Willkommen bei einer neuen Reihe des Plaudereckchens. Hier werde ich mir noch mal die ersten drei Folgen von Serienklassikern anschauen. Wie wir alle wissen, sind nur wenige Serien am Ende genau so, wie sie am Anfang waren. Und auf kaum eine Serie trifft das mehr zu, als auf „Die Simpsons“. Okay es gibt auch kaum eine Serie, die ähnlich lang lief.

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Im Audiokommentar wird zurecht bemerkt, dass so ein Charakterdesign heute nicht mehr vorkommt.

Wir alle kennen „Die Simpsons“. Selbst die, die noch nie eine Folge gesehen haben. (Vermutlich handelt es sich hierbei um ältere oder jüngere Zuschauer.) Die Serie läuft seit über 25 Jahren und ich glaube nicht, dass es wirklich einen längeren Zeitraum gab, in dem sie nicht auf unseren Bildschirmen zu sehen war. Eventuell in den ersten paar Jahren, als sie noch im ZDF lief. (Ja, im Ernst! Erst jeden Freitag am Vorabend, dann werktags um Ca 13 Uhr!)   Vielleicht auch in den ersten Pro 7 Jahren, aber das ist nicht das Thema und eigentlich braucht die Serie auch kein größeres Intro. Fangen wir also an.

Die erste Folge, die im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, war „Eine ganz normale Familie“. Dabei handelt es sich aber eigentlich um die vierte Folge. Der Serienpilot war in Wirklichkeit „Es weihnachtet schwer“ (OT: „The Simpsons Roasting On An Open Fire“) und aus Gründen der Kontinuität innerhalb der Serienentwicklung, halte mich an die Originalreihenfolge, wie sie auch auf der ersten DVD Box zu finden ist.

Es ist wirklich erstaunlich, wie komplett anders dieses Weihnachtsspecial, im Vergleich zu modernen Folgen ist. Nicht nur im Bezug auf Dinge wie die etwas unbeholfene Animation, Charakterdesign oder eben die viel jünger klingenden Stimmen.  Auch inhaltlich ist die Serie fast das komplette Gegenteil der heutigen Folgen. Ich meine, es ist jetzt keine umwerfende, noch nie zuvor ausgesprochene Beobachtung, dass „Die Simpsons“ heute mehr Wert auf überdrehten Slapstick im Maschinengewehrtempo legt, aber wie viel echte Handlung in Folge 1 vorhanden ist, hat mich nach all den Jahren dann doch wieder überrascht.

Die Geschichte von „Es weihnachtet schwer“ ist ja bekannt. Es ist Weihnachten, aber Homer bekommt kein Weihnachtsgeld, was er seiner Familie aus Scham verschweigt. Und Marges Ersparmothnisse gehen dafür drauf, ein Tattoo von Barts Arm zu entfernen. Bis es dann so weit kommt, dass Homer endlich einen Job als Weihnachtsmann annimmt, ist schon erstaunlich viel Zeit vergangen. Vielleicht würden wir heute noch nicht mal sehen, wie er angelernt wird. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte aber auf eine Art weiter, die man aus modernen Folgen gar nicht mehr kennt und um ehrlich zu sein auch vermisst. Die Schulaufführung am Anfang, würde vermutlich gleich gestrichen werden und stattdessen würde die Folge sofort im Einkaufszentrum anfangen, welches in dieser Folge aber erst nach fünf Minuten auftaucht. Selbst dann dauert es noch sechs weitere Minuten, bevor Homer zur Weihnachtsmannausbildung geht. Anstatt dass er danach sofort seiner neuen Tätigkeit nachgeht, wird sogar noch eine Szene dazwischengeschoben, in der er versucht, für seine Familie einen Tannenbaum zu besorgen! Als Bart schließlich Homer per Zufall ertappt, sind schon 15 Minuten der Folge vergangen und er zeigt erstaunlich viel Verständnis und Zuneigung für seinen Vater.

