Wer in den 90er Jahren aufwuchs, weiß, dass in diesem Jahrzehnt Videospiele in den Mainstream brachen. Nicht in dem selbst-seriöse-Nachrichtensender-berichten-über-neue-Konsolen Ausmaß der heutigen Zeit, aber Mario, Sonic und Co waren so allgegenwärtig, dass selbst die älteren Generationen bescheid wussten. Okay, die Spiele waren ihnen zwar entweder egal oder sie glaubten, dass sie die Hirne ihrer Kinder zum schmelzen bringen und sie in gewaltbereite Zombies verwandeln würden, aber die 90er waren der erste Schritt in die Mainstreamakzeptanz des Videospiels, so wie wir sie heute kennen. (Natürlich gibt es immer noch die Vorurteile Marke “Killerspiele” oder “Gamer sind asoziale, sexistische, rassistische Versager”, aber im Gegensatz zu damals, ist vieles besser.)

Natürlich hatte auch das deutsche Fernsehen von diesem Trend Wind bekommen. So startete Sat.1 im Jahr 1994 die Spielshow “Games World”. Darin traten jede Woche mehrere junge Kandidaten in einem Videospielwettbewerb gegeneinander an. Die Spiele änderten sich von Runde zu Runde, aber es waren immer reale Spiele, die man ganz normal für SNES, Mega Drive, Atari Jaguar oder sogar Neo Geo im Handel kaufen konnte. Am Ende jeder Folge, musste der Finalist dann gegen einen “Videator” antreten. Dies war ein…um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was es war. Es waren wohl irgendwelche Typen, die, vermutlich inspiriert vom zu der Zeit sehr populären Wrestling, schillernde Kunstfiguren darstellten, wie etwa den Dämon “Slug, der Schatten” oder den Millionär “Baron von Zaster”. Innerhalb des “Games World” Kayfabe waren sie unschlagbare Meisterspieler. Ob die jeweiligen Darsteller wirklich so gut waren oder ob vielleicht jemand anderes hinter den Kulissen das Spielen für sie übernahm, ist eine andere Geschichte. Aber sie zu schlagen, war meiner Erinnerung nach wirklich schwer und passierte nicht oft.

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Apropos Kunstfiguren und Kayfabe: Moderiert wurde die Sendung von einem gewissen “Robby Rob”, dem Herrn der Spiele. Hinter dem verbarg sich der Schauspieler Robert Viktor Minich, der Rob als einen unsympathischen und herablassenden Antagonisten darstellte, der für seine Kandidaten nichts übrig hatte.  Ihm zur Seite stand der, oft extravagant gekleidete Norman Adelhütte, der später u.a. diverse Automagazine für N-TV moderierte. Er war mehr der professionelle “Straight Man”, der die Kandidaten und Zuschauer mit allen Infos versorgte und auch deutlich sympathischer rüberkam, als sein Co-Moderator.

“Games World” war so 90er, dass es wehtut. Als 12-jähriger hatte ich es geliebt, aber wenn man es sich heute betrachtet, wirken die krampfhafte Coolness und die sich ständig bewegende Handkamera richtig lächerlich. Es macht trotzdem Spaß, es sich anzusehen. Zum Glück kann man so einige Folgen und Ausschnitte auf YouTube finden. Wie zum Beispiel diese hier:

Man sollte erwarten, dass RTL danach schnellstens eine Kopie auf den Markt warf, aber nein, es war das ZDF, das mit “X-Base” auf den Zug aufsprang. Im Gegensatz zur reinen Spielshow “Games World”, verstand sich “X-Base” eher als Jugendmagazin. Auch hier mussten Teenager gegeneinander in Videospielduellen antreten, aber eingebettet war das Ganze in Beiträge über (natürlich) Videospiele und PC Hardware, aber auch Filme, Musik und Jugendkultur im allgemeinen. Zudem gab es Studiogäste, wie etwa diverse Spieleentwickler und Industrieinsider oder auch Roland Emmerich, der damals “Stargate” promotete. Und am Ende fast jeder Folge gab es ein Musikvideo oder einen Auftritt eines Pop-Acts. Da “X-Base” aber live war und im besten 90er Jahre Jugendfernsehen Stil viel improvisiert wurde,  wurden die jeweiligen Lieder aus Zeitmangel so gut wie nie vollständig gespielt.

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Wirklich interessant waren die Moderatorenteams, die sich wöchentlich abwechselten. Unter anderem gehörten die spätere Viva Moderatorin Katharina Schwarz, der bis heute im KiKa tätige Juri Tetzlaff und (Trommelwirbel) Berufsprovokateur Niels Ruf dazu! Letzterer hatte damals schon eine große Klappe und kam erstaunlicherweise wie ein zweiter Robby Rob rüber. So richtig ins Zeug warf man sich aber mit “Eddy Highscore”, dem angeblich ersten virtuellen Moderator der Welt. Dieser war tatsächlich computeranimiert und konnte, dank damals modernster Technik, sogar live mit seinen Co-Moderatoren und Studiogästen Gespräche führen.

Ohnehin war “X-Base” überraschend modern. Die Show wurde nicht nur im damals noch neuen 16:9 Format ausgestrahlt, was 1994 nur den wenigsten Zuschauern einen echten Mehrwert brachte, man konnte auch über Internet oder BTX mit der Redaktion und anderen Fans chatten. Ich glaube, so am Puls der Zeit, waren die Öffentlich-Rechtlichen danach nie wieder.

Leider gibt es nicht so viele Videos davon auf YouTube und unter denen, die ich finden konnte, war keines, in dem gegeneinander gezockt wurde. Also dürft ihr hier mehr die Jugendfachmagazinseite von “X-Base” betrachten:

Und hier gibt es ein Feature aus dieser Sendung über DJ Legende Sven Väth, mit einem langhaarigen, ziegenbärtigen Niels Ruf. Also, gebt euch die volle 90er Jahre Dröhnung!

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