Mitverantwortlich dafür, dass 1997 so ein merkwürdiges Filmjahr war, waren eindeutig die Franzosen. Nicht nur, dass Luc Besson den bizarrsten hochbudgetierten Blockbuster bis “Transformers” vorlegte, sein Landsmann Jean-Pierre Jeunet (“Die fabelhafte Welt der Amelie”) gab im selben Jahr sein Hollywooddebüt und machte die “Alien” Reihe um einiges abgefahrener.

alien_resurrectionJeunet war bis zu dem Zeitpunkt eher ein Arthausliebling und alles Andere als ein offensichtlicher Kandidat für einen Film wie diesen. Seine beiden Vorgängerwerke, “Delicatessen” und “Die Stadt der verlorenen Kinder”, bei denen er sich den Regiestuhl mit Marc Caro teilte,  waren surreale, visuell brillante Meisterwerke, die sich den Regeln der Realität widersetzten und mehr auf eine traumartige Atmosphäre, als eine schlüssige Handlung setzten. Jeunets Ausflug nach Hollywood war Sigourney Weaver zu verdanken. Nachdem James Cameron sie mit seiner Arbeit an “Aliens” beeindruckte, verlangte sie von nun an, dass jede weitere Fortsetzung von einem talentierten Newcomer gedreht werden sollte. Das hatte bei David Finchers “Alien³” zwar nicht wirklich geklappt, aber es sprach nichts gegen einen weiteren Versuch. Diesmal wollte man aber jemanden, der schon Erfahrung im Filmemachen hatte. Oben auf der Liste standen Danny Boyle, der zu dem Zeitpunkt gerade mit “Trainspotting” dem britischen Kino neues Leben einhauchte, und der Spanier Alex de la Iglesia, über den ich demnächst ausführlicher schreiben werde. Die beiden wollten aber nicht, also wandte man sich an Jeunet und Caro. Caro hatte ebenfalls kein Interesse, aber er gab seinem Freund seinen Segen, es alleine zu versuchen.

Soviel dazu.

Wir erinnern uns, im letzten Teil der Reihe sprang Ripley in den Tod, nachdem sie eine Gefängniskolonie von Aliens gesäubert hatte und das letzte Exemplar sich in ihrem Körper befand. In “Die Wiedergeburt” wurde Ripley 200 Jahre später geklont, weil irgendjemand wirklich, wirklich, wirklich gerne seine eigenen Aliens haben möchte. Ich meine…kommt schon! Die hatten nur ein paar (scheinbar sehr ergiebige) Bluttropfen und nach den ersten 100 Jahren sagte niemand: “Wisst ihr was? Das wird nichts. Lassen wir es bleiben und machen wir besser etwas Sinnvolles!” Nein, die haben einfach nochmal 100 Jahre weitergemacht! Aber hey, in dieser Zukunft der Zukunft hat sich ohnehin kaum etwas verändert. Die Waffentechnologie basiert immer noch auf stinknormalen Projektilen und Raumschiffe sind immer noch so dunkel, eng und ungemütlich wie in Teil 1. Zudem haben sie Hüllen, die immer noch von normaler Waffenmunition durchschlagen werden können. Immerhin, alkoholische Getränke kommen jetzt aus Würfeln, die mit Lasern verflüssigt werden. In meinen Augen, haben die ihre Zeit nicht gut angelegt.

Wie dem auch sei, wir ignorieren mal, wie jemand einen Parasiten anhand von Blutproben des Wirtes klonen kann, denn genau das ist passiert. Ripleys Klon hatte ein Alienköniginnenbaby in sich und ein paar zwielichtige Söldner (U.a. Winona Ryder, Ron Perlman, Michael Wincott, Gary Dourdan und Jean-Pierre Jeunets Stammschauspieler Dominique Pinon) haben den Wissenschaftlern Menschen besorgt, die der neuen Brut als Wirtskörper dienen sollen. Und ihr könnt ahnen, was passiert. Die Aliens brechen aus, töten jeden, der ihnen in den Weg kommt und Ripley muss mit einer Gruppe Überlebender einen Weg nach draußen finden und/oder alle Aliens töten. Was auch immer zuerst eintrifft.

