Wenn ich sie mit einem Wort beschreiben müsste: Trippy!

(Ein paar Worte zu Spoilern: Ich werde hier sehr vage sein, auch wenn es völlig unmöglich ist, die letzten 18 Folgen zu spoilern. Ich könnte euch haarklein erzählen, was da alles abging und ihr wärt trotzdem überrascht, wenn ihr es seht!)

twin_peaks_xlgIch hatte erwartet, dass die neuen Folgen der revolutionären 90er Jahre Kultserie, völlig ungefiltertes und unbeabsichtigt selbst-parodistisches David Lynch sein werden. So derart bizarr und anti-mainstream, dass die Originalserie retroaktiv zu einem Haufen Mist erklärt wird, den man sich nur noch durch eine rosarote Nostalgiebrille ansehen kann und der eigentlich nie wirklich gut war. Zumindest teilweise hatte ich recht. Staffel drei war pures David Lynch*, aber nicht wirklich selbstparodistisch in dem Sinne, dass er nicht gewusst hätte, was er da tut. Und vor allem mochten es Fans und Kritiker! Naja, die Meisten.

*Wobei man allerdings auch sagen muss, dass Lynch zwar immer auf seine surrealen Albträume reduziert wird, dabei aber eigentlich eine vielseitigere Filmographie vorzuweisen hat, als so manch anderer Regisseur. Der Mann hat zwar so seine Markenzeichen und wiedererkennbaren Stilmittel, aber sagt mir nicht, dass “Eraserhead”, “Der Elefantenmensch”, “Dune”, “Blue Velvet”, “Straight Story” oder auch der original “Twin Peaks” Pilot nur blasse Kopien voneinander sind.

Im Groben gibt es zwei Arten von “Twin Peaks” Fans. Diejenigen, die die Serie hauptsächlich als schrulligen Kleinstadtkrimi schätzen, in dem ein skurriler FBI-Agent einen Mord aufzuklären versucht, indem er sich auf Träume und Ahnungen mehr stützt, als auf klassische Ermittlungsarbeit. Dann gibt es diejenigen, die “Twin Peaks” als Albtraumversion  des aus Funk und Fernsehen bekanntem amerikanischen Kleinstadtidyll, mit im Wald hausenden Dämonen, die brave Menschen dazu bringen, schreckliche Dinge zu tun, bevorzugen. Sagen wir es so: Gruppe Zwei, die “Twin Peaks” lieber wegen der Horrormomente und der Mythologie um die Black Lodge und Killer Bob mochte, kam in dieser Staffel eindeutig mehr auf ihre Kosten.

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David Lynch himself ist als schwerhöriger FBI Chef Gordon Cole wieder dabei.

Das Überraschendste war dabei vielleicht, wie weit sich die Serie jetzt in Horrorgefilde vorwagte. Waren diese in den ersten beiden Staffeln hauptsächlich auf surreale Bilder beschränkt, bzw. im Kinofilm “Fire Walk With Me” (dessen Platz im Canon nun auch endlich bestätigt wurde) auf den wirklich schwer anzusehenden Mord an Laura Palmer, kam es schon in Folge 1 des Revivals zu einem Doppelmord, der schon alleine durch die Identität des Täters nur als “Horror” beschrieben werden kann. Und bei diesem einen Moment blieb es nicht. Die 2017er Version von “Twin Peaks” ist, wie schon die Originalfolgen, eine Mischung aus vielen Genres, aber wenn man die DVDs in die Horrorecke des örtlichen Kaufhauses stellen würde, würde sich wohl niemand darüber beschweren.

