Ich wage es von mir zu behaupten, dass ich einen recht vielseitigen Geschmack habe, was Fernsehserien angeht. Ich stehe nicht nur auf die “coolen” Shows, also die aufwendigen, manchmal überraschend experimentellen, von Kritikern hochgelobten, größtenteils vom amerikanischen Pay TV oder diversen Streamingdiensten produzierten Dramen. Um ehrlich zu sein, läuft auf meinen Bildschirmen sogar vorrangig die sogenannte “leichte Kost”. Sitcoms mit laugh track, Krimis nach dem “Fall der Woche” Prinzip, so ein Zeug. Die Sorte Fernsehen, die bei Preisverleihungen schon seit Ewigkeiten nicht mehr beachtet wird und die von Snobs gerne als “uncool” abgetan wird.

Eine dieser Serien ist “Scorpion”.

Scorpion Poster

Definitiv nicht TBBT

“Scorpion” ist “inspiriert von der Lebensgeschichte eines gewissen Walter O’Brien”. In dieser fiktiven Version, ist Walter O’Brien (Elyes Gabel aus “Body Of Proof” und “Game Of Thrones”) ein Genie, das zusammen mit einigen anderen Genies, die Denkfabrik “Scorpion” gegründet hat. Die erwähnten weiteren Genies sind der Rechenkünstler Sylvester (Ari Stidham, der wohl eines der drei besten IMDb Profilbilder besitzt), die technisch begabte Happy (Jadyn Wong) und der spielsüchtige Verhaltenspsychologe Toby (Eddie Kaye Thomas, der Heimscheißer aus “American Pie”). Eines Tages wurden sie vom Homeland Agenten Cabe Gallo (Robert Patrick, den man ja eigentlich nicht mehr vorstellen muss) engagiert und müssen nun die dringenden Problemfälle lösen, bei denen Hirnschmalz wichtiger ist als Muskeln und Waffengewalt. Als sehr hilfreich erweist sich dabei die Hilfe der “normalen” Ex-Kellnerin Paige (“American Idol” Finalistin Katherine McPhee). Als Mutter eines ebenfalls hochintelligenten Kindes, dient sie quasi als Sprachrohr zwischen den neurotischen Genies und der Normalwelt, während die Schlauköpfe gleichzeitig dafür sorgen, dass sie ihren Sohn besser versteht und dieser sich nicht mehr alleine fühlt.

Im wahren Leben ist Walter O’Brien eine eher umstrittene Figur. Er hatte zwar als Kind an einem Test teilgenommen, der ihm einen sehr hohen IQ bescheinigte, aber als Erwachsener weigert er sich beharrlich, noch so einen Test zu machen. Vor allem, wenn es ein offizieller MENSA Test ist. Zudem beantwortet er grundsätzlich sämtliche Fragen über seine angebliche Regierungsarbeit, mit: “Es ist mir nicht erlaubt, darüber zu sprechen.” Im Endeffekt ist der echte Walter eher als “cleverer Selbstvermarkter” bekannt, anstelle des verbrieften Superhirns, als das er in seiner Serie dargestellt wird.

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Keine Angst, in Ca. 30 Minuten ist alles wieder gut.

Das verdirbt mir jetzt aber nicht den Spaß an “Scorpion”. Denn ja, “Scorpion” macht Spaß. Und zwar auf eine Weise, die in der heutigen Fernsehlandschaft wirklich fehlt. Die Serie ist quasi ein modernes Update der klassischen, leichtherzigen Problemlöserserien Marke “MacGyver” oder “Das A-Team”, bei denen Unterhaltung, Augenzwinkern, liebenswerte Charaktere und (fast) gewaltlose Action wichtiger waren, als Realismus und “dark and gritty”. Auch wenn es manchmal dramatisch wird, gibt es hier keine düsteren Kindheitstraumata, sadistische Serienkiller oder un-happy ends. Ja, das wirkt in Zeiten von moralisch fragwürdigen Anti-Helden und preisgekrönten Geschichten voller Mord und Vergewaltigungen vielleicht etwas anachronistisch, aber das macht es doch nicht automatisch schlecht, oder?

