Plaudereckchen Exklusiv: Q&A mit den “Zwobot”-Machern!

Das Leben als erfolgloser Amateurblogger hat schon die eine oder andere Überraschung zu bieten. Wie zum Beispiel, als ich vor ein paar Wochen eine e-Mail von jemandem erhielt, der sich für meinen Artikel zur absurden VIVA Zwei Puppenserie “Zwobot”, von vor ein paar Monaten bedankte. Dieser Jemand stellte sich als Mark Sikora, einer der drei Macher der Serie vor. Wir kamen schließlich ins Plaudern und obwohl ich nicht so der aufdringliche Selbstvermarkter bin, fragte ich ihn, ob er Interesse hätte, für das Plaudereckchen ein paar Fragen zur Entstehung von “Zwobot” zu beantworten. Er war nicht nur bereit dazu, er holte auch noch Karl Koch und Jochen Schmitz, die beiden anderen kreativen Köpfe hinter der Sendung dazu!

Also, ohne größere Umschweife: hier sind ihre ausführlichen Antworten zu meinen verhältnismäßig uninteressanten Fragen.

Als erstes Mal bitte ich euch, euch etwas genauer vorzustellen, was euer Background ist und was eure Aufgabe bei „Zwobot“ und insgesamt bei Viva Zwei war. Bezüglich des Backgrounds würde ich auch gerne wissen, ob ihr eventuelle Schauspielerfahrung hattet, denn was an „Zwobot“ für mich immer sehr bemerkenswert war, waren die oft überraschend professionell klingenden Stimmen der Puppen.

Mark Sikora: Laut meiner kunterbunten VIVA-Visitenkarte war ich Redakteur und Produzent von „Zwobot“. Außerdem hatte ich gleichzeitig dieselbe Funktion bei „Wah2“ (VIVA ZWEI). „Wah2“ war eine Musik-Sendung für alternative Popkultur: Beck, Melvins, Mouse On Mars, Jon Spencer Blues Explosion, Beastie Boys und so Zeugs. Vor meinem VIVA-Job habe ich für Magazine wie SPEX und das HC/Punk-Zine ZAP geschrieben und diverse Plattencover und T-Shirts für Knüppel-Kapellen wie Napalm Death oder Cryptic Slaughter zusammengestöpselt. In der Grundschule habe ich mal bei einem Theaterstück einen Schulcomputer gespielt – Shakespeare war nix dagegen!

Meine größte und schönste Sprechrolle bei „Zwobot“ war Seattle Jörg. Das funktionierte Dank Karls Tagebuch-Gegenpart auch recht gut. Karl hat ohnehin die meisten Figuren gespielt und gesprochen: Zwobot, Tagebuch, Kroko, Kinky, NetNet und so weiter. Die Ideen für die meisten Segmente der Show sind zwar auf meinem Mist gewachsen, aber ohne Karls versatiles Sprecher- und Puppenspiel-Talent sowie Jochens filmtechnische Expertise wäre „Zwobot“ nie und nimmer zustande gekommen. Nochmal Dank an alle Cutter, Grafiker, Techniker und Gaststimmen, die uns geholfen haben!

Karl Koch: Ich war damals, als es mit „Zwobot“ losging, fest angestellter Autor bei VIVA. Ich hatte während des Studiums, auf Vermittlung von meinem Freund Rocco Clein, als Autor bei VIVA angefangen, als studentischer Nebenjob. Mit Rocco hatte ich dann „Suspekt“ gemacht, ihn bei den VIVA ZWEI Neuigkeiten vertreten und pünktlich zum Ende meines Studiums die Stelle als fester Autor für VIVA angenommen. Da ich das ganze Procedere durch meine nebenberufliche Arbeit aber schon kannte, begann ich mich recht schnell zu langweilen. Da traf sich Marks Idee gerade recht, ihm bei einer Puppenshow zu helfen. Ich hatte für Marks „Wah2“ Format bereits einige Sachen nebenher gemacht, entweder als Klaus Lotze mitgespielt, oder für die „Kunstschul In Wald“ Serie mit Frank Kozik den arglosen Spaziergänger gespielt.

