Das popkulturelle Denkanstößchen: Sind Dramen für Masochisten?

Der letzte Oktober ist ja nun nicht soooo lange her. Natürlich war dies für Viele der Monat, in dem ein Horrorfilmmarathon auf den anderen folgte. Genau so natürlich kamen wieder die ewig gleichen Debatten auf, über die mangelnde Moral in Horrorfilmen und was für kranke Menschen sich so einen widerlichen Schund eigentlich ansehen. Natürlich wissen wir, dass selbst der knallhärteste Gorehound kein abgestumpfter Serienkiller sein muss, beziehungsweise dass diese Psychopathen eher die Ausnahme unter den Horrorfans sind, aber nicht die Regel. Darum geht es mir auch gar nicht. Mir stellte sich aber eine ähnliche Frage:

Was sind das für Menschen, die sich mit Vorliebe Dramen anschauen?

gratisography 118HIch bin eigentlich jemand, der grundsätzlich keine Vorurteile gegenüber irgendeiner Form von Filmen hat. Ja, ich sehe mir Popcornfilme, mit Superhelden und riesigen Robotern lieber an, als drei Stunden lange Kostümdramen, über unglückliche Liebende zur Zeit der französischen Revolution, aber ich lehne solche Filme nicht grundsätzlich ab. Auf meiner Watchlist steht eigentlich nur ein Wort: „Alles“. Früher oder später wird also der Tag kommen, an dem das Kostümdrama in meinem DVD Player landet.  Wann, hängt aber sehr von meiner Stimmung ab. Erst vor kurzen griff ich wieder in mein Regal voller ungesehener Filme und zog blind zwei hervor. Einer war das preisgekrönte  Drama „Winter’s Bone“, der andere, die von Kritikern und Publikum gehasste 2015er Neuverfilmung der „Fantastic Four“. Ich entschied mich für Letzteren, denn an dem Abend hatte ich, nach einem Haufen privaten Stress, so etwas von keinen Bock mir vorsätzlich etwas anzusehen, was von Anfang an darauf ausgelegt war, mich zu deprimieren.

Warum sollte das überhaupt jemand wollen?

Gut, genau so wenig, wie Horrorfilme nur gewaltverherrlichendes Abschlachten sind, sind Dramen jetzt auch nicht nur extrem traurige Geschichten. In vielen von ihnen geht es um Menschen, die den Problemen ihres Lebens trotzen. Und genau wie in Horrorfilmen, sind diese Probleme oftmals wirklich schrecklich! Die Sorte Probleme, die kein Mensch gerne haben möchte. Und in beiden Genres ist der Kampf dagegen nicht immer erfolgreich. Der Unterschied ist: Wenn die Protagonisten im Horrorfilm am Ende von Monstern gefressen, von Machetenschwingenden Psychopathen zersäbelt oder zu einer Ewigkeit in der Hölle verdammt werden, kann ich sagen: „Ach, war ja nur ein Film.“ Wenn im Drama aber die tapfere Kriegswaise am Ende doch in der Gaskammer landet, der nette, alte Mann dank seiner Alzheimererkrankung sich am Ende selber nicht mehr im Spiegel erkennt oder das verschiedenhautfarbige Liebespaar am Ende von Nazis ermordet wird, ist das, selbst bei einer frei erfundenen Geschichte, viel realer.

Psychopathen und Serienkiller gibt es auch im wahren Leben, obwohl sie kaum etwas mit Jason, Freddy und Co. gemeinsam haben. Werwölfe und andere Monster gibt es nicht, aber das Grundprinzip des lebendig-gefressen-werdens, kann auch auf unsere normale Tierwelt angewandt werden. Trotzdem lässt sich selbst ein Menschen-foltern-andere-Menschen Horror Marke „Hostel“ einfacher abschütteln, als das durchschnittliche „seriöse“ Drama. Die normalen Themen in diesen Filmen, Rassismus, Sexismus, Tod, Krieg, unglückliche Liebe, Krankheit, Trauer, allgemeines Versagen im Leben, sind Dinge, die einem früher oder später mindestens aus zweiter Hand begegnen. Dinge, die sich eben nicht so einfach nach Ende des Films abschütteln lassen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum „Drama“ gerne als das einzige  „ernsthafte“ und „erwachsene“ Genre angesehen wird. Ob das stimmt, sei dahingestellt, da man ja eigentlich wissen sollte, dass selbst Superhelden eine intelligente Metapher für die Missstände in unserer Gesellschaft liefern können und nicht das Genre, sondern die Geschichte zählt.

Das bringt mich zu dem einzigen Grund, weshalb man sich ein Drama ansehen würde. Weil es eine gute Geschichte ist. Es muss dann auch keine schöne Geschichte sein. Das sind Horrorfilme auch nicht, selbst wenn es ein Happy End gibt. Trotzdem muss ich wiederholen: Warum!? Es kann Spaß machen, sich zu gruseln, zu ekeln oder einfach nur am Ende zu wissen, dass man stärker als „der schockierendste Film aller Zeiten“ war. Aber warum will man unbedingt deprimiert werden? Was sind das zum Beispiel für Menschen, die sich „Schindlers Liste“ auf DVD oder Blu-Ray holen? Ja, es ist ein hervorragender Film, aber könntet ihr euch vorstellen, eines Tages zu eurem DVD Regal zu gehen und zu sagen: „Heute habe ich mal richtig Bock, mir wieder „Schindlers Liste“ anzuschauen.“ Oder Michael Hanekes Dahinvegetierporno „Liebe“? Da ist es völlig egal, wie gut sie gemacht sind, einmal ist genug.  In einigen Fällen ist einmal sogar zu viel, aber solange es um sogenannte „wichtige Themen“ geht, ist es halt Kunst, anspruchsvoll und preisverdächtig.

Trotzdem, niemand würde den Menschen, die sich solche Filme sogar im Kino ansehen, auf der größtmöglichen Leinwand und mit dem bestmöglichen Soundsystem, vorwerfen, geisteskrank oder verroht zu sein. Selbst wenn ihre Vorstellung eines gemütlichen Kinobesuches ist, sich für ein paar Stunden deprimieren zu lassen. Den Vorwurf mache ich ihnen übrigens auch nicht, aber etwas bizarr ist es schon, wenn man darüber nachdenkt.

Naja, was auch immer der Grund für die gesellschaftliche Akzeptanz von etwas ist, das psychischer Folter gleichkommt, ich habe immer noch nicht gelernt, wie man einen Blogartikel richtig beendet.  Aber denkt mal darüber nach. Die Sache mit den Dramen, nicht die mit der Blogartikelbeendung.

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Bilder: Gratisography

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