Reise nach 1997: "Austin Powers–Das Schärfste, das ihre Majestät zu bieten hat"

Und es ist wieder 1997, das vielleicht merkwürdigste Filmjahr aller Zeiten. Oder zumindest der 90er. Zum Start von „Sonntag ist Bondtag“, diesmal mit einem Film, der gleichermaßen liebevolle Hommage an, wie freche Verballhornung von 007 und Co ist. „Austin Powers“.

Austin PosterIn „Austin Powers“ geht es um Austin Powers (SNL-Ikone Mike Myers, der schon mit „Wayne’s World“ einen der größten Komödienhits der 90er abgeliefert hatte.), seines Zeichens erfolgreicher Modefotograf, Sexsymbol und bester Geheimagent im England der Swinging Sixties. Als er und seine Partnerin Mrs Kensington (Mimi Rogers), endlich die Chance haben, ihren Erzfeind Dr Evil (Auch Mike Myers) dingfest zu machen, friert sich dieser ein und schießt sich ins All, um 30 Jahre später seine Schreckensherrschaft weiterführen zu können. Doch er hat nicht damit gerechnet, dass auch Austin sich einfrieren ließ und als Dr Evil im Jahr 1997 wieder auftaut, holt man auch ihn wieder aus der Reserve.

Dummerweise haben sich die Zeiten mehr geändert, als Austin erwartet hat. Sein Aussehen wirkt heute eher skurril bis abstoßend, seine aggressiven Flirtversuche zählen als sexuelle Belästigung und vom „Love & Peace“ der 60er ist nichts mehr übrig. (Zumindest in den USA. Währe er in Europa geblieben, hätte er an Love Parade und Co garantiert seine Freude gehabt. Vielleicht nicht unbedingt an der Musik, aber an der allgemeinen, sorgenfreien Partystimmung der 90er.) Zudem scheint er keinen Draht zu seiner neuen Partnerin Vanessa (Elisabeth Hurley), der Tochter von Mrs Kensington, zu kriegen. Immerhin hat auch Dr Evil mit genug eigenen Problemen, wie inkompetenten Handlangern, modernen Tierschutzbestimmungen oder seinem widerspenstigen Sohn Scotty (Seth Green) zu kämpfen, so dass die Rettung der Welt zumindest ein ausgeglichener Kampf ist.

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Holt euch die fröhlichen Blumen!

„Austin Powers“ war eines der riesigen Kultphänomene der späten 90er und frühen 00er. Dabei stand es zuerst gar nicht so gut um den groovy Geheimagenten. In den USA lief der Film ziemlich mittelmäßig an den Kinokassen. Er spielte zwar sein Budget wieder ein, war aber auch nicht der erhoffte Smash Hit, der „Wayne’s World“ war. Auf Video lief der Film hingegen so gut, dass man sich 1999 an eine Fortsetzung wagte, die tatsächlich das zweiterfolgreichste Startwochenende des Jahres hinlegte (Nur von „Star Wars Episode 1“ geschlagen!) und insgesamt in den USA mehr einspielte als „Matrix“! (Und der dritte Teil, der 2002 herauskam, war sogar noch erfolgreicher!) Plötzlich sagten Teenager auf der ganzen Welt „Shagedelic“ und „Groovy“ oder fragten ihre Freunde „Do I make you horny, baby?“, bis diese Worte jede Bedeutung verloren hatten.