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Wenn man sich den Plot und die Protagonisten so ansieht, kommt einem sofort eine Frage in den Sinn: Ist das schon wieder so ein “Big Bang Theory” Fremdschämdingens, in dem Nerds und intelligente Menschen als unsympathische Karikaturen der Lächerlichkeit preisgegeben werden? Nicht wirklich. Okay, Walter leidet unter dem “Ich bin schlau, also benehme ich mich wie ein Arsch”-Syndrom, aber noch in akzeptablen und vor allem lernfähigen Parametern. Sylvester kommt mit seinem Übergewicht, den Pullundern, seiner Liebe für den fiktiven Superhelden “Super Fun Guy” und seinen dutzenden Phobien dem typischen Nerdstereotyp noch am nächsten, doch auch er darf innerhalb kurzer Zeit mehr wachsen, als es Menschen seiner Art in Film und Fernsehen oft vergönnt ist.

Ja, die Intelligenzbestien in dieser Serie sind allesamt wirklich sympathisch und mehr als nur eine Ansammlung von Neurosen, über die der Zuschauer herzlich lachen soll. Wenn überhaupt, soll man mit ihnen lachen oder sich mit ihnen schlecht fühlen, beziehungsweise auf ihrer Seite stehen, wenn sie anderen, angeblich viel qualifizierteren Personen mal wieder zeigen, wie man es richtig macht. Okay, “Scorpion” hat auch einen Hauch zu viel Beziehungsblabla zu bieten. Ich bin keine 12 Jahre mehr alt und drehe mich “IIIIIIIIIH!” schreiend vom Fernseher weg, wenn sich zwei Menschen küssen, aber eine Serie, in der Männer und Frauen wirklich nur Freunde sein können (Shoutout zu “Elementary”!), bzw. in der nicht sehr viel Zeit darauf verschwendet wird, die (nach oberflächlichen TV Maßstäben) attraktiven Protagonisten untereinander zu verkuppeln, wäre das absolute I-Tüpfelchen gewesen.

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Der echte Walter O’Brien kletterte bestimmt nie aus einem Wolkenkratzerfenster.

Doch auch die einzelnen Folgen sind verdammt unterhaltsam und überraschend abwechslungsreich. Okay, im Prinzip geht es immer nach dem gleichen Schema ab. Team Scorpion wird gerufen, weil irgendwo die Kacke am Dampfen ist oder einfach nur jemand ein paar schlaue Köpfe braucht. Dann läuft etwas schief (Oh nein, ein hoch entwickeltes Computervirus! Oder ein Loch in einer Gasleitung!), es wird gehackt (Durchschnittlich 3 Sekunden um in streng geheime Regierungsserver zu gelangen), nach bester “MacGyver” oder auch “Star Trek” Manier werden pseudowissenschaftliche Lösungen gesucht, die dann für die Nicht-Genies auf einfache Art erklärt werden (“Wir kehren die Polarität im Ionenstrom um, wodurch die Erdgasmoleküle ihren Aggregatzustand ändern.” “Hä?” “Wie bei einem Backpulvervulkan!” “Ach so.”), aber auch nur unter Lebensgefahr umzusetzen sind (“Einer muss in den Atomreaktor klettern und wenn er nach 60 Sekunden nicht wieder draußen ist, ist er tot!”). Und am Ende geht es immer gut aus. Trotzdem schafft die Serie es, auch in der dritten Staffel abwechslungsreich zu bleiben. Mal muss sich das Team mit Dronen von Drogendealern herumschlagen, mal bricht ein Feuer in einem High-Tech Gebäude aus, mal wird einer von ihnen versehentlich ins Weltall geschossen, mal versuchen sie den Ausbruch von tödlichem Superschimmel in einem Krankenhaus zu stoppen, mal müssen sie einen verschütteten Jungen vor dem ertrinken retten. Und das immer mit dem fröhlichen Augenzwinkern, das einen die Probleme dieser Welt vergessen lässt.

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Ja, ich liebe “Scorpion” und schäme mich nicht dafür. Warum auch? “Scorpion” schämt sich auch nicht dafür, sich “Unterhaltung” auf seine Flaggen geschrieben zu haben und in jeder Folge fröhlich damit herumzuwedeln. Und ihr braucht gar nicht so cool zu tun. Euch würde diese Serie auch gefallen.


Bilder © CBS

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