Zu den Stimmen: Weder Mark, Jochen noch ich hatten irgendeine Sprecherausbildung. Das ergab sich einfach. Denn „Zwobot“ wurde ja so produziert, dass erst die Stimmen aufgenommen, und dann zum fertigen „Hörspiel“ die Puppen gespielt wurden. Jochen als WahWah-Binx hatte sich z.B. Apu von den Simpsons als Vorbild genommen. Für Zwobot haben wir ein Effektgerät verwendet, welches einfach auf die bassigste Einstellung gedreht wurde. Den habe ich gesprochen, Mark hat z.B. Seattle Jörg gesprochen, oder auch Gimbo, den perversen Lustclown des Königs in „Prinzessin Nichtgesicht“.

Für die Aufnahmen haben wir immer die sogenannte Insert-Kamera, eine fest montierte Beta-Kamera verwendet, die oberhalb eines Leuchttischs angebracht war, um Zeitungscover o.ä. abzufilmen. Die war so montiert, dass man mit ihr Fahrten, Zooms etc. machen konnte. Sprich: Die Zwobot Puppen wurden aufsichtig gespielt, d.h. oberhalb des Tisches, unterhalb der Kamera. Wenn sich die Puppe für die Kamera nach vorne bewegen sollte, musste sie also nach oben gespielt werden usw.

Jochen Schmitz: Ich hatte Film- und Fernsehwissenschaften studiert und so im Herbst 1999 hat mich Karl angerufen und gefragt: „Bei VIVA ZWEI passiert gerade ganz viel, da ist ein neuer Programmdirektor und da wird es auch eine Sendung mit Puppen geben, willst du da nicht mitmachen?“ Und so habe ich Mark kennengelernt, als Praktikant bei „Wah2“ und „Zwobot“ angefangen und dann dort mein Volontariat absolviert. Karl kannte ich schon länger und hatte auch schon ein paar mal irgendwie bei „Suspekt“ mit ihm und Rocco Clein mitgemacht. Das hatte schon sensationell viel Spaß gemacht. Und es sollte noch besser werden.

Ich hatte so ein bisschen technisches Verständnis und ziemlich viel Scheiße im Kopp, das hat dann ganz gut gepasst. Geschrieben habe ich nie etwas, das kam alles von Mark und Karl. Nur eine einzige Zeile ist von mir, aus einer Folge „Media Park“: „Pipi, Kaka, Guten Appetit.“

„Ich hatte so ein bisschen technisches Verständnis und ziemlich viel Scheiße im Kopp, das hat dann ganz gut gepasst.“

Gesprochen habe ich den Wahwah-Binx, die Sockenpuppe. Wahwah-Binx Stimme war meine vollkommen verunglückte Version von Apu von den Simpsons. Er hört sich zum Glück Null nach Inder an, warum auch? Und dem Flake von den Rinnstein Kids habe ich meine Stimme gegeben, ich hab’s mir gerade noch mal angehört: Grausam. Alle anderen Stimmen waren von Mark und Karl.

 

Dann natürlich die Frage, wie „Zwobot“ entstanden ist. Kam von Euch oder von der Chefetage die Idee, ein Puppentheater ins Programm zu nehmen? Und war es überhaupt geplant oder hatte einfach mal jemand in der Mittagspause zum Spaß ein paar Kulleraugen auf ein Mikro geklebt und plötzlich kam der Geistesblitz?

Karl: Die Idee hatte Mark. Ich meine, es hätte für Zwobot noch ein paar andere Entwürfe gegeben, aber irgendwann wurden dem Mikroschoner einfach ein paar Augen aufgeklebt.