Ja, das alte „Anfangs waren Charaktere noch anders“ Problem. Homer war durchaus schlauer als in späteren Staffeln und kümmert sich sogar um seine Familie, ohne vorher erst eine Lektion lernen zu müssen. Flanders war noch nicht der relididdligiöse Fanatiker, der er heute ist (und hatte scheinbar auch nur ein Kind) und Barney war zwar schon irgendwie ein Versager, aber noch kein Alkoholiker. Bart war eher frech als ein echter Unruhestifter und Lisa war zwar schon talentierter und schlauer als der Rest der Familie, kam aber auch noch eher wie ein echtes Kind rüber. Wenn sie dann an einer Stelle einen (wirklich gelungenen!) Klugscheißermonolog von sich gibt, verteidigt sie damit Homer vor Patty und Selma! Kaum zu glauben, aber Lisa hat tatsächlich ihren Intellekt eingesetzt, um sich auf die Seite ihrer Familie zu stellen, anstatt sich als etwas Besseres zu betrachten!

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Ebenfalls kaum zu glauben, ist wie bieder „Es weihnachtet schwer“ nach heutigen Standards ist. Selbst im sehr informativen Audiokommentar* wundern sich Matt Groening und Co. darüber, dass es tatsächlich Diskussionen darüber gab, ob Homer zu unsympathisch wird, wenn er illegal einen Weihnachtsbaum fällt oder ob es fernsehtauglich sei, wenn der Arzt Bart davor warnt, dass der Tattooentfernungslaser ihm in den Schritt schießen könnte.

*Die Kommentare zu dieser Serie und „Futurama“ zählen zu den besten, informativsten und unterhaltsamsten, die je auf eine Scheibe gepresst wurden!

Aber eigentlich ist diese Folge fast schon eine typische Familiensitcom, die 1:1 als Realfilm verfilmt werden könnte. Sie ist witzig, hat aber nicht viel von der Originalität und Spritzigkeit, wegen der „Die Simpsons“ so ein Erfolg wurden.

Anders ist dies aber schon bei Folge  Nr. 2: In „Bart wird ein Genie“ („Bart The Genius“) schummelt Bart bei einem Test und wird für ein verkanntes Genie gehalten. Hier wird uns schon etwas mehr Cartoonhumor geboten, von großen Dingen, wie der Fantasiesequenz beim I.Q. Test oder der Explosion und Barts anschließender Färbung bei seinem Experiment am Ende, bis hin zu kleineren Dingen, wie Homers Wutanfällen.

Kwyjibo

Der „Kwyjibo“ war der erste Gag aus der Serie, der ein echter Klassiker wurde.

Trotzdem hat auch diese Folge einen überraschend emotionalen Kern, der in moderneren Episoden vielleicht nicht mehr in dieser Dynamik funktionieren könnte. Was für Bart als lustiger Streich anfängt, um dem verhassten Streber Martin Prince eins auszuwischen, entwickelt sich für ihn zu einer Gelegenheit, endlich der ebenso verhassten Schule zu entfliehen und an einer Lehranstalt unterzukommen, die wie ein Traum klingt, sich dann aber schnell in einen Albtraum verwandelt. Am Ende ist wirklich der einzige Grund, der ihn tatsächlich diesen Schwindel trotz aller Nachteile weiter durchziehen lässt, dass Homer zum ersten Mal stolz auf ihn ist. Auch in den heutigen Folgen wäre ein neu gewonnener Respekt zwischen Vater und Sohn möglich, aber nicht auf die Art und Weise, in der es hier dargestellt wird.  Oder könntet ihr euch vorstellen, dass Homer und Bart friedlich in den Garten gehen und sich einen Baseball zuwerfen?

Beobachtung am Rande: Auch wenn Lisa schon als die Schlaue in der Familie etabliert war, wird ihre Intelligenz in dieser Folge mit keinem Wort erwähnt. Sie selber ist zwar Barts neu entdecktem Status als Genie gegenüber mehr als skeptisch , verhält sich ansonsten aber sehr passiv. Die heutige Lisa hätte ihren eigenen Subplot, in dem sie immer und immer wieder versuchen würde, ihren Bruder als Betrüger zu entlarven und vielleicht selber in die Genieschule zu kommen. Und auf gar keinen Fall würde sie wie hier mitlachen, wenn Homer alberne Geräusche in der Oper macht.

