Hier ist eine neue Reihe, in der ich vermutlich sehr unregelmäßig etwas schreiben werde (Also alles wie immer): “Filme über Filme”. Darin schreibe ich über Filme, in denen es um Filme geht, beziehungsweise um das Filmemachen an sich. Der erste Eintrag in dieser Reihe, ist ein Film, der einem bei dem Thema vermutlich nicht als erstes in den Kopf schießt. Die 1999er Steve Martin/Eddie Murphy Komödie “Bowfingers große Nummer”.

bowfingerProtagonist des Ganzen ist Bobby Bowfinger (Martin, der auch das Drehbuch verfasste). Wie wir anhand von Bildern und Zeitungsausschnitten in seinem Büro erfahren, ist er ein ehemaliger Kinderdarsteller, Werbefilmer und Leiter von Schauspielseminaren. Sein wahrer Traum ist es aber, endlich bei einem Film Regie führen zu dürfen. Als er das Drehbuch “Chubby Rain”, in dem Außerirdische in Wassertropfen auf die Erde kommen, in den Händen hält, ist er sich sicher, sein Projekt gefunden zu haben. Wie wir schnell lernen, ist Bowfinger aber noch eine Sache: Ein aalglatter, gewitzter, wenn auch ziemlich übereifriger Betrüger, dessen Mundwerk und Unverschämtheit ihm, zumindest kurzzeitig, jede Tür öffnet. Mit Hilfe eines (ohne Wissen des Besitzers) geliehenen Sportwagens, einem gestohlenen Jackett und Freunden in den kleinsten Positionen Hollywoods, versucht er den Starproduzenten Jerry Renfro (Robert Downey Jr.) für “Chubby Rain” zu gewinnen. Dieser riecht aber schnell Lunte und “verspricht” Bowfinger den Film zu produzieren, wenn er den Actionsuperstar Kit Ramsey (Eddie Murphy) für die Hauptrolle kriegen kann.

An dieser Stelle muss ich mal kurz über Downey Jr. sprechen. Wir alle wissen, dass der Mann ein hervorragender Schauspieler sein kann, aber auch, dass er eine schwierige Zeit durchmachte. Dies hier ist eine von diesen Rollen, die er nur annahm, um die Gerichts- und Drogenentzugskosten bezahlen zu können. Er ist nur in drei kurzen Szenen im Film und obwohl er im Vorspann den “with” Credit bekam, ist es eigentlich kaum mehr als ein kurzer Cameo. Trotzdem gibt er hier alles. Die Art und Weise, wie er erst interessiert Bowfingers Gewäsch zuhört, dann schnell merkt was Sache ist und den Betrüger zu betrügen versucht, beweist das alte Sprichwort, dass es keine kleinen Rollen gibt, sondern nur kleine Schauspieler.

bowfinger01Bowfinger ist sich sicher, dass Renfro es ernst meinte und versucht nun, durch seine üblichen Tricksereien, Ramsey zum mitmachen zu bewegen. Leider ist dieser, milde gesagt, eine sehr schwierige Persönlichkeit. Er rastet sehr schnell aus, ist übermäßig Paranoid und zudem Mitglied bei “Mindhead”, einer in Hollywood ansässigen Sekte, die natürlich eine kaum versteckte Anspielung auf Scientology darstellt. Selbst wenn Bowfinger also ein seriöser Geschäftsmann wäre, hätte er es mit seiner Wunschbesetzung schwer. Natürlich kassiert er eine mehr als direkte Absage. Leider schlägt in Bowfinger auch so etwas wie ein Herz und er möchte seine wild zusammengewürfelte Crew (gespielt von u.a. Christine Baranski [“The Good Wife”] und Jamie Kennedy [“Scream”, “Tremors 5”]), die ihm Jahrelang. in der Hoffnung, endlich einen Film drehen zu können, durch dick und dünn (hauptsächlich dünn) folgte, nicht schon wieder enttäuschen. Also entschließt er spontan, Ramsey mit versteckter Kamera zu filmen und seinen Freunden und Mitarbeitern zu erzählen, es handle sich um eine besondere Art des Method Acting. Mit knapp 2000$ als Budget, jeder Menge Erfindungsreichtum und Enthusiasmus, sowie dem alles Andere als unschuldigen Starlet Daisy (Heather Graham, die im selben Jahr auch mit dem zweiten “Austin Powers” Film in den Kinos war), Kit Ramseys unterbelichtetem aber gutherzigen Zwillingsbruder Jiff (Logischerweise ebenfalls Eddie Murphy) und einer Gruppe frisch von der Grenze aufgelesener Mexikaner, macht man sich ans Werk. Zu Bowfingers Überraschung, geht der Plan auf, wenn auch auf Kosten der geistigen Gesundheit seines Hauptdarstellers wider Willen.