Mark: 1999 gab es eine Programm-Offensive bei VIVA ZWEI. Klingt zwar heute ganz schön albern, aber VIVA und die deutsche Version von MTV haben sich zu der Zeit wie die Irren um ihr Zielpublikum gefetzt. Es wurde ein Haufen neuer Sendungen entwickelt. Unser damaliger Chef Elmar fragte an, ob wir uns neben „Wah2“ nicht noch ein anderes Format vorstellen könnten. Vielleicht was mit Puppen? Bei „Wah2“ hatten wir immer mal wieder mit preiswerten Spezialeffekten und kruden Action-Figuren experimentiert. Die Ergebnisse waren meist rechts trashig, aber passten zum Wah2-Indie-Charme. Wir fabrizierten also eine „Zwobot“-Test-Folge, die wir mit Sicherheit irgendwann auch versendet haben. Elmar gab grünes Licht für die Show und verkündete in der gleichen Konferenz, dass er zu MTV wechseln würde. Das waren lustige Zeiten!

 

Was waren die Anstöße für die jeweiligen Charaktere? Es ist eindeutig, dass der Großteil der Puppen (Vielleicht sogar alle, bis auf den Zwobot, Wah Wah, Floker und Huns?) wohl aus einem Second Hand Shop (oder dem eigenen Keller) stammt, aber wie kommt man auf die Idee, z.B. ein Kasperleteufel zu nehmen und zu sagen: „So, der ist jetzt ein perverser Österreicher“?

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Mark: Anschnallen und Tee köcheln – könnte jetzt etwas länger dauern.

Zwobot“ (Figur) – Die Show sollte einen unglaublich übellaunigen Anti-Moderator haben, der über die Sendung und das ganze Fernseh-Getöse herummeckert. Mir schwebte da ein Roboter vor. So wie Marvin, der paranoide Androide aus einem meiner Lieblingsbücher „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams selig. Ich hatte schon ein paar umständliche Zeichnungen zusammengekritzelt. Da sah Zwobot noch eher aus wie „Robbie the Robot“ aus „Alarm im Weltall“. Irgendwann kam Karl auf den Geniestreich mit dem Wackelaugen-Mikrofonschoner. Von da an war die Figur Zwobot komplett Karls Ding. Er kreierte die Stimme und schrieb die herrlich genervten Rahmenmoderationen.

Seattle Jörg“ – Der übersensible Nirvana- und Indie-Rock-Hörer. Inspirationsquelle für den Namen war der Song „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“ von Tocotronic. Wir änderten „Dirk“ in „Jörg“ und ließen das Komma unter den Tisch fallen. Jede Folge wurde dreimal vor jeweils anderem Farbhintergrund gespielt, damit das Ganze knalliger und dynamischer wirkte. Von Aufwand und Themenvielfalt ist Jörg ein persönlicher Favorit. An der Puppe klebt tatsächlich mein Blut. Jörg habe ich mühselig aus Teilen von „Sesamstraßen“- und „Schweinchen Babe“-Plüschfiguren sowie einer blonden Karnevalsperücke zusammengenäht. Das flauschige Tagebuch war ein leicht modifiziertes Programmheft der 1994er MTV-Awards, zu denen ich wegen eines SPEX-Artikels nach New York geflogen wurde. Ich fand es damals irre subversiv, dass wir bei Zwobot die ganze Zeit mit einem Büchlein unserer direkten Konkurrenz herumwedelten. „Jörg“ wurde in Zweitauswertung auch bei „Fast Forward“ mit Charlotte Roche zu besserer Sendezeit verbraten, was die Serie bestimmt populärer gemacht hat.

