Serientipp: “Atlanta”

Manchmal vermeidet man etwas, weil man eine völlig falsche Vorstellung davon hat. Meistens liegt es daran, dass es wie etwas aussieht, das einem nicht gefällt. Sei es nun der neumodische Trendsnack, der wie ausgekotzt aussieht, das neue “Super Mario” Spiel, das mal wieder in quietschbunter Kinderoptik daherkommt* oder die neue, preisgekrönte Comedyserie, die wieder wie eine von diesen Serien wirkt, die die Kritiker nur lieben, weil sie nicht lustig sind. Wenn man aber dann genauer hinsieht, ist der Kotzsnack wirklich lecker, das neue “Super Mario” mal wieder innovativer und hat mehr Spielspaß als alle Playstation und Xbox Ego-Shooter zusammen und “Atlanta” ist plötzlich meine neue Lieblingsserie.

*Etwas, das mich nie gestört hat. Ist nur ein Beispiel.

Ja, ich muss zugeben, ich habe es normalerweise nicht so mit Comedyserien, die von Kritikern hochgelobt, mit Preisen überschüttet und meistens für das amerikanische Kabel- oder Pay TV (oder einfach nur für das britische Fernsehen) produziert werden. Eigentlich kann ich von mir sagen, dass mein Humor breit gefächert ist. Ich lache über albernes Handpuppengehampel genau so, wie über die, vor staubtrockenem und oft tiefschwarzem Humor nur so strotzenden Werke der Coen Brüder. Die Schüttelreime und Kalauer von Heinz Erhardt bringen mich genau so zum lachen, wie Louis C.K. und seine hintergründigen Beobachtungen des alltäglichen Irrsinns. “Ey Mann, wo is mein Auto” hat in meinem Herzen den selben Stellenwert wie “Rosenkrantz und Güldenstern sind tot” und “Arrested Development” bereitete mir so viel Spaß, wie es z. Zt. oft “Fuller House” macht. Aber so Serien wie “Extras”, “Entourage”, “Curb Your Enthusiasm”, “30 Rock”, “Ballers” und wie sie alle heißen, scheinen oft so von sich selbst und ihrer vermeintlichen Cleverness eingenommen zu sein, dass sie vergessen, Witze zu erzählen. Oder zumindest Witze, über die ich lachen kann. Ja, Humor ist so eine Sache. Jeder lacht über etwas anderes. Trotzdem habe ich oft den Eindruck, dass eine Comedyserie unwitziger zu sein scheint, je mehr Preise sie gewinnt.

Dadurch erscheint es eigentlich noch ungewöhnlicher, dass ich mir tatsächlich den frischgebackenen Golden Globe Gewinner “Atlanta” angetan habe. Schon vor dessen Gewinn, machte die Serie einen ziemlich langweiligen Eindruck auf mich und Folge 1 bestätigte den Eindruck mehr oder weniger. Es gab zwar einige gute Lacher, aber ein automatischer Favorit war es für mich noch nicht. Zum Glück hatte man mir von einem Witz innerhalb der Serie erzählt, der so surreal und abgedreht war, dass ich einfach weiterschauen musste.

In “Atlanta” geht es um den von allen nur “Earn” genannten Earnest (Donald Glover, aus dessen Gehirn “Atlanta” entsprang und den man auch als Rapper Childish Gambino oder als Darsteller aus “Community” und “Der Marsianer” kennt.). Earn ist jemand, mit dem ich mich erstaunlich gut identifizieren kann. Irgendwie ein Versager, der es im Leben nicht so weit gebracht hat, wie er es sich gewünscht hätte. Er drückt sich nicht unbedingt vor Verantwortung, sieht aber auch nicht ein, warum er es allen recht machen muss, anstatt seine Träume zu verfolgen. Natürlich ist das insoweit ein Problem, weil er ja auch irgendwie seine kleine Tochter versorgen will und durch seinen Lebensstil als von Minijob zu Minijob hüpfender Quasi-Obdachloser, die gesamte finanzielle Verantwortung an seiner Freundin Van (Zazie Beetz) hängen bleibt. Da kommt es ihm recht, dass sein Cousin Alfred gerade als Rapper “Paper Boi” (Bryan Tyree Henry) die Underground Hip Hop Szene von Atlanta aufmischt. Schließlich braucht dieser ja bestimmt einen Manager. Doch “Paper Boi” ist nicht gerade von dieser Initiativbewerbung begeistert. Als es zudem kurz darauf auf einem Parkplatz zu einer Schießerei kommt, ist er sich auch nicht mehr sicher, ob er überhaupt berühmt sein will.

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Wie so oft klingt diese Zusammenfassung nicht wirklich nach etwas Besonderem und es dauert tatsächlich zwei bis drei Folgen, bevor “Atlanta” immer mal wieder die volle Surrealismuskeule herausholt. Ja, was wie eine durchschnittliche Dramedy über ein paar Typen anfängt, die den Erfolg in ihrem Leben suchen, widersetzt sich schnell überraschend vielen Konventionen. Am wichtigsten ist vielleicht das Fehlen eines Handlungsbogens. Ich meine, es ist nicht so, dass am Ende jeder Folge der erzählerische Resetknopf gedrückt wird, aber irgendwie wird er das. Viele Handlungen, die erst wichtig erscheinen und in der einen Folge nicht richtig abgeschlossen wurden, werden plötzlich mehr oder weniger ignoriert. Die Schießerei am Ende der Pilotfolge, setzt zwar so einiges an Handlung in Gang, wird aber die meiste Zeit über nur beiläufig erwähnt und es scheint so gewollt zu sein. Während andere Serien sich jetzt vielleicht darauf stürzen würden, nach und nach alle Zusammenhänge des schicksalhaften Abends, von dem wir als Zuschauer wirklich nur einen Bruchteil mitbekommen, aufzuzeigen und alle Charaktere Folge für Folge mit den Auswirkungen zu kämpfen haben, ist dies hier zweitrangig. Oder eher eineinhalbrangig. Es ist vielleicht der wichtigste Subplot, aber er dominiert “Atlanta” nicht.