Das größte Plus der neuen Folgen, ist vielleicht auch das größte Minus. Im Gegensatz zu anderen Serienrevivals, ist dieses hier nicht einfach nur eine Wiederholung dessen, was davor kam. Nur wenige Szenen spielen tatsächlich im Städtchen Twin Peaks und drehen sich um die altbekannten Charaktere. Nicht, dass die neuen Charaktere schlecht wären (Ich wünsche mir ein Spin-off mit den, von Robert Knepper und Jim Belushi gespielten Mitchum Brüdern!), aber Nostalgiker werden definitiv enttäuscht sein, auch wenn sie jedes mal, wenn wir ein gealtertes Gesicht von damals sehen, vor Freude aufschreien werden. (Habe ich ja auch so gemacht.) Gleichzeitig liegt ein Hauch von Melancholie in der Luft, sowohl darin, wie sich das Leben in Twin Peaks entwickelt hat, als auch wie viele der damaligen Schauspieler schon verstorben sind. Gerade in den ersten paar Folgen ist in jedem Abspann ein “In memory of” zu lesen. Es wird hier gar nicht erst versucht so zu tun, als wäre alles wie damals. Die Kamera hält voll auf die gealterten Gesichter der Darsteller drauf und wenn ein Schauspieler in der Realität gestorben ist, so ist auch sein Charakter verstorben.  Wobei zumindest in einigen Fällen sehr kreativ mit Hilfe von Stock Footage des Schauspielers gearbeitet wird. Und in einem anderen Fall, wird die Person nun von einer Art riesigem Teekessel gespielt. Lynch, halt.

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Freut euch auf ein Wiedersehen mit Dr Jacoby!

Aber allem Surrealismus und Horror zum Trotz, hat Staffel 3 ein ganz großes Herz, das in der Mitte von allem schlägt. Ein Großteil der Staffel dreht sich um einen gewissen Dougie Jones (Nicht zu verwechseln mit Doug Jones, der dieser Tage hinter allen Monster- und Alienmasken in Hollywood zu stecken scheint.), der, aufgrund von Umständen, die ich hier keinesfalls spoilern möchte, in einer Art katatonischem Zustand durchs Leben läuft. Er scheint in einer Art Halbschlaf zu stecken und keine Ahnung zu haben, was um ihn herum vorgeht. Er reagiert einfach nur und kommuniziert, indem er die letzten paar Worte wiederholt, die man ihm sagt. (Z.B. “Dougie, hast du Hunger?” “Hunger”.) Dies bringt ihn aber, auf eine bewusst jeder Logik spottende Art, erstaunlich gut durchs Leben. Und was noch erstaunlicher ist: Seine kindliche, ständig von anderen Menschen gelenkte Art, verbessert das Leben von mehr als einer Person und rührt selbst knallharte Kriminelle zu Tränen.

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Und auch außerhalb von Dougies Nebenhandlung gibt es Momente, die mit unzynischer Herzensgüte überfließen. Etwa wenn der Besitzer eines Trailerparks einem seiner Mieter Geld in die Hand drückt, nachdem er erfahren hat, dass dieser knapp bei Kasse ist und gegen Geld Blut spenden musste, um die Miete zu bezahlen. Oder etwa die Auflösung eines Beziehungsdramas aus den Originalstaffeln. Und der Satz “Fix your heart or die” wird garantiert in der Zukunft so einige pro-LGBTQ T-Shirts zieren.

Es ist eindeutig, dass David Lynch und sein Co-Autor Mark Frost, der hier nicht unerwähnt bleiben sollte, ihre Charaktere lieben und vielleicht auch in einer Zeit, in der es im Fernsehen fast nur noch von Anti-Helden und Serien wimmelt, in denen selbst den sympathischsten Protagonisten die schlimmsten Dinge passieren können, einen Gegenpol schaffen wollten. Gut, es ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen in “Twin Peaks”, aber die überraschenden Herzmomente gleichen die knallharten, verstörenden Horrormomente mehr als aus.

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Robert Knepper und Jim Belushi stehlen als die Mitchum Brüder mehr als einmal allen anderen die Show.