„Das flauschige Tagebuch war ein leicht modifiziertes Programmheft der 1994er MTV-Awards“

Mr. Explosion“ – Hauptinspirations-Quelle für die beschwingte Bombe waren natürlich die brillanten Monty Python und ihre zahlreichen Knall-Einlagen. Auch die „Muppets“ hatten einen anarchistischen Bombenleger. Der Name „Mr. Explosion“ entstand wohl als Reaktion auf den Song „Mr Self Destruct“ von Nine Inch Nails. Der Korpus von Mr. Explosion war Teil des Hebels einer Crêpes-Maschine. Das „Oh oh“ am Ende des „Explosion“-Lieds ist Ausdruck echter Besorgnis. Die „Explosion“-Wunderkerze hätte während des Drehs bei mir zuhause beinahe einen Wohnungsbrand ausgelöst.

Klingelmonster“ – Ein wüster Mix aus wilden Einflüssen: H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos, den damals topaktuellen „Teletubbies“, eine Prise David Lynch, Death Metal von Earache und Peaceville, „Star Wars“-Spielzeug und natürlich die meisterhafte „Muppet“-Welt von Jim Henson. Die Flügel des Klingelmonsters gehören einem Plastik-Adler von „Big Jim“.

„Rinnstein Kids“ – Ein Überbleibsel vom Wunsch der Programmdirektion, kommerzielle VIVA ZWEI-Bands wie Guano Apes oder Rammstein in die Show reinzufriemeln. Zu den Apes ist mir nix eingefallen. Die „Rinnstein-Kids“ habe ich eher schlecht als recht aus Plüschabfällen und Moosgummi-Resten zusammengepanscht. Die Hintergründe waren aus Wellpappe. Coolster Bastelbedarfs-Laden in Köln war zu der Zeit Labbé. Der bot viel Werkel-Kram für Kindergarten und Grundschule. Passte gut zu „Zwobot“. Leider gibt’s den Shop jetzt nur noch im Internetz.

Prinzessin Nichtgesicht“ – Unser leider viel zu früh von uns gegangener Freund und Kollege Rocco Clein, mit dem ich auch eine Zeit lang „Wah2“ fabrizierte, überlies uns netterweise ein paar arg zerzauste, aber edel verzierte Kasperlefiguren aus seinem Familienfundus. Schwupp – schnell eine lendenlahme Mittelalterhandlung drum herum gezimmert. In der Mitte schwenkte die Story plötzlich in ein surreales „Twin Peaks“/“Evil Dead“-Gebräu namens „Die schwarze Hütte“ um. Schuld war vermutlich Langeweile und Aufmerksamkeitsdefizit. Der Name „Nichtgesicht“ ist eine Hommage an das Album „Nothingface“ der kanadischen Rock-Band VoiVod.

Terrorgirl“. Inspiration: Riot-Grrrl-Bewegung, insbesondere Bikini Kill, Simone De Beauvoir, Cat Woman („Batman 1966“), Irma Vep, Hanin Elias & Atari Teenage Riot sowie Hanna Schygulla in Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“.

Der Kinky“ – Wie sieht ein perverser Telefonsex-Teufel aus? Natürlich wie eine mit Klebstoff eingeschmierte Kasperle-Puppe aus dem Kaufhaus. Warum der österreichische Dialekt? Weil damals extrem viele Damen und Herren aus Wien und Umgebung durch die deutsche Fernsehlandschaft flatterten. Und natürlich weil Karl den Akzent draufhatte.

Kroko übergeben Sie!“ – Noch so eine ausgewogene, tiefsinnige Diskurs-Serie, in der das Pro und Kontra möglichst effektiv bebildert wurde. Meine liebe Freundin Bettina Williges köchelte damals in liebevoller Fleißarbeit Krokos Protest-Gegöbel aus rein biologischen Produkten.

Kraku & Net Net“ – Eine abstrakte Variante des Hin- und Hers zwischen Jörg und seinem Tagebuch, angereichert mit viel Spielzeugkram von meinem Japan-Trip mit Mouse on Mars und Oval. Hier gab es tatsächlich kein richtiges Drehbuch. Karl und ich haben in der Sprecherkabine nur die Namen der Titelfiguren ins Mikrophon gebrabbelt

Singen mit Charlie“ – Eine experimentelle Flash-Animation des ehemaligen Wah2-Praktikanten und späteren Meister-Kurzfilm-Regisseurs Markus Wambsganss. Bei Fragen und Gemecker bitte mit frankiertem Rückumschlag direkt an ihn wenden.