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Diese deformierten Ripley Klone wurden übrigens von Chris Cunningham designt!

“Die Wiedergeburt” ist wirklich ein gutes Beispiel dafür, wie der richtige Regisseur ein schlechtes Drehbuch aufwerten kann. Jenes stammt vom damals noch, zumindest außerhalb von Hollywoodkreisen, unbekannten Joss Whedon. Er hatte sich zwar schon als Scriptdoctor (u.a. für “Toy Story” oder “Speed”) einen Namen gemacht, aber sein großer Durchbruch und Aufstieg zum Gott unter den Nerds und Geeks, stand noch bevor. (Allerdings startete “Buffy” im selben Jahr.)  Auch wenn er durchaus seine Qualitäten hat, war und ist Whedon schlichtweg der falsche Mann für einen “Alien” Film. Das große Problem hier, ist, dass Whedon gar nicht erst versucht hatte, einen echten Horrorfilm zu schreiben. In Interviews redete er davon, den Film als schwarze Komödie in einem “playful tone” konzipiert zu haben. Hey, klar, Augenzwinkern und Humor sind natürlich Dinge, die wir mit der “Alien” Reihe assoziieren. (Augenroll-Emoji bitte hier einfügen) Ohnehin glaube ich, dass, wenn man sich seinen später entstandenen “Cabin In The Woods” ansieht, Joss Whedon keinen Respekt vor dem Horrorgenre hat und sich selber als viel zu clever dafür betrachtet. Am interessantesten ist dann aber dieses Zitat, in dem er (wie eigentlich immer) allen Anderen die Schuld am Endresultat gibt:

„It wasn’t a question of doing everything differently, although they changed the ending; it was mostly a matter of doing everything wrong. They said the lines…mostly…but they said them all wrong. And they cast it wrong. And they designed it wrong. And they scored it wrong. They did everything wrong that they could possibly do. There’s actually a fascinating lesson in filmmaking, because everything that they did reflects back to the script or looks like something from the script, and people assume that, if I hated it, then they’d changed the script…but it wasn’t so much that they’d changed the script; it’s that they just executed it in such a ghastly fashion as to render it almost unwatchable.”

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Und das Alien so: „Waaaaaaas!?“

Und das finde ich schon etwas merkwürdig. Denn abgesehen davon, dass “Die Wiedergeburt” eine schlechte “Alien”-Fortsetzung ist, finde ich ihn, losgelöst von seinen Vorgängern und Nachfolgern betrachtet, wirklich gut! Die Whedon-typischen Klugscheißerdialoge, die ihm zufolge “all wrong” aufgesagt wurden, brachten mich mehr als einmal zum kichern. Die seiner Meinung nach falsch gecasteten Schauspieler, sind perfekt! Komm schon, Joss. Glaubst du wirklich, du kannst bessere Schauspieler finden, als Ron Perlman, für den knallharten Söldner, der seinen Freunden seine Zuneigung zeigt, indem er sie wie Dreck behandelt und an dessen Gesicht man schon sehen kann, dass er in seinem Leben viel durchgemacht hat? Oder den knautschgesichtigen Dominique Pinon, als das querschnittsgelähmte Herz der Truppe, das trotzdem lieber erst schießt und dann Fragen stellt? Dan Hedaya als taffen Army Colonel, der nur durch seine Mimik seine alberne Todesszene tatsächlich in den größten Lacher des Films verwandeln kann? Oder Brad Dourif, als einen der skurrilsten Wissenschaftler der Filmgeschichte, der die Aliens so schön findet, dass er sie am liebsten küssen würde? Okay, Gary Dourdans Rolle wurde für Chow-Yun Fat geschrieben, aber der wollte halt nicht. Vermutlich, weil er nicht viel zu tun gehabt hätte. Angeblich war Joss Whedon so frustriert, dass er danach “Firefly” erfand, um seine Vision von einer Gruppe liebenswerter Krimineller im Weltall doch noch verwirklicht zu sehen. Wenn ihr mich fragt, die Crew aus diesem Film hier ist besser.

