Reise nach 1997: “Event Horizon”

event_horizonUnd zurück ins Jahr 1997, das ja jetzt tatsächlich 20 Jahre her ist! Wie schon mehrfach erwähnt, war 1997 ein merkwürdiges Filmjahr. Bis jetzt betrachteten wir innerhalb dieser Reihe eine schräge Science Fiction Spezialeffektorgie mit so einigen Slapstickeinlagen, eine Adaption eines Nickelodeon Sketchs, einen Horrorfilm über einen Vampir mit Pilotenschein und die wenig geliebte Fortsetzung des vielleicht beliebtesten Werwolffilms überhaupt.  Unser heutiger Film ist ein nicht gerade billiges, überraschend blutiges und mit hervorragenden Charakterdarstellern besetztes B-Movie, eines großen Studios. Zudem ist es der einzige Film von “Zombie Kicker Resident Evil” Macher Paul Nicht Thomas Anderson, der dem “wirklich gut” Status ziemlich nah kommt!

In “Event Horizon” geht es um die “Event Horizon”. Diese ist ein Raumschiff, das mit einem brandneuen, mit Hilfe eines künstlichen schwarzen Lochs, die physikalischen Gesetze auf den Kopf stellenden Antrieb ausgestattet ist, mit dem man in wenigen Sekunden an jeden Ort im Universum reisen könnte. Leider verschwand sie bei ihrem Jungfernflug im Jahr 2040 und galt als zerstört, bis man plötzlich sieben Jahre später einen grauenerregenden Funkspruch der Besatzung auffängt und das Schiff im Orbit des Neptuns wiederfindet. Dr Weir (Sam Neill), der Erbauer des Superantriebs, wird zusammen mit der Besatzung der “Lewis & Clark” (u.a. Laurence Fishburne, Jason Isaacs, Sean Pertwee, Kathleen Quinlan und Joely Richardson!) dorthin geschickt, um herauszufinden, was passiert ist, eventuelle Überlebende zu retten, aber auf jeden Fall das teure Schiff wieder nach Hause zu bringen. Dort angekommen, ist das Schiff, bis auf ein paar Leichen und jeder Menge Blut, leer und schon bald häufen sich unter den Crewmitgliedern schreckliche Halluzinationen. Schnell wird klar: Was auch immer die “Event Horizon” von ihrem Jungfernflug mitgebracht hat, ist jetzt hinter der Crew der “Lewis & Clark” her.

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Ich habe plötzlich so einen Minzgeschmack im Mund.

Dies ist wieder einer dieser Filme, die zu ihrem Kinostart größtenteils unbeachtet blieben, sich dann aber auf dem Heimvideomarkt zu einem echten “Cult Classic” entwickelten.  Keine Ahnung, ob das im Zeitalter von “Netflix & Chill” und Videothekensterben überhaupt noch möglich ist. Leider, wie Fans wissen, wurde er aber auch ein paar Jahre zu früh gedreht. Soll heißen, in der Zeit vor der DVD Explosion, als alles, was auf dem Boden des Schneideraums landete, einfach vernichtet wurde, weil “Extended Cuts” und Bonusmaterial in Form von nicht verwendeten Szenen nicht gefragt waren. Der ursprüngliche Director’s Cut von “Event Horizon” ist so etwas wie ein heiliger Gral unter den Horrorfans. Da Paramount den Dreharbeiten nicht viel Beachtung schenkte, drehte Anderson, zusammen mit 2nd Unit Regisseur Vadim Jean, den man wohl am besten als Regisseur der ersten beiden “Discworld” Miniserien kennt, einen Haufen verdammt blutiger Szenen, bei denen unter anderem Pornodarsteller und Amputierte mitwirkten und bei dessen Ansicht ein Mitglied des Testpublikums angeblich in Ohnmacht fiel. Diese Szenen mussten natürlich raus und sind nun mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit für immer verloren.

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Der Film ist übrigens ab 16.

Doch auch so hat “Event Horizon” noch seine Splattermomente zu bieten. Diese sind zwar oft nur kurz, dafür aber heftig genug, um dem Normalzuschauer einen Schlaganfall zu verpassen. Trotzdem setzt der Film hauptsächlich auf Atmosphäre, und in dem Bereich ist dies tatsächlich Andersons beste Regiearbeit. Bevor das große Sterben losgeht, nimmt man sich viel Zeit, um eine unheimliche Spukhausstimmung zu etablieren. Es war ein cleverer Schachzug, das Raumschiff in der Atmosphäre des Neptuns zu platzieren, denn wenn es nur irgendwo im All herumschweben würde, müsste man auf die Gewitterstürme verzichten, die ja seit jeher zum klassischsten Stilmittel des Horrorgenres gehören.  Sobald die Crew das Schiff betritt, beschleicht einem selbst als Zuschauer das Gefühl, dass hinter jeder Ecke der Tod lauert. Gerade was Ausstattung und Kameraarbeit betrifft, ist “Event Horizon” viel besser, als die meisten anderen Horrorfilme dieser Zeit.

Interessant ist übrigens, dass der Film wirkt, als wäre er in 3D gefilmt worden. Es sind nicht nur die langen Gänge, die quasi für eine falsche Tiefe auf der Leinwand prädestiniert sind, es schweben, zeigen, schießen und pieksen ständig irgendwelche Dinge oder Personen in Richtung Kamera. Soweit man mir erzählt hat, gehören die späteren, tatsächlich in 3D gefilmten Filme von Paul Nicht Thomas Anderson zu den besten ihrer Art. Zumindest, was die 3D Effekte angeht. Da ich auf einem Auge fast blind bin, versuche ich 3D immer zu vermeiden, also kann ich es nicht bestätigen. Aber scheinbar hatte er hier schon geprobt. Ich kenne wirklich keinen 2D Film, der so 3D-esque wirkt!

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Alternative Fakten? Lügenpresse?

Inhaltlich ist der Film nicht sooooo gut. Sagen wir es mal so: Er lebt von der Atmosphäre und einem sehr aufregenden letzten Akt. Die Schauspieler sind für so einen Film fast schon viel zu gut und vor allem ist “Event Horizon” einer der wenigen Filme, in denen von Sam Neills Fähigkeit sympathisch, aber auch unheimlich zu sein, Gebrauch gemacht wird. Aber gerade beim wiederholten Ansehen, wenn man weiß, was mit der alten Crew passiert ist und wann die Situation tatsächlich eskalieren wird, fällt einem auf, wie wenig in den ersten zwei Akten tatsächlich passiert. Und natürlich klaut sich der Film von “Alien” bis “Hellraiser” quer durch die Horrorfilmgeschichte.  Mit weniger talentierten Menschen vor und hinter der Kamera (Ja, selbst der Mann auf dem Regiestuhl liefert ausnahmsweise eine gute Arbeit ab), wäre das Werk vielleicht kaum auszuhalten.

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Die Discokugel der Zukunft?

Aber eigentlich ist “Event Horizon” ein gelungener Horrorfilm für zwischendurch und ein Werk, das perfekt ins Jahr 1997 passt. Nicht schlecht gemacht, aber vielleicht ambitionierter, als es gut für ihn war. Vor allem aber vollgestopft mit WTF Momenten, die man sonst nur selten in Filmen sieht, die von großen Studios produziert und auf die Kinoleinwand geworfen werden.

 

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Screencaps ©Paramount

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