Gott segne Wesley Willis“ – Kurz geschrieben, flott eingespielt. Musik und Texte inspiriert vom großartigen Oeuvre des viel zu früh verstorbenen Ausnahme-Talents Wesley Willis.

Schiessen Sie auf den Pianisten vom Planet der Affen“ – Eine heiter-dramatische Mediation über das Zeitschinden. Jochen, Karl und ich haben wahrscheinlich am Mittagstisch öfter über Francois Truffaut- und Science Fiction-Filme geplaudert, daher der Genre-Mix im Titel.

Karl: Puh, mal sehen. Vorbild für Zwobot war sicher Marvin, der depressive Roboter aus „Per Anhalter durch die Galaxis“. Hm, das „Orakel von Tai-Peh“ war eine koreanische Maske, die ich während des Studiums von einem koreanischen Professor geschenkt bekommen hatte, plus mein eingekeyeter Mund, plus die dümmsten Bauernregeln, die ich finden konnte, plus der Name meines Asia-Imbisses gegenüber.

WahWah Binx war eine Handpuppe, die Jochen in Bonn auf dem Flohmarkt für 50Pf gefunden hatte. Das Ensemble von „Prinzessin Nichtgesicht“ waren halbkaputte Puppen aus dem Keller von Rocco Clein. Tja, und Kinky? Die Monologe wurden mithilfe des Wörterbuchs „Versautes Wienerisch!“ (o.ä.) geschrieben. Huns und Floker sollten so Kraftwerk-Roboter sein, die redeten, wie man mit Google-Übersetzungen damals Deutsch aus dem Englischen übersetzte. Den Rest kann Mark sicher besser sagen, die meisten Figuren stammen von ihm. Ah, das Klingelmonster sollte ein postapokalyptisches Teletubby sein.

„Die Monologe wurden mithilfe des Wörterbuchs „Versautes Wienerisch!“ (o.ä.) geschrieben.“

Die erste Folge war, wenn ich mich richtig erinnere, die Einzige, mit „richtigen“ Gaststars. (Charlotte Roche, Markus Kavka und Rocco Clein als Moosgummifiguren, aber mit ihren echten Stimmen.) Gab es da je Überlegungen, vielleicht auch von „oben“, das weiterzuverfolgen und öfter bekanntere Namen auftreten zu lassen? (Marke: „Band XY ist diese Woche bei „Fast Forward“, überlegt euch mal ein paar Zeilen, die sie für die nächste Zwobot Folge sagen können.“)

Karl: Tja, so schlau hätte man mal sein sollen. Fakt aber ist, dass wir „Zwobot“ neben „Wah2“ zu dritt, später zu viert produzierten. D.h. neben der wöchentlichen Wah-Sendung mussten auch immer bis zu 20 (oder sogar 40?) Folgen der einzelnen Serien plus der Rahmenhandlungen mit Zwobot produziert werden. Was hieß, dass wir oft am Wochenende an der Insertkamera produzieren mussten, denn unter der Woche wurde diese von der VIVA Grafik und allen anderen Redakteuren genutzt. Außerdem waren die Moosgummipuppen nicht so gut spielbar, man hätte auch ständig Termine für die Vertonung koordinieren müssen. Der Gedanke wurde also zugunsten besserer serieller Fertigung verworfen.

