Ich dachte, ihr mögt mich: “Garden State”

Hey, ich habe mal wieder eine neue Reihe, die ich garantiert viel zu selten fortführen werde. “Ich dachte, ihr mögt mich” handelt von den Filmen, die bei ihrem Erscheinen unglaublich beliebt waren, denen aber nach kurzer Zeit nur noch Hass entgegenschlug. Warum das so ist? Keine Ahnung. Manchmal ändern sich halt Geschmäcker. Als Sechzehnjähriger fand ich z.B. “Pulp Fiction” supergeil, aber heute geht mir das Ding (und eigentlich alles von Tarantino, außer “Reservoir Dogs” und “Kill Bill Vol. 1”) nur noch auf den Sack. Und manchmal will man (und mit “man” meine ich irgendwelche Vollidioten im Internet), sich einfach nur als “schlauer als der Rest” profilieren, indem man wirklich gute und vor allem beliebte Dinge schlechtredet.

garden_state_xlgIch glaube, so etwas passierte hier eindeutig mit Zach Braffs Regiedebüt “Garden State”. Dies ist die Geschichte von Andrew “Large” Largeman (Braff), einem depressiven Mittzwanziger, der keine Ahnung hat, was er mit seinem Leben anstellen soll. Die Psychopharmaka, die ihm sein entfremdeter Vater (Der legendäre Ian Holm) seit Kindheitstagen verschrieben hat, unterdrücken all seine Emotionen. Obwohl Large kürzlich die Hauptrolle in einem scheinbar ziemlich erfolgreichen Fernsehfilm hatte, in dem er einen geistig behinderten Footballer spielte, bleiben neue Rollenangebote aus und er muss als Kellner jobben. Dann bekommt er eines Morgens die Nachricht, dass seine Mutter auf tragische Weise ums Leben kam. Also macht sich “Large” zum ersten mal seit Jahren in sein Heimatkaff auf, wo er nicht nur nervige Verwandte und alte Schulfreunde, sondern auch die schrille Sam (Natalie Portman) trifft, die ihm mit ihrer Sicht aufs Leben, zumindest etwas Freude bereitet.

Die frühen 2000er waren für Zach Braff eigentlich eine sehr gute Zeit. Vom unbekannten Kleindarsteller, wurde er über Nacht, durch die Hauptrolle in der originellen Krankenhauscomedy “Scrubs” zum Star. Sein Typ-von-Nebenan Charme, sein Talent für Humor und Drama und sein attraktiv-durchschnittliches Aussehen, machten ihn schnell zu einem der heißesten Stars des neuen Jahrtausends. Als er im Jahre 2004 sein Debüt als Autor und Regisseur gab, bekam “Garden State” schon alleine deshalb mehr Aufmerksamkeit, als die meisten anderen Independentfilme, über mit dem Leben unzufriedene, männliche Weiße. Zum Glück hatte er diesen Promibonus nicht wirklich nötig, denn “Garden State” entpuppte sich als ein überraschend gutes Erstlingswerk!

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Die bekannteste Szene des Films wurde dutzendfach in diversen Werbespots kopiert.

Vor allem Formal überzeugt der Film. Braff hat eine erstaunlich sichere Hand für einen Regiedebütanten. Vermutlich hat er dies den Topregisseuren und -kameraleuten am Set von “Scrubs” zu verdanken, die die Serie mit genau so sicherer Hand in Szene setzten. Jede Einstellung, jeder Schnitt, jede Kamerabewegung, deuten auf einen Mann hin, der nicht nur wollte, dass sein Film gut aussah, sondern auch eindeutig wusste, wie er dies bewerkstelligen konnte. Gerade im Independentfilm ist so etwas nicht immer selbstverständlich. Schon zu dieser Zeit waren zu viele junge Filmemacher vom debilen, dänischen “Dogme 95” Stil beeinflusst und glaubten, dass ihre schlecht beleuchtete Wackelkamera mit wildem rein- und rausgezoome, irgendeine Form von inhaltlicher Tiefe oder Anspruch darstellen würde. Von den anderen Regisseuren, die schlichtweg ihr Talent überschätzt haben und niemals auf dem Regiestuhl hätten Platz nehmen dürfen, wollen wir gar nicht erst reden. Egal warum “Garden State” heute so unbeliebt ist, an der Regie und der visuellen Darbietung kann es nicht liegen.

Eventuell am Drehbuch, auch wenn es dort ebenfalls nicht viel zu meckern gibt. “Garden State” ist mehr oder weniger ein Film der Sorte “Slice Of Life”. Es gibt hier kein echtes Ziel, keine tickende Uhr, keine Mission, außer vielleicht dem Glück des Protagonisten. Doch selbst das steht nicht im Vordergrund. Wir beobachten ihn in Momenten seines täglichen Lebens, bei der Arbeit, wie er sich mit Freunden trifft, am Leben von neuen Bekanntschaften teilnimmt, etwas über sich lernt, etwas über die Anderen lernt, usw. Das ist in diesem Fall mit viel trockenem Humor, aber auch einem großen Schuss Melancholie gewürzt. Larges Leben besteht aus einer Ansammlung von peinlichen Augenblicken, durch die er, dank der medikamentösen Apathie, fast völlig anteilnahmslos schwebt. Sei es seine eigene Unfähigkeit, mit den Kleinigkeiten des Lebens zurechtzukommen, seine Freunde, die im Gegensatz zu ihm scheinbar gar nicht erwachsen werden wollen oder die Frage, ob der Tod seiner Mutter ein Unfall oder Selbstmord war und es vielleicht mit einem Ereignis aus seiner Jugend zusammenhing. Dem Film gelingt dabei das Kunststück, in fließenden Übergängen, teilweise im Sekundentakt, von Komödie zu Tragödie zu wechseln, ohne uneinheitlich zu wirken. Auch das ist wieder eine Parallele zu “Scrubs”, obwohl “Garden State” nie so comichaft, bzw. tragisch wird, wie diese Serie. Beide Seiten des Emotionsspektrums werden auf eine ruhige Weise angegangen, die das Gesehene für sich selber sprechen lässt und für manche Zuschauer garantiert zu ruhig sein wird.