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Die schwächste der ersten drei Folgen ist „Der Versager“ („Homer’s Odyssey“), was sich schon dadurch abzeichnet, dass ich mich überhaupt nicht mehr an sie erinnern konnte, obwohl ich als Kind alle Folgen auf Video aufnahm und mir ständig anschaute. Darin baut Homer einen Unfall im Atomkraftwerk und wird gefeuert. Die lange Arbeitslosigkeit ohne Aussicht auf einen neuen Job treibt ihn schließlich in den Selbstmord, doch als er stattdessen das Leben seiner Familie rettet, wird er zu Springfields Sprachrohr für Sicherheit.

arbeitslos

Homer liegt auf der Couch und fühlt sich schlecht deswegen. UN! GLAUB! LICH!

Schon am Inhalt merkt man, wie sehr sich Homer im Laufe der Zeit verändert hat. Heute wäre es ihm wohl egal, gefeuert zu werden. Den ganzen Tag auf der Couch zu liegen und nichts zu tun, wäre für ihn das Paradies. Vermutlich würde er seine weitere Arbeitssuche sogar absichtlich boykottieren, nur um weiterhin nicht zur Arbeit gehen zu müssen! Da ist es schon mehr als bizarr mit anzusehen, wie er sich nach ziemlich kurzer Zeit einen Stein umhängt und ins Wasser springen will.

Sehr interessant ist aber auch, dass diese sehr frühe Folge ein Problem hat, dass man den heutigen oft (und das gar nicht zu unrecht) vorwirft: Die Handlung wirkt ziemlich wirr, uneinheitlich und hat kein richtiges Ende. Mit jedem Akt entwickelt sich die Handlung in eine völlig neue Richtung, ohne eine klare Linie zu verfolgen. Erst geht es um Homers Arbeitslosigkeit und wie er es nicht schafft damit klarzukommen, seine Familie nicht mehr versorgen zu können. Im zweiten Akt findet er seine neue Bestimmung als der Mann, der in der ganzen Stadt Warnschilder aufstellen lässt, bis er im dritten Akt schließlich gegen das Atomkraftwerk vorgeht. Jeder Akt könnte eine eigene Folge sein und sie alle wirken nur lose miteinander verbunden. Das halb gare Ende, im dem Homer quasi seine Prinzipien verkauft, nur um endlich wieder seinen alten Arbeitsplatz zurückzubekommen, ist für die damalige Zeit überraschend zynisch. Im Großen und Ganzen wirkt „Der Versager“ tatsächlich wie eine lose Blaupause für die späteren Staffeln.

blackface smithers

Wenn eine Zeichentrickfigur bei ihrem ersten Auftrtitt eine andere Hautfarbe hat, zählt das als „Blackface“?

Man muss aber anerkennen, dass die Serie insgesamt auf recht hohem Niveau startete und eine Mischung aus typischem 80er Jahre Sitcom „learning and hugging“ und für die damalige Zeit frischem und „edgy“ Humor bot. Im tiefsten Kern hat sich „Die Simpsons“ bis heute nicht verändert. Die Gags kommen vielleicht schneller und sind überdrehter, während sich die Charaktere im Laufe der Jahre immer cartooniger benommen haben. Es wird heute mehr Wert darauf gelegt, die Zuschauer zum lachen zu bringen, anstatt ihnen eine bodenständige Geschichte zu liefern.  Trotzdem ist der emotionale Anker, wenn auch nicht mehr im gleichen Ausmaß wie am Anfang, immer noch da. Und vor allem ist der Humor selbst heute noch erfrischend unzynisch und frei von McFarlane-esqen Sex & Gewalt Schockwitzen.

Nicht viele Serien aus dieser Zeit sind so gut gealtert wie „Die Simpsons“. Die Fernsehlandschaft hat sich schon in den letzten 15 Jahren ziemlich stark verändert und das gilt doppelt und dreifach für die letzten 27 Jahre! Niemand konnte vorausahnen, dass sich diese animierte Sitcom so lange halten würde, aber rückblickend betrachtet war von Anfang an klar, dass wir es hier mit einem automatischen Fernsehklassiker zu tun haben.

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Bilder © 20th Century Fox

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