Mark: Also, es gab noch ein kleines Spezial, in dem Zwobot Madonna interviewte. Außerdem haben wir anfangs noch ein „Wah2″/“Zwobot“-Crossover fabriziert, in dem Seattle Jörg zusammen mit der Sängerin von Boss Hog die „Wah2“-Show moderierte. Deine zweite Klammer umschreibt ziemlich genau die Arbeitsphilosophie von VIVA ZWEI. Stimmt schon, Stargäste hätten die Show aufgewertet. Aber „Zwobot“ war sowieso schon von der Logistik ein ziemliches Kuddelmuddel. Um aktuelle „Wah2“-Shows machen zu können, haben wir viele Serien von „Zwobot“ vorproduziert. Dabei muss man bedenken, dass die Show noch zum größten Teil im Analogschnitt entstand. Also eine ähnlich lineare Arbeitsweise wie bei den Aufnahmen mit einem Tonbandgerät oder Kassettenrekorder. Man hätte später gedrehte Passagen mit Stargästen nicht einfach ratzfatz einfügen können, sondern das hätte wieder Zeit gekostet. Die wir nicht hatten.

Jochen: Es gab ja mal ein Madonna Special mit Zwobot und Wahwah-Binx, aber ob diese Sendung mehr Leute geguckt haben als andere? Ich glaube, so hat damals keiner gedacht. Auch keiner von „oben.“ Zum Glück wurden damals bei VIVA ZWEI keine Quoten gemessen. Viel hätte man da wohl auch nicht messen können.

Fallen Euch vielleicht irgendwelche Sketche oder Ideen ein, die es, warum auch immer, nie auf den Bildschirm geschafft haben?

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Karl: Haha, nein. Alles, was produziert wurde, wurde auch gesendet! Dafür war der „Aufwand“, so klein er auch scheinen mag, zu groß.

Mark: Der ganze Mumpitz, den ich mir aus den Rippen geleiert habe, wurde eigentlich sofort zu Serien verwurstet. Da gab es auch keine übrig gebliebenen Blooper oder Outtakes. Alles rein in die Kiste. An Zensur von Seiten der Sendeleitung kann ich mich nicht erinnern. Zwobot war selbst fürs Nischenfernsehen so ein kryptischer Quatsch, dass man da problemlos subversive Geheimbotschaften mit dem Holzhammer durchschmuggeln konnte. Ich bin mir sicher, dass wir kurz nach dem 11. September 2001 etwas achtsamer mit den Einsätzen von „Mister Explosion“ waren. Ich glaube, es gab ein Bit mit dem World Trade Center, das wir nicht gesendet haben. So oder so haben wir solche Sachen innerhalb der Redaktion entschieden und nicht mit der Programmdirektion abgesprochen. Allgemein: Klar, vielleicht wäre es schöner gewesen, wenn wir mehr Zeit, Geld und Personal für eine „richtige“ Puppen-Show gehabt hätten. Aber wahrscheinlich macht dann doch gerade dieses Improvisierte, Unfertige, Tolldreiste den eigentlichen Charme von „Zwobot“ aus.

„Zwobot war selbst fürs Nischenfernsehen so ein kryptischer Quatsch, dass man da problemlos subversive Geheimbotschaften mit dem Holzhammer durchschmuggeln konnte.“

Jochen: Ich kann mich an keine noch so bescheuerte Idee erinnern, die es nicht in die Sendung geschafft hätte.

Als Viva Zwei endete, wurden einige Sendungen zum Hauptsender geschoben, auch wenn selbst Aushängeschilder wie „Fast Forward“ dort schnell wieder wegrationalisiert wurden. Gab es je Überlegungen „Zwobot“ ebenfalls dort fortzuführen oder habt ihr gesagt: „Nö, wir hören auf, wenn es am schönsten ist und gehen mit dem Schiff unter“, bzw. hat Euch überhaupt jemand eine Fortführung angeboten?

Karl: Nein, das war nie in Erwägung gezogen worden. Das Ende von VIVA ZWEI wurde der Belegschaft am 11. September 2001 verkündet, Mark wollte dann nicht mit zu VIVA PLUS, woraufhin ich die Redaktionsleitung für die Genres-Redaktion da übernommen habe. Aber die Sendung war mit dem Sender tot, kein Wunder, bei dem Namen. Aber immerhin durften wir noch das allerletzte Video auf VIVA ZWEI sein.

