lehrerSeit Ewigkeiten ist es ja so, dass wann immer selbst ernannte Moralapostel einen Sündenbock für die Probleme in unserer Gesellschaft suchen, die Popkultur zu eben diesem gemacht wird. Schon zu meiner Kindheit, noch bevor jemand den Begriff „Killerspiele“ damit verband, haben Videospiele die Jugend verroht. Obwohl es damals nur 8 Bit Pixelmännchen waren und an „Mortal Kombat“ oder auch nur „Night Trap“ nicht zu denken war! Ungefähr zur selben Zeit hatten die Jugendschützer es auch auf Hip Hop und Heavy Metal oder „Beavis & Butt-Head“ abgesehen. Und Horrorfilme waren ja schon immer kontrovers. „Jackass“? Das muss verboten werden! Und ja, auch „Die Simpsons“ galten in ihrer Anfangszeit als unmoralisch! Comics? Diese schrecklichen bunten Bilder mit viel zu wenig Text, machen Kinder doch zu dummen Analphabeten!  Unsere Eltern mussten sogar die sogenannte Beat Musik, mit so schröcklichen Jugendverderbern wie den Beatles, vor unseren Großeltern verteidigen! Selbst Mark Twains „Huckleberry Finn“ war bei Schulen und Eltern seinerzeit nicht gerne gesehen und ich wette, zum Anbeginn der Menschheit, haben Mama Gruk und Papa Onk-Uk schon versucht, ihre Kinder vor diesen grässlichen Höhlenmalereien zu beschützen!

Doch wie wir alle wissen (oder zumindest wissen sollten), hat keines dieser Dinge für den Untergang des Abendlandes gesorgt und es gibt bis heute, trotz tausender Studien, keinen Beweis dafür, dass ein Mensch durch irgendeins dieser Dinge zum sabbernden Serienkiller wurde. Wir, die Konsumenten von Videospielen, Horrorfilmen, Comics und Marylin Manson, haben Recht und die panikmachenden „Denkt doch an die Kinder!“ schreienden Moralwächter, haben Unrecht!

Trotzdem sehe ich mich zuletzt schon irgendwie auf der Seite dieser Menschen. Zumindest ein kleines Stück.

Wie ihr wisst, war 2016 ein…nennen wir es „merkwürdiges“ Jahr. Die toten Promis ignorieren wir jetzt einfach mal und konzentrieren uns auf den „Idiocracy“ Aspekt. Ein unqualifiziertes, orangenes Riesenbaby mit einer Vergangenheit als Wirtschaftskrimineller, kontrolliert jetzt eine Atommacht und Neonazis konnten sich als halbwegs seriöse Politiker oder hippe Jugendbewegung mit coolem Namen („Alt-Right“) wieder in den Mainstream schmuggeln, während viel zu viele Menschen, die es eigentlich viel besser wissen sollten, absolut dämliche Reddit und 4Chan Threads als echte Nachrichten wahrnehmen. Zudem scheinen sehr viele Menschen zu glauben, dass es “Satire” oder “Kritik” ist, jemanden im Fernsehen als pädophilen Ziegenficker zu bezeichnen. Die Menschheit scheint sich nach dem „Einen Schritt vor, zwei zurück“ Prinzip zu entwickeln. Woran liegt das? Es lief doch so gut! Zwar nicht ohne das eine oder andere Schlagloch und auch nicht von heute auf morgen, aber im Großen und Ganzen schienen wir uns in die richtige Richtung zu bewegen!

Die Menschheit scheint sich nach dem „Einen Schritt vor, zwei zurück“ Prinzip zu entwickeln

Okay, ich komme zum Punkt. Ihr habt die Überschrift eh gelesen: Vielleicht ist es die Schuld der Popkultur.

Gut, „Schuld“ ist etwas simplifiziert, aber manchmal blicke ich zurück in meine Jugend, als Antisemitismus und Rassismus so ein Tabu waren, dass wer auch immer entsprechende „Witze“ riss oder zum Spaß „Heil Hitler“ brüllte, als Vollidiot galt. Okay, Sexismus und Schwulenfeindlichkeit waren immer noch mehr oder weniger gesellschaftlich geduldet, aber immerhin hatten wir eine gewisse Grenze und die lag beim Nationalsozialismus.

Dann kamen „South Park“ und „Family Guy“.