Heute hat die Filmreihe nur noch eine bedingte popkulturelle Relevanz. Man könnte fast schon sagen, dass sie vergessen ist oder sich zumindest Viele dafür schämen, sie überhaupt je gemocht zu haben. Das ist so schade, wie ungerechtfertigt, denn „Austin Powers“ funktioniert heute wie damals. Hauptdarsteller und Autor Mike Myers, sowie sein Regisseur Jay Roach (Den man heute dank Filmen wie „Trumbo“ oder „Recount“ auch als „seriösen“ Filmemacher kennt), haben sich wirklich in allen Belangen Mühe gegeben. Selbst wenn man noch nie einen klassischen „James Bond“ Film gesehen hat, kommen einem gewisse Anspielungen bekannt vor und man kann über Gags, wie die Einblicke in das Privatleben verstorbener Handlanger oder die „Warum erschießt du sie nicht einfach!?“ Diskussion zwischen Vater und Sohn Evil, laut lachen. Der Humor schwankt dabei zwischen brillanter Parodie und albernen Wortspielen und Plattheiten, doch selbst ein Whirlpoolfurzwitz ist so gut getimt, dass man zumindest lächelt. Und selbst der derbste Sexwitz ist immer noch familienfreundlich genug, dass man sich den Film mit (fast) der ganzen Familie ansehen kann.

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Man beachte Frau Farbissina im Hintergrund.

Hinzu kommt eine Besetzung, die bis in die kleinsten Nebenrollen und Cameos perfekt ist. Etwa 70er Jahre Ikone Robert Wagner („Hart aber herzlich“, DiNozzos Papa aus „NCIS“), der hier als Dr Evils Handlanger „Nr 2“ erstaunlich wenig Screentime bekommt, aber jede kleine Geste und jeden Satz so perfekt darbietet, dass man sich niemand anderen in der Rolle vorstellen könnte. Mindy Sterling sollte als „Frau Farbissina“ definitiv mehr Respekt bekommen. Viele andere Schauspielerinnen hätten nicht viel aus der „stereotype strenge Deutsche Soldatin“ Rolle herausgeholt, aber selbst wenn sie unscharf im Hintergrund sitzt und nur auf Dr Evils Albernheiten reagiert, ist es eine Freude, ihr zuzusehen.

In diesem Jahrtausend wurde es leider mehr und mehr zum Standard, die Darsteller in Komödien endlos improvisieren zu lassen und auch ja das ganze, spontan entstandene Material, im Film zu verwenden. (Verflucht seist du, Judd Apatow!)  Auch hier muss ich die Verantwortlichen loben. Einige der besten Szenen, wie etwa Dr Evils erste Begegnung mit seinem Sohn, sind eindeutig improvisiert, aber im Gegensatz zu vielen modernen Filmen, geht keiner dieser Momente länger, als er muss. Ich wette, es wurden viele gute Gags auf dem Boden des Schneideraums gelassen, einfach nur um zu verhindern, dass der Film jeglichen Schwung verliert und das Publikum langweilt. Schon deshalb sollte man „Austin Powers“ an Filmschulen zeigen!

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Wir alle kennen solche Tage…

Perfekt ist der Film aber zugegebenermaßen nicht. Auch wenn selbst der intellektuellste Snob hier garantiert Dinge finden wird, über die er lachen kann, hängt es schon von Eurer Toleranz gegenüber Kalauern und Plattheiten ab, wie oft ihr lacht. Auch wenn sich der Film am Ende sehr versöhnlich gegenüber der 60er Jahre Swingerkultur gibt, sind die ganzen Culture Clash Witze nicht unbedingt sehr originell und eher von der Marke „Früher machte man das, aber heute macht man das, ist das nicht abgefahren!?“ Und kurz vor dem letzten Akt versucht man noch, Austin eine gewisse, charakterliche Tiefe zu geben und lässt ihn sich für seine beruflichen Verführungskünste schlecht fühlen, seine toten Promifreunde betrauern und mit der Technologie und den Menschen der Neuzeit nicht zurechtkommen. Das ist weder dem Nonsens-Ton, noch dem Tempo des Films zuträglich, aber immerhin ist all das nur eine Szene später wieder vergessen und es darf unbeschwert weitergeblödelt werden.

Ja, 20 Jahre später ist „Austin Powers“ immer noch verdammt witzig. Das lässt sich nicht über alle Komödien aus dieser Zeit sagen, doch dank des zeitlosen Themas, der tollen Besetzung und der gelungenen Gags aus verschiedenen Humorformen, darf man auch 2017 [irgendetwas mit „Groovy“ und „Shagadelic“ und so.]


Bilder (C) New Line Cinema

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