Sonntag ist Bondtag: „Liebesgrüße aus Moskau“

Nachdem die 007-Reihe schon mit ihrem Debüt „Dr No“ mehr geklotzt als gekleckert hat, wenn auch mit gemischten Resultaten, legt der zweite Teil die Messlatte noch mal deutlich höher. Aber nicht nur in unproblematischen Kategorien.

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Man beachte Bonds leicht perverses Grinsen.

„Liebesgrüße aus Moskau“ fängt mit einer Bombe an! Wir beobachten Bond dabei, wie er vom muskelbepackten Killer Grant (Robert Shaw aus „Der weiße Hai“ und „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“) verfolgt wird. Schließlich wird er von Grant erwischt und getötet! Und das noch vor dem Vorspann! Stellt euch das mal vor! Wie kann so etwas passieren? War Bond in den folgenden 23 Filmen ein Zombie oder waren das alles Prequels oder…puh, wartet mal. Das war gar nicht Bond! Nur jemand, der zu Trainingszwecken seine Maske trug. Persönlich empfinde ich das als ziemlich übertrieben. Was sollte die Maske? Wollte man Grant einen Streich spielen? Dachten sie, er wäre effizienter, wenn sein Opfer wie Bond aussehen würde? Naja, egal.

„Sie“ sind übrigens „Das Phantom“, bzw. „Spectre“, wie die Verbrecherorganisation im Original heißt. (Oder „GOFTA“, wie es im letzten Film eingedeutscht wurde.) Die sind immer noch ziemlich sauer, dass 007 ihren Mitarbeiter Dr No erledigt hat, weshalb ihr Chef Blofeld (Gespielt von einem gewissen „?“) den Schachgroßmeister Kronsteen (Vladek Sheybal, „Shogun“, „Die rote Flut“) und die russische Generälin Klebb (Der österreichische Opernstar Lotte Lenya) einen unfehlbaren Plan entwickeln. Dieser besteht darin, den MI6 glauben zu lassen, dass die naive Russin Tatiana (Daniela Bianchi), zusammen mit einer Dechiffriermaschine, in den Westen überlaufen will.  Der Trick dabei ist, dass das Ganze so offensichtlich nach einer Falle klingt, dass der MI6 nicht anders kann, als Bond loszuschicken und ihn herausfinden zu lassen, warum diese Falle gestellt wurde und ob es vielleicht nicht doch einen Weg gibt, die Überläuferin und ihre Maschine über die Grenze zu schmuggeln.

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Echte Charakterköpfe.

Schon der Einstieg in den Film übertrifft „Dr. No“ in einer Sache: Charaktere! Grant, Kronsteen und Klebb sind herrlich cartoonhaft überzogene Persönlichkeiten, die schon durch ihre Körpersprache hervorstechen, ohne viel mit Worten sagen zu müssen. Grant bleibt für den Großteil des Films stumm, aber selbst ihn nur Bond vom weiten beobachten zu sehen, lässt ihn bedrohlich wirken. Kronsteen schwitzt Arroganz aus jeder Pore. Und Klebb, die eindeutig das Vorbild für Frau Farbissina war, ist in jeder Sekunde herrlich hassenswert. Besonders sticht dabei die Szene hervor, in der sie Tatiana rekrutiert, wobei sie verbale und nonverbale Drohungen, teilweise mit sexuellen Untertönen, ausstößt. Okay, es ist ein bisschen homophob, aber Lotte Lenya verkauft Klebbs Bedrohlichkeit zu 100%, auf eine „Ich liebe es, sie zu hassen“ Art.

Doch auch bei den Guten gibt es diesmal tolle Charaktere. In Istanbul, wo Bond die vermeintliche Überläuferin plus Dechiffriermaschine in Empfang nehmen soll, trifft er auf Ali Kerlim Bey (Pedro Armendariz, der kurz nach den Dreharbeiten verstarb), den Leiter des dortigen Geheimdienstes, der nicht nur alle möglichen Positionen mit seinen Söhnen besetzt hat, sondern auch mit den Russen einen angenehmen „Wir spionieren sie aus, sie spionieren uns aus, aber alles ganz locker“ Status quo geschaffen hat. Zumindest bis Spectre anfängt Unfrieden zu stiften. Bey stiehlt mit seiner lockeren, wenn auch professionellen Art, die Show und es ist schade, dass er nie in anderen Bond-Abenteuern auftauchte.

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Tatiana ist so schön wie nervtötend.

Wenn es etwas gibt, das ich an „Liebesgrüße aus Moskau“ vermisse, dann sind es die SciFi/Fantasy-Elemente aus „Dr No“ und den meisten anderen Filmen der Reihe. „Liebesgrüße“ ist alles andere als realistisch und spielt in einer vergnüglichen „heightened reality“, aber hier hat niemand Metallhände, Hauptquartiere in Vulkanen oder auf dem Meeresgrund, Todeslaser in Satelliten, etc. Es handelt sich hier eher um ein Roadmovie. Bond und Tatiana fahren im Orient Express, mit dem Auto, mit einem Boot, wir sehen wunderschöne Landschaften und ein „Zigeunercamp“. Die Locations ändern sich ständig, genau wie die Probleme, die Bond lösen muss. Der Film ist auf jeden Fall abwechslungsreicher als es „Dr No“ war.

Er ist aber auch ein bisschen problematischer. In Sachen Rassismus ist er nicht so schlimm wie sein Vorgänger. Abgesehen von der Szene bei den „Zigeunern“, aber selbst die Klischees, die wir hier serviert bekommen, sind nicht so ärgerlich wie die abergläubischen, kulleräugigen Jamaikaner oder die vermeintlichen Asiaten in Yellowface aus dem letzten Film. Allerdings ist der gesamte Plot ziemlich peinlich. Wenn man ihn in einem kurzen Satz zusammenfassen will, ist er: „Bond verführt eine naive, junge Frau im Namen des kalten Kriegs.“ Tatiana hat wirklich keine richtige Persönlichkeit und wirkt wie ein dummes Blondchen, das sich von allen herumschubsen lässt und sich sofort in Bond verliebt, einfach nur, weil er ihr schöne Augen macht. Tatianas ständiges Herumgeflirte mit Bond triggert beim Zuschauer heftigstes Fremdschämen und es ist schon hart mit anzusehen, wie unser vermeintlicher Held sie ausnutzt. Immerhin, es gibt ein paar Momente später im Film, in denen er sich eindeutig um ihr Wohlergehen sorgt. Ich will nicht behaupten, dass er sie auch liebt, aber immerhin macht es Bond etwas menschlicher.

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Blofeld kann nicht so böse sein. Er mag Katzen!

Ohnehin fühlt sich Sean Connery diesmal deutlich wohler in seiner Rolle. Er hat aber auch mehr zu tun, als nur cool zu sein. So gibt es zum Beispiel einen Moment, in dem er von Grant überwältigt wird und es so wirkt, als hätte Bond tatsächlich Angst um sein Leben. Okay, wir wissen, dass er einen Plan hat und nur so tut, aber es ist schön, Connery auch mal richtig schauspielern zu sehen.

Also, „Liebesgrüße aus Moskau“ toppt „Dr No“ in fast allen Belangen. Es ist kein perfektes Stück Film, dass unsere heutigen Maßstäbe von Moral und Anstand in jeder Kategorie erfüllt, aber es macht Spaß und glänzt mit tollen Schauspielern und erinnerungswürdigen Charakteren.

„Sonntag ist Bondtag“ will return in „Goldfinger“!

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Poster und Screencaps © MGM

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