Der hier ist auch gut:  Disneys 2010er Realfilm Kinoflop Trilogie: John Carter

“Bowfingers große Nummer” ist kein realistischer Film über das Filmemachen. Er bietet den einen oder anderen satirischen Seitenhieb auf Hollywood und das Filmbusiness, aber eigentlich will er uns nur zum lachen bringen. Das gelingt dem Film auch. Sowohl Steve Martin als auch Eddie Murphy haben in ihrer Karriere so einige Filme gedreht, die zurecht als Klassiker gelten. Ende der 90er und vor allem im 21. Jahrhundert, steckten beide in einer größeren Karrierekrise. Sie drehten zwar Filme, die hin und wieder recht erfolgreich waren, aber von Fans und Kritikern vernichtet wurden. Aktuell scheinen sich beide eher auf andere Dinge zu konzentrieren. Martin veröffentlicht Platten mit Banjomusik und stand in diesem Jahrzehnt nur zwei mal vor der Kamera (Plus zwei Sprechrollen in Trickfilmen.). Auch Eddie Murphy kümmert sich dieser Tage eher um Musik und sein einziger Film nach dem 2012er (und bereits 2008 gedrehten!) Megaflop “Noch tausend Worte”, war das wenig beachtete Drama “Mr Church” im letzten Jahr. “Bowfinger” ist vielleicht der letzte Film, in dem beide wirklich mit dem Herzen dabei waren.

bowfinger03Vor allem Murphy liefert hier eine der besten Leistungen seiner Karriere. Schon in seiner ersten Szene, in der Kit Ramsey mit wilden Verschwörungstheorien um sich wirft, sich in Rekordzeit in Rage redet und schließlich seinen eigenen Agenten aus dem Haus jagt, hatte ich Lachtränen in den Augen. Einfach nur, weil Murphy seine Dialoge so perfekt rüberbringt. Später taucht er dann in einer zweiten Rolle, als Kits Bruder Jiff auf. Jiff ist das komplette Gegenteil des cholerischen und neurotischen Kit. Nicht gerade der Hellste, etwas schüchtern, aber er hat ein gutes Herz. Kit ist quasi das Arschlochkind, das schnell ausrastet, wenn er nicht bekommt was er will. Jiff ist der nette Junge, der lieber zuhause bleibt, mit seinem Kätzchen spielt und freudig sein Zimmer aufräumt. Natürlich ist Eddie Murphy ein Profi, wenn es darum geht, verschiedene Rollen im selben Film zu spielen. Es ist also keine Überraschung, dass er auch die Doppelrolle von Kit und Jiff meistert. Kit ist eher nah am “typischen” Leinwand-Eddie dran, aber auch nur auf dem ersten Blick. Er redet schnell und viel, ist aber durch und durch unsympathisch. Er ist vielleicht der erste Eddie Murphy Charakter ohne Sympathiepunkte. (Ich habe “Vampire In Brooklyn” zu lange nicht mehr gesehen, um mich daran zu erinnern, ob er dort nur böse war oder eventuell auch gewisse positive Aspekte hatte.) Jiff hingegen ist so komplett anders, als alles, was Murphy zuvor gespielt hatte. Von der Körpersprache, bis hin zu seinem kindlichen Lachen, wenn er seinem Bruder bei den “Dreharbeiten” auflauert.  (So sehr ich Murphy in diesem Film auch liebe, ich würde gerne wissen, was Keanu Reeves, für den die Rolle der Ramsey Brüder ursprünglich geschrieben wurde, daraus gemacht hätte.)