Nein, ich will nicht behaupten, dass Trey Parker, Matt Stone und Seth McFarlane Neonazis oder so etwas wären. Vor allem im Fall von „South Park“ ist ja wohl eindeutig klar*, auf welcher Seite Parker und Stone stehen. Wenn Cartman sich mal wieder seinen Hitlerfantasien ergibt und einen neuen Holocaust plant, sollen wir nicht auf seiner Seite stehen. Er ist am Ende immer der Dumme und er hat es verdient. Und auch Peter Griffin und Co sollen keine Vorbilder sein, obwohl es bei „Family Guy“ durchaus problematischer zugeht und ein kritischer Kontext oftmals einfach fehlt.

Der hier ist auch gut:  Die ersten Drei: “Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert”

*Oder zumindest war es eindeutig klar, bis sie unter anderem die globale Erwärmung als Hirngespinst abtaten, Obdachlose als Zombies darstellten und mal eben so beschlossen, dass es völlig okay ist, jemanden als „Schwuchtel“ zu bezeichnen, weil das Wort von nun an eben eine andere, nicht-homophobe Bedeutung haben soll.

Um ehrlich zu sein, war ich sehr überrascht, als ich vor Kurzem herausfand, dass Seth McFarlane ein ganz okayer Typ zu sein scheint, der sich u.a. für Feminismus und gegen Trump einsetzt. Er ist das, was viele Fans seiner rassistischen, sexistischen, antisemitischen, sich über Vergewaltigungsopfer lustig machenden, „schlimme Dinge zu sagen zählt schon als Satire“ Shows, wohl als „SJW“, also „Social Justice Warrior“ verspotten würden. (Denn ihr wisst ja, soziale Gerechtigkeit nimmt der arischen Herrenrasse nur den Spaß am Arschloch sein, oder so.) Ich hätte eher damit gerechnet, dass er fröhlich „giggity giggity“ lachend applaudiert hätte, als Trumps „Grab them by the pussy“ Kommentar an die Öffentlichkeit kam.

Sie sind über das Ziel hinausgeschossen und haben schlichtweg die Intelligenz ihres Publikums überschätzt.

Mit diesen neuen Beweisen kann ich McFarlane keine bösen Absichten unterstellen. Eher fahrlässigen Umgang mit explosivem Material. Gleiches gilt für Parker und Stone. Sie sind in ihrem Plan, dem jungen Publikum eine freche Alternative zur heilen Welt anderer Comedyserien zu bieten, übers Ziel hinausgeschossen und haben schlichtweg die Intelligenz eines großen Teils ihres Publikums überschätzt. Vielleicht auch ihre eigene. Natürlich macht “South Park” niemanden zum Nazi, aber es ist schon komisch, dass niemand zu wissen scheint, woher der plötzliche Anstieg an antisemitischen Taten kommt, wenn man Woche für Woche in einigen der beliebtesten Fernsehserien der Jugendlichen, judenfeindliche Sprüche hören kann und man als Zuschauer herzlich darüber lachen soll. Natürlich soll man nicht darüber lachen, was gesagt wird, aber man soll darüber lachen, dass es gesagt wird. Das ist ein Unterschied, der vielleicht zu klein ist, um ihn als unproblematisch zu empfinden.

Diese Serien sind natürlich nur als Antwort auf die “Political Correctness” entstanden. Ja, die böse, böse “Political Correctness”. Seitdem Alfred Nobel das Dynamit “zum Wohle der Menschheit” auf den Markt warf, gab es wohl keine Erfindung, die so übel zurückfeuerte. Was als sinnvolles “Seid nett zueinander und denkt nach, bevor ihr etwas sagt” Konzept begann, wurde schnell zu einem Schreckgespenst für selbst ernannte Freigeister und eine Herausforderung, der größte Arsch aller Zeiten zu werden. Dessen Gegner tun oft so, als wäre dies eine Einschränkung der Redefreiheit und sie müssten Angst darum haben, in den Knast geworfen zu werden, “nur” weil sie etwas “schwul” fanden.  Und ja, natürlich haben auch die Verfechter der Political Correctness öfter über das Ziel hinaus geschossen und Kontroversen (und Zensuren) provoziert, wo eigentlich keine nötig zu sein schienen. Trotzdem bin ich im Zweifelsfall immer für diejenigen, die sich Trollen und Wirrwuzzies mit einem “Sei nicht so ein Arsch” entgegenstellen.

Aber ich schweife ab.

Anstatt gewisse Humorarten als “edgy” zu feiern und die Macher einfach machen zu lassen, hätte man vielleicht auf die Notbremse treten sollen.