Der vielleicht größte liebe-oder-hasse-ihn Faktor der neuen Folgen, ist dessen Puzzleboxstruktur. Staffel 3 ist definitiv mehr “Mulholland Drive” oder “Inland Empire” als “Blue Velvet” und die Handlung entfaltet sich auf eine Art und Weise, die garantiert viele Zuschauer nerven wird, bzw. schon genervt hat. Viele Szenen wirken völlig willkürlich und es gibt keine, die für David Lynch zu lange dauert. So dürfen wir zum Beispiel in einer Folge einem Mann minutenlang dabei zusehen, wie er den Boden einer Bar fegt, während eine andere Folge wiederum gute zehn Minuten (Keine Übertreibung!) auf etwas verwendet, was man wohl am ehesten als Videokunstinstallation beschreiben könnte. Dabei gelingt aber das Kunststück, immer fesselnd und interessant zu sein. Im Ernst, innerhalb der 18 Stunden, die Lynch und Frost auf unsere Bildschirme warfen, gab es vielleicht 15 Minuten, die mich gelangweilt haben. Trotzdem wird die scheinbare Zusammenhangslosigkeit und übertriebene Künstlerischkeit (Ja, ich weiß, ist kein Wort.) viele Zuschauer, sowohl Neueinsteiger als auch alte Fans, auf die Probe stellen.

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Viele vergessen oft, dass “Twin Peaks”, zumindest teilweise, als Parodie auf die Fernsehlandschaft der späten 80er/frühen 90er konzipiert war, weshalb sich die ersten beiden Staffeln für kaum einen Seifenoperntwist zu schade waren. Ich bin mir sehr sicher, dass Staffel 3 diesen Weg weiterverfolgt, nur eben mit den Gepflogenheiten des “Goldenen Zeitalters des Fernsehens”. Wie in so vielen anderen gehypten Serien dieser Tage, werden hier Subplots über Subplots hinzugefügt, während dutzende, vermeintlich wichtige Charaktere, nach nur einer Szene nie wieder gesehen werden. Und immer, wenn man eine Antwort erwartet, werden nur zehn neue Fragen aufgeworfen, wobei ich aber mehr als einmal das Gefühl hatte, das dies mit einem leicht sadistischem Augenzwinkern geschah und nicht etwa aufgrund völliger Planlosigkeit.

Das klingt jetzt zugegebenermaßen trotzdem etwas frustrierend, darum bleibt die wichtigste Frage: Gibt es ein zufriedenstellendes Ende? Ja! Ja, das gibt es! Die vorletzte Folge endet superspannend und spektakulär und knüpft viele lose Enden, auch von den vorherigen Staffeln, zu einem gelungenen Ganzen zusammen. Obwohl man tatsächlich im Anschluss die gesamte Staffel in seinem Kopf Revue passieren lassen muss, um zu diesem Schluss zu kommen.

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Wie limited diese Event Series wirklich ist, wird sich zeigen.

Aber halt! “Vorletzte Folge?” Ja, nach diesem, zu Ca. 95% perfektem Abschluss, kommt leider noch eine Folge, die dummerweise erneut mehr Fragen aufwirft. Und da muss selbst ich mich fragen, ob das ein Teil von Lynchs und Frosts Fernsehparodiekonzept war oder ob sie ihr eigenes Versprechen einer “einmaligen Eventserie“ gebrochen und auf eine weitere Staffel hingearbeitet haben. So oder so ist es ziemlich schade, dass die lang erwartete Fortsetzung wirklich in der allerletzten Stunde enttäuscht.

Aber lasst euch davon bitte nicht abhalten! Das neue “Twin Peaks” ist eines der faszinierendsten und unterhaltsamsten Dinge, die ihr je in Film und Fernsehen sehen werdet! Eine einmalige Mischung aus Drama, Komödie, Horror, Thriller und Fantasy, gleichermaßen unaufdringlicher Fanservice und brandneue Geschichte mit brandneuen Charakteren, voller Bilder, die es im Fernsehen (oder überhaupt) noch nie zu sehen gab.

Wann kommt die Blu-Ray Box?

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Bilder © Showtime

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