk“ geht es um keinen Arzt, aber ein Arschloch mit Herz ist er trotzdem.

loudermilkSam Loudermilk (Ron Livingston, am besten bekannt aus Mike Judges Arbeitsplatzsatire „Alles Routine“) ist trockener Alkoholiker und Leiter einer Selbsthilfegruppe. (Die „Sober Friends“. Keine Ahnung, ob die Anonymen Alkoholiker nicht genannt werden wollten oder man den Namen von vornherein aus Respekt geändert hat.) Mit seiner arschigen Art eckt er zwar überall an, aber zumindest die Mitglieder seiner Gruppe mögen und respektieren ihn irgendwie. Er teilt sich eine Wohnung mit seinem Freund und Sponsor (Also die Person innerhalb der Gruppe, an die er sich im Notfall wendet) Ben (Der sträflich unterbewertete Will Sasso aus u.a. „Mad TV“), der aber, unbemerkt von Loudermilk, schon lange wieder dem Alkohol frönt. Eines Tages wird Loudermilk vom Pastor der Kirche, in dessen Räumlichkeiten er seine Treffen abhält, dazu gezwungen, sich um die junge Claire (Anja Savcic) zu kümmern. Diese kommt aus reichem Hause, fiel aber nach dem Tod ihres Vaters in ein Loch aus Drogen und Alkohol. Da sie sonst niemanden hat, bei dem sie bleiben möchte, zieht sie bei Loudermilk und Ben ein. Gemeinsam versuchen die Drei, plus ihre Nachbarin Allison (Laura Mennell aus „Alphas“), die Loudermilks Zuneigung eher zurückhaltend freundschaftlich erwidert, und die Selbsthilfegruppe nun durchs Leben zu navigieren und ihre Dämonen zu bekämpfen. Natürlich ist das nicht immer einfach, aber oft viel witziger und unterhaltsamer als man meinen sollte.

Die Serie stammt von Peter Farrelly und Bobby Mort. Letzterer war Autor bei der preisgekrönten US-Nachrichtensatire „The Colbert Report“, Ersterer ist eine Hälfte der Farrelly Brüder, die mit Filmen wie „Dumm & Dümmer“ oder „Verrückt nach Mary“ einerseits den damaligen Grenzen der Geschmacklosigkeiten im Mainstreamkino fröhlich auf den Kopf kackten, aber andererseits bei allen Körperflüssigkeitszoten oft menschlicher waren, als alle Anderen. Während sich andere Grenzüberschreiter, wie Seth MacFarlane oder Trey Parker und Matt Stone, genüsslich im Nihilismus badeten und nur zu schockieren versuchten, schlugen sich die Farrellys immer auf die Seite der gutherzigen Narren und Benachteiligten. Gerade ihr unverkrampfter Umgang mit behinderten Menschen hat mich immer beeindruckt.

Diese Menschlichkeit sieht und spürt man auch deutlich in „Loudermilk“. Nicht nur, weil es keine fünf Minuten dauert, bevor wir sehen, dass einer der Nebendarsteller (Mat Fraser, „American Horror Story: Freak Show“) fehlgebildete Arme hat, er aber nicht darauf reduziert wird. Das Thema der Serie ist „Fehler machen uns menschlich, aber trotzdem sollten wir Hilfe suchen“. Loudermilk ist ein Mistkerl, der völlig fremde Menschen schon mal wegen ihres Kleidungsstils anschnauzt, aber dafür nimmt er seine Abstinenz, die der Anderen und das gesamte Selbsthilfeprogramm ernst. Es ist ihm klar, dass er kein Heiliger ist, aber zumindest was sein Suchtproblem angeht, fühlt er sich nicht besser als die, die zumindest Hilfe wollen. Wenn sie keine Hilfe wollen, ist das nicht sein Problem, weshalb er sich auch anfangs weniger als nur halbherzig um Claire kümmert.

HyperFocal: 0Doch es geht nicht nur um Loudermilk selbst. Wir lernen, wie ihr Suchtproblem die Gruppe zusammenschweißt. In einer ziemlich prominenten Nebenhandlung in der zweiten Staffelhälfte, geht es um den übereifrigen Cutter (Danny Wattley, der seit den 80ern immer wieder in kleinen Gast-, Neben- und Statistenrollen in oftmals ziemlich bekannten Filmen und Serien zu sehen war), der sich erstmals seit Jahren wieder als Sponsor versucht. Leider hat sein Schützling ein Geheimnis. Doch selbst wenn er es nicht hätte, ist nicht klar, ob Cutters Methoden wirklich hilfreich wären. Zudem wird quasi jedes Mal, wenn sich die Beiden endlich zu verstehen scheinen, entweder durch das Doppelleben des Einen oder das bizarre Verhalten des Anderen alles schlimmer.

Die Handlung von „Loudermilk“ ist nicht so linear und übergreifend, wie sie zuerst scheint. Das gibt der Serie aber einen gewissen Realismus. Im wahren Leben lösen sich Geschichten nicht so gradlinig auf, wie im Fernsehen und so wird hier z.B. Claires Heilung nach ein paar Folgen immer unwichtiger, Cutters Abenteuer rückt kurzzeitig in den Vordergrund oder wir lernen mehr über die Vergangenheit einiger Gruppenmitglieder und Bens Rückfall wird vom Running Gag zum dramatischen Höhepunkt. Es gibt hier nicht nur „die eine Geschichte“, sondern ein ganzes Sammelsurium an kleinen und großen Charaktermomenten und Gags, die nicht immer so enden, wie man es erwartet.

Es wird dabei nie so geschmacklos, wie der Prestigeträchtige Name „Farrelly“ es befürchten lässt. Es wird zwar viel geflucht und es gibt den einen oder anderen expliziten Sexdialog, aber es ist eine Serie, bei der man gut essen kann. Ohnehin versprüht sie eher den Charme eines ruhigen, trockenhumorigen Independentfilms, anstelle einer typischen Farrelly Slapstick Extravaganza. Die Sorte, die auf ein paar Festivals zu sehen ist, bevor man irgendwann zufällig auf Sky oder im Nachtprogramm der Öffentlich-Rechtlichen darüber stolpert und sich fragt, warum man vorher noch nie etwas von diesem tollen Film gehört hat.

Also hiermit habe ich euch nun von „Loudermilk“ erzählt. Viel Spaß damit! Aktuell kann man die Serie bei Amazon Prime sehen.

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Bilder: © DirecTV/Sony Television

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