Der Stil der Serie ist schwer zu beschreiben. Es ist eine Mischung aus Showbizsatire, “Freunde hängen ab und machen gar nichts” Comedy, Coming Of Age Drama, “Mein Leben als Schwarzer in den USA des 21. Jahrhunderts” Porträt, mit kurzen Momenten eines Live Action Cartoons. Das Erzähltempo ist gemächlich, aber die Geschichten sind so kurzweilig, dass die halbstündigen Folgen wie im Flug vergehen. Einige davon, wie “Der Streisand-Effekt”, in dem Paper Boi sich mit einem, für Clicks und Likes alles machenden Internetstar anlegt, oder “B.A.N.”, die als Folge einer Talkshow (inklusive Werbeunterbrechungen) aufgezogen ist, sind eindeutig mehr Comedy, während z.B. die Pilotfolge “Der große Knall” oder “Dein Wert”, in der sich Van mit einer alten Freundin und Problemen auf der Arbeit herumschlagen muss, als Charakterdrama mit Humorspritzern funktionieren. Wir sehen Szenen von Polizeibrutalität, Homophobie, beiläufigem Rassismus, werden dazu gebracht über uns und unseren Status im Leben nachzudenken. Doch selbst dann hat “Atlanta” immer noch Zeit für Witze, über Menschenansammlungen in Kuhkostümen oder extrem unrealistische Verkehrsunfälle.

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Letzteres war der Witz, den man mir vorher gespoilert hatte und der mich zum anschauen dieser Serie verführt hat. Solltet ihr also noch nicht überzeugt sein, werde ich ihn nun für euch spoilern. Achtung:

Es geht um ein unsichtbares Auto. Ja, ein unsichtbares Auto. Und es ist noch viel abgedrehter, als ihr es euch vorstellt!

Doch selbst eine so gut geschriebene und inszenierte Serie, wäre nichts ohne ihre Darsteller und auch hier überzeugt “Atlanta”. Ich bin kein Anhänger des Donald Glover Kults** (vermutlich hauptsächlich, weil mich schon “Community” größtenteils kalt lies), aber ich muss sagen, dass er hier als größtenteils “Straight Man”, der oft nur auf die merkwürdigen Ereignisse um ihn herum mit innerem Kopfschütteln reagiert, eine seiner besten Leistungen abliefert. Der MVP der Serie ist aber Brian Tyree Henry. Sein “Paper Boi” ist komplexer, als es erst scheint. Teils hitzköpfiger Gangsta, mit dem man sich nicht anlegen sollte, teils gewissenhafter Teddy Bär, teils auf der Suche nach Ruhm und Geld und teils jemand, der schon jetzt keinen Bock mehr auf den ganzen Stress als Superstar hat, ist er der Anker der Serie. Earn und seine Probleme als mehr oder weniger verantwortungsvoller Erwachsener stehen vielleicht im Mittelpunkt, aber Paper Bois Reise durch die Irrungen und Wirrungen der Rapszene, mit all ihren Vor- und Nachteilen, ist eindeutig der interessantere Aspekt. Und Brian Tyree Henry ist die perfekte Besetzung für die Rolle. Es würde mich nicht wundern, wenn er eine glänzende Karriere als Charakterdarsteller vor sich hat und, je nachdem wie lange “Atlanta” läuft, bald gegenüber Donald Glover bei den Preisverleihungen bevorzugt wird. (In den Anfangsjahren wird oft nur der bekanntere Schauspieler honoriert**.)

**Ja, das klingt, als hätte ich ein Problem mit Donald Glover, aber er hat Talent und Charisma. Vor “Atlanta” hatte er in meinen Augen nur nichts gemacht, weshalb ich mich als echter Fan bezeichnen würde.

Besonders erwähnen möchte ich hier noch eben kurz Lakeith Stanfield (“Straight Outta Compton”, “Selma”, “Dope”), der als Paper Bois dauerbekiffter Kumpel Darius oft für die größten Lacher sorgt.

Also: “Atlanta”. Hierzulande noch eine Art Geheimtipp, der bis jetzt nur im Pay TV auf FOX zu sehen war. Keine Ahnung, ob das Free TV oder andere Streamingdienste schon Interesse gezeigt haben. Ich weiß auch nicht, wie massentauglich die Serie in unseren Gefilden ist. Vermutlich eher weniger. Das ist so eine Serie, die Pro7 irgendwann mit viel Tamtam zur Hauptsendezeit ausstrahlt, dann nach zwei oder drei Wochen mangels Quoten auf Mitternacht verschiebt, durch “Big Bang Theory” Wiederholungen ersetzt  und spätere Staffeln dann mit jahrelanger Verspätung auf Pro7 Maxx oder Pro 7 Fun zeigt. Trotzdem, wer Interesse an originellen, vielfältigen, mal trockenen, mal albernen Comedyserien hat, die selbst in ihren ernsten Momenten niemals zu deprimierend werden, muss sich “Atlanta” ansehen!

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Headerphoto: obs/Fox Networks Group Germany

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