Der Punkt ist, im Bestreben unserer Gesellschaft, immer offener zu werden, wurden wir in manchen Dingen vielleicht zu offen. Nein, ich meine nicht Grenzöffnungen, Flüchtlingshilfe und so. (Und wenn Du das gedacht haben solltest, verpiss Dich zu Deinen AfD Alt-Right Neonazi Freunden und wage es nie wieder, meine Seite anzuklicken.) Redefreiheit ist etwas Schönes und ein Grundpfeiler jeder zivilisierten Gesellschaft, aber anstatt gewisse Humorarten als “edgy” zu feiern und die Macher einfach machen zu lassen, hätte man vielleicht auf die Notbremse treten sollen. Jetzt ist eine Normalisierung eingetreten. Es ist schwer zu sagen: “Hey, halt, die Klappe, du rassistischer, sexistischer, antisemitischer Wichser”, wenn der rassistische, sexistische, antisemitische Wichser nur Comedy Central einzuschalten braucht, um seine “Witze” legitimiert zu sehen.

Guy_fawkes_mask

„Ui, ich trage Comicmerchandise auf meinem Gesicht. Ich bin ja so ein Freiheitskämpfer!“

Okay, ich gebe zu, das ist alles eine Vereinfachung. Im Endeffekt sollte man als Mensch schlichtweg genug Verstand besitzen, um Realität und Fiktion, sowie gut und schlecht, richtig und falsch auseinanderhalten zu können. Wenn der Zuschauer das nicht kann, ist der Geschichtenerzähler nicht dafür verantwortlich. Doch es sind ja nicht nur die bewusst geschmacklosen Witzeleien, die von gewissen Menschen viel zu ernst genommen werden. Seit Ewigkeiten gibt es in der Fantastik auch die Rolle des noblen Freiheitskämpfers, des “Chosen One”. Derjenige, der als Einziger die Wahrheit sieht, schlauer als “die da oben” ist und mutig das System von innen heraus bekämpft. Gerade in der heutigen, scheinbar von Geeks und Nerds regierten Welt, wollen doch alle Neo oder V sein. Interessanterweise wird die eigentlich simple Botschaft von “Matrix” und Co., die Welt zu hinterfragen und seine Stimme hören zu lassen, zurzeit von Internettrollen und anderen Vollidioten pervertiert. “Take the red pill”, was eigentlich ein Symbol für die Verbreitung von unbequemen Wahrheiten sein sollte, ist jetzt von Reddit Trollen eingenommen, die wilde Verschwörungstheorien, Fake News und Anleitungen für Vergewaltigungen als Wahrheit posten. Jeder 12-jährige, der sich im 1 Euro Laden eine Guy Fawkes Maske gekauft hat, glaubt, er würde die Wahrheit kennen, während die “Sheeple” um ihn herum Augen und Ohren verschließen. Wenn Politiker etwas sagen, ist es automatisch gelogen, aber alle Whistleblower und Hacktivisten sind unfehlbare Götter, die man nicht zu hinterfragen braucht.  Dass Assange wohl eindeutig auf der Gehaltsliste von Putin und Trump steht und die ach so tollen Maskenfuzzies von Anonymous bis jetzt auch nur ISIS auf Twitter getrollt haben, anstatt in irgendeiner Form hilfreich zu sein** ist egal. Im Film funktioniert so ein Cyberfreiheitskampf ja auch immer, warum sollen wir es jetzt anzweifeln?

Der hier ist auch gut:  R.I.P. Larry Drake

**Wo sind denn nun die “vernichtenden Beweise gegen Trump”, die ihr vor ein paar Wochen angeblich noch hattet? Wie wäre es dann mal mit einer Veröffentlichung? Oder haltet gleich die Klappe!

Ich hoffe, irgendwann wird jemand, der schlauer ist als ich und mehr Zeit hat, sich dem Thema genauer widmen. Ich kratze hier wirklich nur an der Oberfläche und teile meine Beobachtungen mit. Der Großteil der Menschen ist eigentlich ziemlich vernünftig. “24” und “Homeland” schüren keinen Hass auf Muslime, aber bestätigen die Vorurteile derer, die sie ohnehin schon besitzen. “South Park” ist mit seiner populären “Douche Vs Turd” Analogie nicht Schuld an der geringen Wahlbeteiligung, denn zu viele Menschen glaubten schon vorher, es sei egal, wen man wählt. Trotzdem sind, zumindest in meinen Augen, gewisse Anzeichen und Parallelen deutlich zu erkennen. Aber vielleicht werde ich nur alt.

In diesem Sinne: Hier sind Kätzchen.

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