Wenn es um hervorragende Serien geht, heißt es immer nur HBO hier und Netflix da, aber FX (und sein Nebensender FXX) sind mit u.a. “Atlanta”, “Fargo”, “It’s Always Sunny In Philadelphia” und eben auch “Legion” gut im Rennen. (Leichte Spoilerwarnung für den gesamten Beitrag.)

Für die, die es nicht mitbekommen haben: “Legion” ist eigentlich eine “X-Men” Serie und andererseits auch nicht. Als Produzenten sind Bryan Singer und Lauren Shuler-Donner dabei, die auch die Filmreihe produzieren, aber die Serie erwähnt keinen der in den Filmen vorgekommenen Charaktere und bezieht sich auch nicht auf irgendwelche Ereignisse daraus. Es ist “X-Men” ohne “X-Men”, obwohl Lesern der Comics immerhin den Protagonisten David, alias “Legion” kennen sollten.

“X-Men” ohne “X-Men”

David, verkörpert von Dan Stevens, der gerade im Kino als das Biest in “Die Schöne und das Biest” für Furore sorgt, verbringt seine Zeit in einer Nervenklinik. Diagnose: Schizophrenie. Seit seiner Kindheit hört er Stimmen und sieht Dinge, was ihn in den Wahnsinn, die Kleinkriminalität und Drogensucht trieb und schließlich in einem Selbstmordversuch endete. Nun versucht er, zusammen mit seiner Junkiefreundin Lenny (Aubrey Plaza aus “Parks & Recreation”), das Beste aus dem Leben in der Anstalt zu machen. Dann taucht aber Syd (Rachel Keller, aus der zweiten Staffel von “Fargo”) auf. Obwohl sie Angst davor hat, von anderen Menschen berührt zu werden, verlieben sich Syd und David. Als Syd entlassen wird und David sie spontan küsst, bricht aber die Hölle los und bald wird klar, dass David entweder ein mächtiger Mutant oder seine Geisteskrankheit schlimmer ist, als angenommen.

Also ist im Prinzip gar nichts klar.

Der Hauptgrund, warum “Legion” aus dem Haufen anderer Superheldenserien heraussticht, ist dessen Wille zum “Hä?”. Vor allem der Pilot ist eine scheinbar willkürliche Aneinanderreihung von Zeitsprüngen, Traumsequenzen, alternativen Erinnerungen und was Autor und Showrunner Noah Hawley, der auch für die hervorragende “Fargo” Serie verantwortlich ist, sonst noch einfiel. Das ist gleichermaßen brillant wie ermüdend, denn auch wenn, zeitgleich mit Davids Geisteszustand, die Handlung im Verlauf der Staffel immer klarer wird, scheinen so einige Szenen eher “weird for weirdness sake” zu sein. So wie etwa die Bollywood-Tanzszene oder das wiederholte Auftauchen des “Angriest Boy In The World”. Die meiste Zeit über geht das Experiment aber doch auf, etwa wenn eine wichtige Szene zu einem Stummfilm wird (Dialogkarten inklusive) und die einzige Klanguntermalung nur eine schräge, elektronische Version von “Bolero” ist. Dieser Moment ist einer der spannendsten und herausragendsten der Fernsehgeschichte und würde als “normal” inszenierte Szene vielleicht nicht halb so gut funktionieren.

Stil hat “Legion” genug, Substanz hätte es aber ruhig mehr sein dürfen.