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Eigentlich muss man Sigourney Weaver nicht erwähnen. Die Frau ist immer hervorragend. Aber hier zeigt sie eine echte Karrierebestleistung, die nicht ausreichend gewürdigt wird. “Ripley 8” hat kaum noch etwas von der Ripley, die wir kennen. Sie ist ein gebrochener Charakter, der sich mehr wie ein Reptil gebärdet und entweder nur in einem geringen Maße fähig ist, für ihre Mitmenschen Sympathie zu empfinden oder sich aus Selbstschutz, wie ein eiskaltes Miststück aufführt. Nichts in Sigourney Weavers Filmographie ist auch nur annähernd wie die Performance, die sie hier liefert. Okay, vielleicht die Szenen aus “Ghostbusters”, in denen sie von Zuul besessen ist, aber selbst das ist eine etwas andere Liga. Ihre Stimme, ihre Körpersprache, ihre Mimik, all das ist so Weaver-untypisch, wie es nur geht. Würde sie jetzt auch noch ihr Gesicht hinter einer dicken Make Up Schicht verstecken, würde niemand glauben, dass es sich dabei tatsächlich um sie handelt.

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Selbst unter Wasser spielt Sigourney Weaver alle an die Wand.

Ich weiß nicht, wieviel in “Die Wiedergeburt” von Whedon und wieviel von Jeunet stammt. Laut Whedon haben sie sein Script ja, bis auf das Originalende, das aus Kostengründen gestrichen wurde, unverändert auf die Leinwand gebracht. Aber so vieles an diesem Film riecht geradezu nach Jean-Pierre Jeunet. Er hat ohnehin dafür, dass er engagiert wurde, um die Fortsetzung eines etablierten Franchises zu drehen, ungewöhnlich viel Freiheit gehabt. Nicht nur, dass er Dominique Pinon mit nach Hollywood brachte und eine Rolle mit seinem “Die Stadt der verlorenen Kinder” Star Ron Perlman besetzte, zur Crew gehörten auch Kameramann Darius Khondji, Cutter Hervé Schneid und Visual Effect Supervisor Pitof, die allesamt schon in Frankreich an Jeunets Werken arbeiteten. Der Film ist voller Momente, die einem sofort sagen lassen: “Oh, ein Film von Jean-Pierre Jeunet”. Der Look der Schauspieler, die etwas surreale Farbpalette, Szenen, wie das “Liebesspiel” zwischen Brad Dourif und einem Alien und viele Kameraeinstellungen und -fahrten, wie etwa die, in Leland Orsers Mund und von dort aus tief in seine Eingeweide, bis zu dem Alienbaby, das er in sich trägt! Oder die lange Unterwasserszene, in der auf Logik und Realismus schlichtweg geschissen wird, da alle Beteiligten darin nicht nur die Luft viel länger anhalten, als es selbst für Profis möglich wäre, sondern auch überraschend oft schreien, ohne auch nur einen Moment lang in Atemnot zu geraten. Und da stört es auch nicht, dass der letzte Akt des Films, in Ermangelung eines passenden deutschen Ausdrucks dafür, absolut “batshit bonkers” wird. Es ist einfach das passende Ende für einen verrückten Film.

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Ein Film von Jean-Pierre Jeunet

Fakt ist, mit einem schwächeren oder zumindest weniger absurd veranlagtem Regisseur als Jean-Pierre Jeunet, würde “Alien: Die Wiedergeburt” wohl noch weniger Fans haben, als er ohnehin hat. Inhaltlich zerstört das Werk endgültig jeden guten Willen, den die ersten beiden Teile der Reihe aufgebaut haben, aber die schwungvolle und originelle Regiearbeit, die tollen Schauspieler und ja, auch ein Teil von Joss Whedons Dialogen, sorgen für gute Unterhaltung. Ich weiß, es klingt nicht wirklich wie ein Kompliment, aber von allen schlechten “Alien” Sequels, ist das hier das einzige, das man als “gut” bezeichnen könnte. Es ist sogar tatsächlich mein meistgesehener Teil der Reihe! Teil 1 und 2 sind Meisterwerke, aber Teil 4 unterhält mich auf eine Weise, auf die nur wenige Filme es schaffen können!

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Poster und Screencaps © 20th Century Fox

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