#Horrorctober: "Session 9" & "Mama"

Wer hätte es gedacht? Noch ein metaphorischer Horrorfilm, der mir gefällt, auch wenn er in keinem Moment an „Der Babadook“ herankommt. In „Session 9“ von Brad Anderson („Der Maschinist“, diverse Folgen von „Fringe“), geht es um eine Gruppe Handwerker, die eine verlassene Irrenanstalt von Asbest befreien sollen. Ihr Chef Gordon (Peter Mullan) versucht sich zwar nichts anmerken zu lassen, aber er steht unter einem Haufen Druck. Er ist frischgebackener Vater, aber auch kurz davor, seine Firma zu verlieren, weshalb er dem Auftraggeber unter Aussicht auf einen dicken Bonus versprochen hat, das Ganze in kürzester Zeit fertigzustellen. Natürlich freuen sich seine Mitarbeiter (u.a. David Caruso und Josh Lucas) nicht über den Extrastress, aber was der Boss sagt, wird gemacht. Schon bald zehrt die Arbeit aber an jedermanns Nervenkostüm und als einer der Arbeiter einen „Schatz“ hinter einer Mauer findet und ein anderer nicht aufhören kann, sich Tonbänder mit den psychologischen Sitzungen einer schizophrenen Patientin anzuhören, wird es so richtig stressig.

session9Wenn „Session 9“ eines hat, dann ist es Atmosphäre. Okay, bei der Location würde selbst ein typischer Adam Sandler Streifen eine Tonne Atmosphäre versprühen, aber dass die Leverkusener Kamerafrau Uta Briesewitz (Filmte auch Folgen von „The Wire“, „Hung“, sowie „Walk Hard: Die Dewey Cox Story“ und saß u.a. vereinzelt bei „Orange Is The New Black“, Fear The Walking Dead“ und „Jessica Jones“ auf dem Regiestuhl.) die alte Anstalt selbst im glattesten Digitallook gut aussehen lassen kann, ist noch ein Plus. Ich muss dazu sagen, ich habe nichts gegen digitale Kameras. Ich stehe sogar total darauf, wenn ein Bild so klar ist wie möglich (auch wenn ich mich paradoxerweise immer noch HD Fernsehen verweigere). Und die Ergebnisse moderner, digitaler Filmkameras lassen sich heute ohnehin kaum noch von klassischem Film unterscheiden. Aber dieser Film stammt aus dem Jahr 2001 und auch wenn das Budget immerhin hoch genug war, um sich eine Kamera zu leisten, die für echte Filme gedacht war (Also nicht wie bei „28 Days Later“ oder Spike Lees „Bamboozled“), sieht das Bild oft stark nach Dokusoap aus. Nur eben mit professioneller Beleuchtung und Kameraführung.

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Der Film an sich ist ein echter Slow Burner. Zum Glück einer von der Sorte, der nicht nur slow ist, sondern auch weiß, wann es an der Zeit ist zu explodieren. Als in der letzten halben Stunde die Kacke so richtig zu dampfen anfing, saß ich aufrecht im Bett. Aber schon davor hatte „Session 9“ meine volle Aufmerksamkeit. Die Handlung ist wie ein Puzzle aufgebaut und viele Szenen und Ereignisse erscheinen anfangs völlig willkürlich. Leider liegt hierin auch das größte Problem. Wie so oft, ist die Auflösung des Puzzles nicht so interessant, wie es einem versprochen wurde. Ein wichtiger Teil ist sogar sehr einfach zu erraten. Einen weiteren Punktabzug gibt es auch für den allerletzten Satz vor dem Vorspann, der dem Zuschauer nochmal auf wenig subtile Weise die Metapher hinter dem Film erklärt.

Trotz all dieser Mängel hat „Session 9“ aber immer noch genügend Punkte zu bieten, um ihn zu einer klaren Empfehlung für Freunde spannendster Gruselkost zu machen.

mamaEtwas enttäuschend war hingegen die Guillermo del Toro Produktion „Mama“. Dies ist das Märchen (Ja, der Film fängt tatsächlich mit „Es war einmal“ an!) von den beiden kleinen Mädchen Victoria (Megan Charpentier) und Lily (Isabelle Nelisse), die von ihrem Vater („Jamie Lannister“ Nikolaj Coster-Waldau) nach einem Amoklauf entführt wurden. Auf der Flucht landen sie in einer Hütte tief im Wald, wo ein Geist die Kinder vor ihrem Vater rettet und sich ihnen annimmt. Fünf Jahre später hat ihr Onkel Lucas (Ebenfalls Nikolaj Coster-Waldau) die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben und sein ganzes Erbe für eine Suchaktion verprasst. Gerade als ihm das Geld ausgeht, hat die Suche Erfolg, doch die beiden kleinen Mädchen sind nun völlig verwildert und nicht gerade erfreut, menschliche Gesellschaft zu haben. Dass Lucas den Sorgerechtsstreit für sich gewinnen kann, freut seine Frau, die mit ihrem Status als Nicht-Mutter sehr zufriedene Annabel (Superschauspielerin Jessica Chastain), nicht gerade sehr, aber sie ist anständig genug, um in ihrer neuen Lebenssituation das Beste zu geben und nicht einfach abzuhauen. Nun ist alles gut. Die Kinder machen Fortschritte und die frischgebackenen Eltern finden sich in ihre Rollen ein.

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Ende.

Nein, wartet, der Geist aus der Hütte (Javier Botet, die Frau auf dem Dachboden in „[rec]“, einige Geister in „Crimson Peak“ und der unter der Toilette lebende Kerl in „Witching & Bitching“. Quasi der spanische Doug Jones.), der sich all die Jahre um die Kinder gekümmert hat und den sie Mama getauft haben, ist ihnen nicht nur in ihr neues Zuhause gefolgt, Mama ist auch verdammt eifersüchtig.

heintjemama„Mama“ ist quasi das Gegenteil von „Der Babadook“. Anders als dort, geht es um eine Frau, die sich langsam in ihre Mutterrolle einfindet. Zudem ist der Geist echt und kein Symbol für irgendetwas. Trotzdem liegt, wie bei del Toro üblich, auch hier der Fokus auf die menschliche Geschichte hinter dem Geist. Leider ist diese wenig interessant (und hat auch überraschende Ähnlichkeit mit „Die Frau in Schwarz“) und wirklich gruselig ist der Film auch nicht. Regisseur Andy Muschietti (Dreht gerade die Neuverfilmung von „Es“) tut zwar sein Bestes und überzeugt mit vielen, cleveren visuellen Einfällen, aber kein Spannungsmoment bekommt genug Luft zum atmen. Hinzu kommt, dass es einer von diesen Filmen ist, bei dem alle Dialoge leise, aber dafür die Soundeffekte (und vor allem die Jumpscare BAMs) extra laut abgemischt wurden, was eher nervig als erschreckend wirkt.

Chastain und die Kinder liefern wirklich gute Leistungen ab, der Regisseur hat Talent und das Drehbuch überzeugt vor allem durch das konsequente Ende, aber irgendwie fehlt der gewisse Funken, der den Film in die richtige Richtung pusht. Sorry, „Mama“ ist nicht schlecht, aber auch nicht gut. Irgendwie nur unbefriedigendes Mittelmaß.

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