Also Stil hat “Legion” genug, Substanz hätte es aber ruhig mehr sein dürfen. Das Hauptproblem der ersten Staffel, ist, dass man acht Folgen (ja, es ist eine dieser ultrakurzen Pay TV Staffeln) auf eine Geschichte verschwendet, die man auch in drei oder vier hätte erzählen können. Das ist schon irgendwie frustrierend, wenn eine Staffel, die in ihrer Gesamtlaufzeit kürzer ist als so manche Miniserie, immer noch viel zu lang läuft. Doch keine Bange, immerhin bleibt es, dank des “Hä?” Gimmicks, durchgehend interessant. Obwohl ich spätestens in Folge 4 das Gefühl hatte, dass sich die Handlung im Kreis dreht, wurde es nie so schlimm, wie bei “The Walking Dead”, “Game Of Thrones”, “Homeland”, den ganzen Netflix Marvel Serien und all den anderen “Wir vertreiben uns nur die Zeit bis zum nächsten, aufregenden Cliffhanger”-Serien unserer Zeit. Zudem nimmt die Handlung, nachdem das erste, große Geheimnis (“Was stimmt nicht mit David?”) gelüftet wurde, tatsächlich mehr an Fahrt auf. Ich hätte mir nur eine etwas abgeschlossenere Handlung gewünscht, anstelle des Cliffhangers im Staffelfinale. Immerhin macht er neugierig auf Staffel 2, denn es wird unmöglich sein, Staffel 1 sowohl inhaltlich, als auch visuell zu wiederholen.

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Eher ein kleinerer Kritikpunkt, ist, dass viele interessante Charaktere nichts zu tun hatten. Die Schauspieler sind allesamt hervorragend, aber die Meisten durften nur auf David reagieren. Ja, die Serie heißt “Legion” und nicht “Legion und seine Freunde”, aber wenn z.B. jemand als Oberbösewicht etabliert wird, dann aber die ganze Staffel lang nur passiv in der Gegend herumsteht, bzw. seine bösen Taten Off-Camera passieren, bis dieser dann aus der Handlung gekickt wird, wirkt dies etwas planlos. Doch die Schauspieler, die tatsächlich etwas zu tun haben, sprich Dan Stevens, Rachel Keller, Aubrey Plaza, Jean Smart (“24”) und der hier noch zu selten in Erscheinung tretende Jermaine Clement (“Flight Of The Conchords”, “5 Zimmer, Küche, Sarg”), tragen die Serie dafür mit Bravour.

“Legion” ist auf jeden Fall ein interessantes Experiment. Ich möchte, im Gegensatz zu vielen anderen Kritikern, nicht so tun, als wäre dies die erste Superheldengeschichte, die nicht nach dem klassischen Mainstreammuster abläuft. Wer sich auch nur etwas in dem Bereich auskennt, weiß, wie vielfältig die bisherigen Film- und Fernsehversionen sind. (Selbst, wenn man nur MCU Produktionen sieht.) Trotzdem sticht diese mit ihrem Arthouse Stil heraus. Obwohl pseudointellektuelle Snobs gerne behaupten, dass “Legion”, mit der kopflastigen Geschichte und der visuellen Brillanz, so völlig untypisch für eine Superheldengeschichte sei, ist sie doch vielleicht eine der comichaftesten aller Zeiten. Non-lineare Erzählstrukturen und surreale Bilder sind in den bunten Heftchen schon lange keine wirkliche Seltenheit mehr. Da ist es wunderlich, dass es erst so wenige Verfilmungen dieser Art gibt.

Ein unterhaltsamer und visuell origineller Cocktail aus Science Fiction, Psychologiestunde und Horrorelementen.

Ich muss zugeben, ich klinge hier etwas negativer, als es die Serie verdient hat. Die acht Folgen waren ein spannendes und ungewöhnliches Erlebnis. Ein unterhaltsamer und visuell origineller Cocktail aus Science Fiction, Psychologiestunde und Horrorelementen. “Agents Of SHIELD” trifft auf “Vergiss mein nicht” und “Der Babadook”. Ein willkommener Beitrag zur modernen Serienlandschaft und Superheldenexplosion. Die Macher haben sich vielleicht einige Ziele zu hoch gesteckt und konnten deshalb nicht alle erreichen, aber für eine Kategorisierung als “1A Serienkost” reicht es trotzdem noch.

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