Mark: Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich noch ein Einzelgespräch kurz vor Ladenschluss. Da wurde für den Bruchteil einer Sekunde darüber nachgedacht, ob ich nicht etwas Ähnliches wie „Zwobot“ beim Muttersender VIVA machen könnte. Aber das hätte da nicht wirklich ins Programm gepasst. Der größte Teil des „Zwobot“/“Wah2“-Teams kam ja damals beim VIVA ZWEI-Nachfolgesender VIVA PLUS unter und hat im Schweiße seines Angesichts die komplette Genre-Spät-Schiene von Alternative bis Hip Hop gestemmt. Ich fand das VIVA PLUS-Konzept ziemlich verwegen: Ein anspruchsvoller 24 Stunden-Musiknachrichtensender mit hauchdünner Personaldecke. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich daher im Guten von VIVA verabschiedet.

Jochen: Tja, irgendwie haben die damals vergessen, auch „Zwobot“ zum Hauptsender zu schieben!

Als wir Ende 1999 anfingen, „Zwobot“ zu produzieren, waren das in gewisser Weise die goldenen Zeiten des Musikfernsehens. Bei Viva Zwei gab es viele Leute mit guten Ideen, die auch richtig Bock hatten, was zu machen. Es gab noch ein Budget für diesen Sender, das war nicht groß, aber es gab schon einige fest angestellte Musik-Redakteure, davon gibt es heute ja nicht mehr so viele. Ein paar Verantwortliche fanden das gut, was da lief, aber viele haben das gar nicht verstanden und spätestens als AOL Time Warner mit ins Boot kam und die sich die Zahlen angeguckt haben, war klar, dass die Party vorbei ist.

 

Würdet Ihr heute noch eine Neuauflage der Sendung wagen, wenn z.B. ein Sender wie Tele 5 oder vielleicht auch nur ein YouTube Kanal anfragen würde?

Karl: Dafür machen wir zu viele andere Dinge. Und es hat auch seine Zeit gehabt. Wieder was zu dritt zu machen, wäre natürlich der Hammer. Denn da kommen schon gute Sachen raus. Aber es hat, glaube ich, niemand mehr die Geduld, dass sich so eine Sache entwickeln und etablieren kann. Außerdem gab es ja auch noch die Musikclips zwischen den einzelnen Segmenten, die wir immer mit viel Liebe programmiert haben, um dem Zuschauer am Freitagabend eine gute Zeit zu bereiten.

Jochen: Neuauflage? Ein Fall für Mr. Explosion.

Mark: In der Form, wie sie bei VIVA ZWEI lief, wird es die „Zwobot“ Show wohl nicht mehr geben. Die tolldreisten Wiederholungen und frechen Zeitschindereien waren komplett auf eine kuschelige, analoge Fernsehwelt zugeschnitten. Das alte „Zwobot“-Team wieder zusammen zu bringen wäre natürlich toll. Insbesondere wenn das neue Projekt den Charme und Esprit von „Wah2“ und „Zwobot“ hätte. Und wer weiß? Vielleicht gibt es ja unter den ehemaligen Zuschauern einen generösen Ölscheich, der so was unbedingt für seinen edelsteinverzierten Privatsender braucht. Seriöse Angebote bitte an: Mark Sikora & Co., zweite Mülltonne links hinter dem Bahndamm am MediaPark (wo die Schatten drohen).

 

Also, das wäre dann das Interview mit den Machern von „Zwobot“. Besten Dank nochmal an Mark Sikora, Karl Koch und Jochen Schmitz. Ich hatte Angst, dass meine Pillepallefragen sie langweilen würden, aber dem war zum Glück nicht so. Die Antworten waren mehr, als ich erhofft hatte und sollten jeden „Zwobot“ Fan erfreuen. Mein Herz hat diese Masse an Hintergrundinfo jedenfalls stark erwärmt.

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