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Peter Sarsgaard, Jean Smart und der Typ aus dieser dummen „Nerds sind doch alle doof“ Serie sind auch dabei.

Das alleine kann doch nicht der Grund sein, warum “Garden State” plötzlich so verhasst ist, oder? Der offensichtlichste Grund, ist natürlich das schon erwähnte “Schlauer als der Rest” Syndrom. Wenn man sich den Film ansieht, ohne irgendetwas über dessen überschwängliche Kritiken zu wissen, denkt man vielleicht: “Ach, das ist ja ein guter Film.” Wenn man vorher aber weiß, wie beliebt der Film ist, wird da schnell ein: “Okay, zeig mal, was du draufhast. Waaaas? Du bist ja gar kein perfektes Meisterwerk, das das Kino für immer verändern wird! So ein Drecksfilm!” draus.

Auch ist Zach Braff vor einigen Jahren in gewissen Kreisen des Internets in Ungnade gefallen. Natürlich ist der Grund dafür absolut dämlich. Als er vor ein paar Jahren seinen Nachfolgefilm “Wish I Was Here” drehte, sammelte er einen Teil des Budgets durch Crowdfunding. Und weil Reddit und Co halt dachten, er, als superreicher Fernsehstar könnte mal eben jeden einzelnen Cent des Budgets aus seiner eigenen Tasche bezahlen, wurden sie sauer. Zudem hätte er es gar nicht verdient, die Möglichkeit auf vollkommene künstlerische Freiheit zu haben und sollte gefälligst, wie alle Anderen auch, zu echten Produzenten gehen, die ihm eventuell einen Haufen Änderungen und Kompromisse aufzwingen würden! Und warum sollte man ihm überhaupt Geld für einen neuen Film geben, wo doch vor ein paar Sekunden beschlossen wurde, dass sein Erstlingswerk absoluter Mist war?

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Ausserdem: Method Man in einer Pagenuniform.

Etwas einleuchtender ist da der Tatbestand des Herumhipsterns, den “Garden State” erfüllt. Der Film wirkt größtenteils, vom mit Indiebands gefülltem Soundtrack, zu den pseudophilosophischen Dialogen, wie ein einziger “Hey, checkt mal meine Individualität aus, yo” Instagram Account, voller “inspirierender” Zitate. In aller Fairness: 2004 wirkte dies tatsächlich noch frisch und originell, während man heute bei Sätzen, die mit: “Wenn ich mich einzigartig fühlen möchte” beginnen, nur genervt mit dem Kopf schüttelt. Bei genauerer Betrachtung steckt da allerdings etwas mehr dahinter. Als perspektivenloser Mittzwanziger, der irgendwie versucht einen Sinn in der Welt zu entdecken, kommen einem halt derartige Gedanken in den Kopf. Sinnlose Plattitüden, die einem, zumindest in diesem Lebensabschnitt, unglaublich tief und bedeutungsvoll vorkommen. Ob Zach Braff jetzt tatsächlich an diese hipsterphilosophischen Ergüsse geglaubt hat oder ob er wirklich nur die Gedankenzüge einer gewissen Gruppe Menschen porträtieren wollte, ist etwas schwer zu entziffern. Es ist eindeutig, dass wir es hier mit einem sehr persönlichen Werk zu tun haben, was aber wiederum auf beide Möglichkeiten hinweist. Nennen wir es also ganz diplomatisch: “Geschmackssache”. Entweder es geht euch auf die Nerven oder ihr akzeptiert es als Eigenschaft der fiktiven Charaktere auf dem Bildschirm.

Fazit: In meinen Augen hat “Garden State” die Ablehnung, die ihm heute entgegenschlägt, absolut nicht verdient. Der Film ist erstklassig inszeniert, hervorragend gespielt und hat ein Drehbuch, das einerseits verdammt witzig ist, aber auch die nüchterne Stimmung einer ganz bestimmten Lebenssituation innerhalb eines ganz bestimmten Lebensabschnitts so perfekt wiedergibt, wie kaum ein anderer Film. Das Hipstertum, dass bei seinem Erscheinen noch unverbraucht war, dominiert den Film nicht und sollte eigentlich niemandem, der unbedingt einen Grund sucht, um den Film zu hassen, sauer aufstoßen. Ich mag “Garden State” immer noch sehr. Screw da haterzzz!

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Bilder © Miramax/Fox Searchlight

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