Um das gleich zu beantworten: Gemischt. Sie hatte ihre Hochs, ihre Tiefs und war viel zu kurz.

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Ian McShane und Freunde

“American Gods” ist die neue Prestigeserie des US-Kabelsenders Starz, aus dessen Serienschmiede u.a. “Spartacus” und “Ash Vs Evil Dead” stammen. Das Ganze wurde von niemand geringerem als Bryan Fuller (“So gut wie tot”, “Pushing Daisies”, “Hannibal”) auf die Bildschirme gebracht und basiert auf einem Roman von Neil Gaiman (Den ich übrigens nie gelesen habe.). Die Hauptfigur ist der Knacki Shadow Moon (Ricki Whittle, “The 100”). Dieser sitzt gerade eine Haftstrafe wegen eines missglückten Raubüberfalls ab und soll eigentlich in ein paar Tagen entlassen werden. Als aber seine Frau Laura (Emily Browning, aus dem “Lemony Snicket” Kinofilm) bei einem Autounfall stirbt, darf er schon früher gehen. Auf dem Weg zur Beerdigung trifft er den so charismatischen wie geheimnisvollen Mr Wednesday (“Deadwood” Star Ian McShane), der mehr über Shadow zu wissen scheint, als er sollte. Er bietet dem Witwer an, gegen Bezahlung als sein Bodyguard und Assistent mit ihm durch die USA zu reisen. Natürlich ist sich Shadow im Klaren darüber, dass dieser Job einen Haken hat, aber als vom Leben betrogener Ex-Krimineller, stehen ihm nicht viele weitere Optionen offen. In was Shadow da aber hineingeraten ist, hätte er sich selbst in seinen wildesten Albträumen nicht ausmalen können. Plötzlich steht er im Mittelpunkt eines Kampfes verschiedener Götter und Fantasiewesen. Und selbst Mr Wednesday scheint dabei nicht immer Shadows beste Interessen im Auge zu haben.

American Gods Season 1 2017

Jesus, Jesus, everytime fairplay

Was folgt, ist eine Geschichte, die, zumindest in den ersten acht Folgen, so frustrierend wie faszinierend ist. “American Gods” ist keine gradlinige Heldensaga, sondern ein Porträt von Religion und Glaube im Wandel der Zeit, eingebettet in eine moderne Fantasygeschichte. Schon bei der Erwähnung von “Religion” oder “Glaube” werden sich garantiert bei so Einigen die Nackenhaare sträuben. Ich bin selber kein religiöser Mensch. Ich bin noch nicht mal getauft! Und ich glaube, dass Religion in unserer Zeit, vor allem in der Politik, eigentlich nichts mehr zu suchen hat. Aber ich bin nicht gleich getriggert, wenn jemand Gott erwähnt oder seinen Glauben mit mir diskutieren will. So wenig ich dem Konzept des organisierten Glaubens abgewinnen kann, mir ist auch klar, dass er für einzelne Personen etwas wirklich Gutes darstellen kann. Und ich habe garantiert nicht das Recht, anderen Menschen jegliche Intelligenz abzusprechen oder wütend auf sie zu sein, nur weil sie an einen oder mehrere Götter glauben. (Zumindest, solange sie ihren Glauben für das Gute benutzen.)

Aber die antireligiöse Zuschauerschaft sollte von “American Gods” nicht allzu beleidigt sein. Genau so wenig wie die Religiöse. Natürlich braucht man als Zuschauer schon eine gewisse Offenheit gegenüber anderen Sichtweisen, aber bis jetzt wird Religion hier sehr fair, originell und unverkrampft behandelt. In vielen, kleinen Nebenhandlungen und Subplots, die hoffentlich bald als Teil eines großen Ganzen mehr Sinn ergeben, werden Geschichten über vereinzelte Götter und der Menschen, die an sie glauben erzählt. Mal wird jemand dafür belohnt, sein ganzes Leben die Götter des Heimatlandes im Herzen zu tragen, mal müssen Andere, als Spielball für ihren Gott, ihre Loyalität auf grausame Art beweisen. Es wird hier quasi sehr viel Pro und Contra abgedeckt und wer weiß, was in den nächsten Staffeln noch kommen wird?