bowfinger02Steve Martin spielt hingegen eher auf die typische Steve Martin Art, aber das macht er natürlich gut. Sein Bobby Bowfinger ist ein sehr interessanter Charakter. Einerseits ein lügender, betrügender und stehlender Mistkerl, aber andererseits auch liebenswert und irgendwie auch jemand, dessen Enthusiasmus fürs Filmemachen verständlich und geradezu ansteckend ist. So witzig “Bowfingers große Nummer” auch ist, der Film punktet in meinem Herzen dann doch mit seiner Underdogstory, über eine Gruppe Möchtegernfilmemacher, mit mehr Leidenschaft und Kreativität, als echtem Talent. “Chubby Rain” klingt von vorne bis hinten wie Trash, für den sich sogar SyFy und Tele 5 schämen würden, aber Bowfinger und seine Crew glauben daran. Auch wenn es hier im Prinzip um einen stümperhaften Betrüger geht, der quasi einen ahnungslosen Menschen stalkt, um hinter seinem Rücken mit ihm Profit zu machen, ist der Film überraschend unzynisch. Die paar bösen Seitenhiebe gegen z.B. Scientology oder arrogante Hollywoodstars, sind eher aus der Kategorie “Es ist lustig, weil es wahr ist” und es wird auch nicht weiter auf die Opfer eingetreten, wenn sie schon am Boden liegen. Selbst mein zweitliebster Charakter, die von Heather Graham gespielte Daisy, die schnell lernt, mit welchen Tricks man in Hollywood Karriere macht, ist irgendwie liebenswert. Das hängt in ihrem Fall allerdings auch damit zusammen, dass all diejenigen, die sie bei ihrem Karriereaufstieg betrügt, schnell damit klar kommen. Für Drama ist in diesen 90 Minuten einfach kein Platz und das ist auch gut so.

Der hier ist auch gut:  Reise nach 1997: Das fünfte Element

Wie schon gesagt, wird hier keine realistische Form des Filmemachens porträtiert. Obwohl jeder, der an den Geschichten von Low Budget Filmemachern interessiert ist, so einige Elemente wiedererkennen wird. Vom “drehen ohne Genehmigung” und dem darauffolgenden “umgarnen der Gesetzeshüter”, bis zum “unerlaubten ausleihen von Equipment”, könnte der Film auch mit “Inspiriert durch wahre Begebenheiten” anfangen. Dies ist wirklich einer dieser Filme, die in mir die Lust wecken, zusammen mit ein paar Freunden einen Film zu drehen.  Vermutlich wäre die Realität eher stressig als spaßig, aber auf eine gewisse Art und Weise ist “Bowfingers große Nummer” wirklich inspirierend. Wenn dann unsere Protagonisten (Spoiler für einen fast 20 Jahre alten Film) am Ende ihr Werk zum ersten Mal auf der großen Leinwand ansehen und sich dabei zum ersten (und vielleicht letzten?) mal wie echte Stars fühlen dürfen, geht einem erst so richtig das Herz auf. Ob “Chubby Rain” nun ein Hit wurde oder als eine der größten Trashgranaten der Hollywoodgeschichte Kit Ramseys Karriere ruinierte, wird schlauerweise ignoriert. Was zählt, ist, dass diese Gruppe gutherziger Stümper es endlich geschafft hat und, auch wenn sie es vielleicht nicht verdient haben, belohnt wurde.

bowfinger04Als “Bowfingers große Nummer” in den Kinos startete, war er ein okayer Erfolg. Zwar weit von den Megahits früherer Martin oder Murphy Filme entfernt, aber er spielte sein Geld problemlos ein (er war auch zugegebenermaßen nicht sooo teuer) und wurde auch von den Kritikern größtenteils wohlwollend, wenn auch nicht übermäßig begeistert, aufgenommen. Heute scheint der Film aber etwas obskur zu sein. Nicht völlig vergessen, aber irgendwie habe ich oft den Eindruck, dass Viele ihn gar nicht kennen oder vielleicht nur einmal, vor längerer Zeit gesehen haben. Das ist sehr schade, denn er ist gut gealtert. Um ehrlich zu sein, mag ich ihn heute sogar lieber als damals. Ich will nicht behaupten, dass es ein vielschichtiger Film ist, der zu endlosen Analysen einlädt und in dem man bei jeder Ansicht etwas Neues entdeckt, aber er funktioniert tatsächlich auf der “leichtherziger Slapstick” Ebene, sowie der “clevere Hollywoodsatire” Ebene. Die Gags sind niemals zu platt, die Anspielungen nie zu intellektuell, es ist ein Film für so ziemlich jeden. Es wäre wünschenswert, wenn “Bowfingers große Nummer” von einer neuen Generation Zuschauern entdeckt wird, die vielleicht zu jung sind, um Eddie Murphy oder Steve Martin zu kennen. Noch wünschenswerter wäre es, wenn die “alte” Generation, die ihn sich seit Jahren nicht mehr angesehen oder damals vielleicht sogar komplett ignoriert hat, ihn auch nochmal neu entdeckt. Die Abenteuer von Bobby Bowfinger und seinen Freunden haben es nicht verdient, einfach so in Vergessenheit zu geraten.


Screencaps © Universal Pictures

Facebooktwittergoogle_plusredditpinteresttumblr