Der Akte X Spätstart Report: "Todestrieb"

Ich hänge hier gerade so ziemlich mit allem hinterher. Das wird natürlich später nicht mehr relevant sein, aber jetzt, wo dieser Spätstart Report veröffentlich wurde, muss ich mich für meine Trödelei entschuldigen.

aktextodestrieb02Wie dem auch sei, „Todestrieb“ ist eine interessante Folge. Interessant deshalb, weil es dort irgendwie nichts Übernatürliches zu geben scheint. Es geht um Donald Pfaster (Nick Chinlund), den merkwürdigen Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens, der eines Nachts dabei erwischt wird, wie er der Leiche eines toten Mädchens die Haare schneidet. Kurz darauf werden Mulder und Scully nach Minneapolis gerufen, weil der dortige FBI Agent hinter einer sehr bizarren Leichenschändung Außerirdische vermutet. Mulder ist erstaunlicherweise sicher, dass es „nur“ eine „normale“ Leichenschändung ist, aber als noch weitere Leichen mit geschnittenen Haaren und herausgerissenen Fingernägeln entdeckt werden, beschließt er, trotzdem weiter zu ermitteln.

Interessanterweise nehmen die Leichenschändungen, die sich bald zu Serienmorden entwickeln, Scully sehr mit. Vermutlich hat es etwas mit dem Stress ihrer Entführung zu tun, aber es wirkt so, als wäre jemand, der Leichen ausgräbt, um ihnen Haare und Fingernägel zu klauen, das Schlimmste, was sie je erlebt hat. Da ist es auch nicht sehr hilfreich, das Pfaster ein Auge auf Scully geworfen hat.

„Todestrieb“ ist eine spannende Serienkillerfolge, die sich auch gut in einer Serie wie „Criminal Minds“ machen könnte. Nick Chinlunds Performance ist in meinen Augen etwas zwiespältig, da hier mal wieder der Fehler gemacht wird, einen Sonderling so zu spielen, dass in der Realität niemand mit ihm reden würde. Es gibt eine Szene, in der Pfaster einen neuen Job als Lieferant annimmt und sofort herzlich von einer Frau begrüßt wird, die seit Jahrzehnten von seinem Vorgänger beliefert wurde. Sie lädt ihn in ihr Haus ein, stellt ihn seinen Kindern vor und erzählt ihm, dass die Hintertür immer offen ist, falls er mal etwas liefert, während sie nicht zuhause sind. Das ist eigentlich eine gelungene Szene nach dem „tickende Zeitbombe“ Muster. Die Art und Weise, wie er die Tochter ansieht und wie er „Das werde ich mir merken“ sagt, nachdem er das mit der Tür erfährt, ist ein gelungener „Oh shit, ich hoffe, die erwischen ihn vorher!“ Moment, aber wie gesagt, Chinlund spielt die Rolle so merkwürdig, dass es mehr als unglaubwürdig ist, dass die Frau SO herzlich zu ihm ist und noch nicht mal Verdacht schöpft. Okay, sie ist wohl sehr naiv und von der freundschaftlichen Beziehung zum vorherigen Lieferanten verwöhnt, aber scheinbar ist sie auch blind, taub und blöd. Die ganze Familie hätte schon 20 mal ermordet sein müssen! Dasselbe gilt für die Prostituierte, die Pfaster in seine Wohnung locken kann und die ihn erstaunlicherweise erst verdächtig oder unheimlich findet, als sie sieht, was er in seinem Schlafzimmer aufbewahrt.

aktextodestrieb01Etwas unsicher bin ich auch über Scullys Verhalten in dieser Folge. Sie kann sich zwar selber nicht erklären, warum gerade dieses Verbrechen sie so traumatisiert, aber es lässt sie viel schwächer wirken, als sie eigentlich ist. Immerhin wird der Versuch unternommen, Pfaster wie „das pure Böse“ aussehen zu lassen, indem sie ihn in Visionen wie einen Dämon (und ich glaube auch bekannte Serienkiller) sieht. Das wiederum erinnerte mich sehr an Chris Carters andere, große Serie, „Millennium“, in der Lance Henriksen Serienkiller jagte und diese dabei wie Dämonen wahrnahm. (Wie sich dann später herausstellte, waren es tatsächlich Dämonen.) Aber ich schweife ab. Der Punkt ist: Scullys plötzlicher Schock ist zwar schon irgendwie begründet, schließlich ist die pure Unmenschlichkeit hinter den Verbrechen wahrlich schwer zu verkraften, aber es wirkt auch wie: „Huch, ’ne Leiche, das schockiert die ausgebildete FBI Agentin mit medizinischem Doktortitel aber sehr!“ Immerhin ist Scully so schlau, Hilfe zu suchen. Sie vertraut sich nicht Mulder an, auch wenn er natürlich merkt, dass etwas nicht stimmt, aber sie geht sofort zur örtlichen FBI Psychologin, was ja schon mal ein gelungener Bruch des „Ich brauche keine Hilfe“-Klischees ist. Ob es dann wirklich nötig war, sie am Ende entführen zu lassen und ob und inwiefern das Geschlechterklischees und sexistische Stereotypen bedient, dürfen gerne Andere diskutieren.

An der Inszenierung gibt es aber nichts auszusetzen. David Nutter saß hier erneut auf dem Regiestuhl und feuert aus allen Rohren. Die vielen, dunklen Schatten, in die die einzelnen Sets, vor allem aber Pfasters Tatorte, getaucht sind, wirken, nach 1995er Fernsehstandards, wie Kinoqualität, sind aber vor allem eins: Atmosphäre pur! Ich weiß nicht, ob „Todestrieb“ am Ende wirklich eine Folge ist, die ich zu den Top-Folgen zählen würde, geschweige denn, ob ich mich überhaupt an sie erinnern werde, aber als spannende Serienkillerjagd und „Millennium“ Prototyp, ist sie wirklich gelungen.

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