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AGS1_103_061416_0392_a_fDiese kleinen Nebenhandlungen wirken in ihrer Länge und Ausführung oft wie eigenständige Kurzfilme, ohne echten Bezug zur Haupthandlung. Sie sind zwar ein Highlight der Serie und etwas, auf das ich mich in jeder Folge gefreut habe, aber sie bremsten das Erzähltempo auch deutlich. Immerhin wurde bei einigen dieser Geschichten schnell klar, dass sie wohl für das Gesamtbild der Geschichte wichtig sind. Nicht nur, um uns über die verschiedenen Facetten von Göttern und Gläubigen aufzuklären, sondern auch um vereinzelte Charaktere, wie etwa den Spinnengott (Igittigittigittigitt) Anansi/Mr Nancy (Orlando Jones aus “Mad TV”, “Evolution” und der “Sleepy Hollow” Serie) oder den ägyptischen “Sensenmann” Ibis (Demore Barns, “The Unit”) vorzustellen. Bestimmt werden sich bis zum Serienende alle Puzzleteile eingefügt haben, aber in diesem Moment, zum Ende einer selbst für moderne Kabelsenderverhältnisse sehr kurzen Staffel, ist das Ergebnis zwiespältig. Es ist halt schon etwas nervig, wenn die eigentliche Geschichte ständig durch diese langen Umleitungen unterbrochen wird.

Ohnehin sind gleich zwei der acht Folgen eigentlich nur lange Rückblenden, die uns eine weitere Woche auf die Fortsetzung der Reise von Shadow und Wednesday warten ließen. Während die erste dieser Folgen, die uns die Vergangenheit zweier Protagonisten erläutert, gerechtfertigt erscheint, fragte ich mich nach der zweiten Rückblendenfolge, warum gerade diese Geschichte unbedingt in einer Stunde erzählt werden musste. Man hätte sie genau so gut zu 10 Minuten zusammenstauchen und irgendwo in eine “echte” Folge einbetten können. Okay, vielleicht lernen wir die volle Relevanz dieser Geschichte bald schon kennen, aber im Moment wirkt sie eher wie ein unnötiger Füller.

Das ist vor allem insofern tragisch, weil die Staffel gerade dann aufhört, wenn die Geschichte endlich in Fahrt kommt. Ich habe nichts gegen ein langsames Erzähltempo einzuwenden. Gerade durch diese vielen, kleinen Nebenhandlungen wirkt “American Gods” nie (oder zumindest in sieben von acht Fällen) so, als wäre überhaupt nichts passiert. Vielleicht hätte man aber gut daran getan, entweder ein paar Folgen mehr zu produzieren oder die bisherige Geschichte schneller zu erzählen. Zumindest in meinen Augen hätten wir den Punkt, an dem die Staffel endet, auch drei bis vier Folgen schneller erreichen können. Es war zwar eine unterhaltsame Reise, aber das momentane Ziel rechtfertigte sie nicht vollständig.

American Gods Season 1 2017

Crispin Glover als „Mr World“.

Ein großer Teil des Unterhaltungswerts kam übrigens von den Charakteren. Ian McShane reißt als Mr Wednesday die Serie an sich. Er ist sowieso ein Schauspieler, der so ziemlich jedem überall die Show stiehlt, einfach nur weil er so verdammt gut in seinem Job ist. Wenn er dann noch so viel erstklassiges Material wie hier vorgesetzt bekommt, ist ja klar, wie brillant das Ergebnis ist. Aber “American Gods” ist eine Serie voller schillernder Charaktere, die in ihrer Rolle aufgehen. Sei es Emily Browning als vom Leben (und Tod) enttäuschte Ehefrau, Pablo Schreiber („Pornstache” aus “Orange Is The New Black”) als griesgrämiger Leprechaun, Gillian Anderson (“Akte X”) als Fernsehgöttin Media oder Berufsexzentriker Crispin Glover (“Zurück in die Zukunft”, “3 Engel für Charlie”) als der gruselige Mr World. Die Besetzung hat weder bei den Hauptdarstellern, noch den Gaststars, einen einzigen Schwachpunkt. Man könnte höchstens sagen, dass Ricky Whittle die undankbarste Rolle hat. Shadow Moon ist, als Augen und Ohren des Zuschauers, ein etwas langweiliger Charakter, dessen Aufgabe hauptsächlich darin besteht, sich zu wundern, was um ihn herum passiert. Hoffentlich wird sich das in den späteren Folgen noch ändern.

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Ein weiterer, zwiespältiger Punkt, ist die sehr stylische Inszenierung. Wie in Fullers “Hannibal”, hat man sich sehr viel Mühe mit der visuellen Seite der Geschichte gegeben. Soll heißen, es gibt viele surreale (nicht immer nur) Traumsequenzen, Superzeitlupen, extreme Nahaufnahmen, Farbspielereien, etc. Die Serie badet regelrecht darin! Schon aufgrund der ersten Staffel wurde garantiert ein neuer Gott erschaffen. “Visuella”, die Göttin der coolen Optik oder so etwas. Eigentlich will ich ja niemanden dafür kritisieren, wenn er die Extrameile geht, um sein Werk zu etwas Besonderem zu machen. Solche optischen Spielereien sind mir lieber, als wenn man die Folgen mit pseudorealistischer, teilweise völlig unscharfer, planlos rein und raus zoomender Wackelkamera, auf dem Niveau eines durchschnittlichen YouTube Videos gefilmt hätte. Doch auch hier hatte ich den Eindruck, dass diese Spielereien die einzelnen Folgen oft in die Länge zogen. Nicht über alle Maße, aber hin und wieder gab es schon Momente, in denen ich mir wünschte, man würde mit der Schönheit aufhören und endlich wieder mit der Handlung weitermachen. Immerhin, als Serie über Götter und Magie, erzählt durch die Augen normaler Menschen, ist die ganze visuelle Brillanz schon irgendwie gerechtfertigt und nicht einfach nur “style over substance” Blendwerk.

American Gods Season 1 2017

Kristin Chenoweth als „Ostera“, die Göttin des Frühlings.

Ja, ich gebe es zu, die erste Staffel von “American Gods” ist schwer in eine Qualitätsschublade zu stecken. Man hat sich sehr viel Mühe gegeben, eine hervorragende Serie zu produzieren, aber oft scheint es so, als hätte man sich mehr aufs Mühe geben konzentriert, als auf die Geschichte. Wenn die Serie funktioniert, funktioniert sie sehr gut, was die meiste Zeit über der Fall ist. Aber es gibt zu viele unnötige Längen, wenn auch nicht im typischen “Nichts passiert zwischen dem Anfang und dem Ende einer Folge”-Stil, der aktuellen Fernsehlandschaft. Was man von den üblichen Pay TV Grenzüberschreitungen hält, also Szenen von extremer Gewalt und jeder Menge Nacktheit (Diesmal sogar um Aufnahmen von harten Schwänzen erweitert), muss jeder selbst entscheiden. Eigentlich gehörten sie schon zur Handlung, aber hin und wieder kam dann doch das Gefühl von “Komm, wir erschrecken jetzt ein paar Spießer vor den Bildschirmen, hihi” auf.

Ich gebe der Staffel einen Daumen hoch. Ich habe mich jede Woche darauf gefreut und mich nur selten gelangweilt. Bei der nächsten Staffel bin ich auf jeden Fall wieder dabei, auch wenn ich mich dann vermutlich nicht mehr daran erinnere, wie Staffel 1 aufhörte. (Die Wartezeit zwischen diesen kurzen Staffeln ist einfach zu lang.) Sollte die Handlung in den weiteren Folgen genau so langsam voranschreiten, wie sie es im Moment tut, wird die Serie aber in meiner Prioritätenliste garantiert ein paar Stufen hinunterrutschen.


Bilder: Starz, Amazon

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