#Horrorctober: Der Babadook

Wenn es eine Sorte Horrorfilm gibt, die ich wirklich hasse, dann ist es der metaphorische Horrorfilm. Ihr wisst schon, die Sorte, die einem Monster verspricht, aber dann nur mit abgegriffenen Klischees wie: „Ihr glaubt die Monster da draußen sind schlimm? Die Menschen hier drin sind aber die wahren Monster!“ um die Ecke kommt. Grundsätzlich habe ich nichts gegen eine zusätzliche Ebene in meinen Horrorgeschichten, aber zu oft endet dies damit, dass das laute sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen des Regisseurs alles übertönt, obwohl die ach so clevere Metapher nur an der Oberfläche kratzt und so tiefsinnig ist, wie eine Zeichnung von Micky Maus, mit Hitlerbärtchen und/oder einem blutigen Messer in der Hand. Zum Glück ist „Der Babadook“ da die Ausnahme.

babadook_ver7_xlgDarin geht es um Amelia (Essie Davis, „The Slap“, „Matrix“ Sequels), die verwitwete Mutter des siebenjährigen Samuel (Noah Wiseman). Auch wenn sie eigentlich eine gute Person ist, die versucht, das Beste aus ihrem deprimierenden Leben zu machen und ihrem hyperaktiven Sohn so viel Liebe entgegenkommen lässt, wie sie nur kann, brodelt in ihr ein Vulkan aus Frust und Verzweiflung. Samuels Macken werden immer unkontrollierbarer und seine Angst vor irgendwelchen Monstern unter dem Bett geht so weit, dass er sich gefährliche Waffen baut und diese sogar in die Schule mitnimmt. Amelias eigene Schwester will kaum noch etwas mit ihr zu tun haben, ihr Job als Altenpflegerin ist logischerweise auch nicht gerade ein Spaziergang im Park. Als sie Samuel eines Abends eine Gutenachtgeschichte vorlesen soll, nimmt dieser sich ein mysteriöses Pop-Up Buch aus dem Regal, von dem sie gar nicht wusste, dass sie es besitzt. Die darin enthaltenen Reime um einen geheimnisvollen Mr Babadook, der versucht in dein Haus einzudringen, um schreckliche Dinge mit dir anzustellen, traumatisieren Samuel so sehr, dass er sich fortan noch mehr von Monstern verfolgt sieht, als ohnehin schon. Das alleine wäre schon genug um Amelia endgültig zum explodieren zu bringen, aber schon bald sieht auch sie sich vom Babadook verfolgt. Doch es stellt sich die Frage, ob er oder vielleicht sie die größere Gefahr für ihre Umwelt darstellt.

Als „Der Babadook“ auf Festivals die Runde machte, wurde er schnell zum neuen, gruseligsten Film aller Zeiten erklärt, aber so etwas passiert mindestens dreimal im Jahr, also muss das nichts bedeuten. Und als wirklich gruselig würde ich den Film nicht bezeichnen, aber verstört hat er mich schon ziemlich. Wie Anfangs erwähnt, ist die Geschichte hauptsächlich als Metapher zu verstehen. In diesem Fall auf psychische Erkrankungen und den Horror, den Elternschaft bereithalten kann, aber über den sich niemand zu sprechen wagt. Schon in meiner Kritik über „Paranormal Activity“ habe ich das „Terrorkind“ erwähnt, das in der Wohnung unter mir lebt und oft wie am Spieß schreit, mit den Türen knallt, den Geräuschen nach vom Schrank springt und was weiß ich noch alles. Sicher, ihn als „Terrorkind“ zu bezeichnen ist nicht ganz nett, denn wer weiß, was der Junge für Probleme hat. Und man sollte auch die Eltern nicht vergessen, die schließlich mit diesem Kind Tag für Tag zu tun haben. Aber ihn schon zwischendurch von unterhalb hören zu müssen, stresst mich ungemein. Genau so ist das mit Samuel hier. Er ist nicht so schlimm wie der Junge von unten, aber er redet ununterbrochen, schreit, tut Dinge, die er nicht tun soll, lässt sich einfach nicht kontrollieren. Noch nicht mal von seiner Mutter, die er wirklich liebt. Und sie liebt ihn ebenfalls, aber fängt an sich zu fragen, ob sie es wirklich tut und ob es den ganzen Stress wert ist.

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babadook02Das ist die Angst, die vermutlich alle (werdenden) Eltern haben. Was ist, wenn ich zum Elternsein nicht geschaffen bin und mein Kind unkontrollierbar ist? Und „Der Babadook“ vermittelt diese exzellent. Genau wie die Protagonistin, haben auch wir keine Ruhe. Weder vor Samuel, noch vor Amelias Umwelt, die ihr keinerlei Verständnis entgegenbringt. Der Film war noch nicht mal bis zur Hälfte um,  da kam mir mein Adrenalin schon zu den Ohren raus und ich war vom ganzen Erlebnis so gestresst, dass ich tatsächlich in Betracht zog, den Film zu unterbrechen und später fortzufahren. Und das ganz ohne Babadook, der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wirklich aufgetaucht war. Ich muss tatsächlich gestehen, dass der Film auch ohne sein Horrorgimmick funktionieren würde. So ein Genremix ist eine nette Idee, um Zuschauer anzulocken, die so ein Werk normalerweise als langweiliges Oscarbait abtun würden. Aber ob und wann der Babadook zuschlägt, ist hier wirklich nur zweitrangig. Das ist die nervenaufreibende und tragische Geschichte einer Frau, die kurz davorsteht, ihren Verstand zu verlieren. Und offensichtlich wurde sie von jemandem geschrieben, der sich mit psychischen Erkrankungen auskennt und diese ernst nimmt.

Wie Anfangs erwähnt, habe ich es nicht so mit Metaphern anstelle von Monstern, aber in diesem Fall bin ich mehr als bereit eine Ausnahme zu machen, weil die Metapher die Hauptattraktion ist. Es ist offensichtlich, dass Autorin/Regisseurin Jennifer Kent (Hat jahrelang in „In Sachen Mord“ mitgespielt) diesen Ansatz von Anfang an im Kopf hatte und nicht einfach irgendwann beschlossen hat, dass ihr B-movie etwas braucht, um bei den Kritikern nicht vorhandenen Anspruch zu heucheln. Ohnehin ist hier nichts „B“ an diesem Film. Naja, vielleicht das Design von Mr Babadook, der eher wie ein 08/15 Stummfilmbösewicht aussieht. Aber Regie, Drehbuch, Kamera und vor allem die Schauspieler sind 1A mit Sternchen! Essie Davis spielt sich hier die Seele aus dem Leib und selbst Noah Wiseman überzeugt durch seine Natürlichkeit und bei jungen Schauspielern nur selten gesehenes Talent.

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babadook01Ein netter Touch ist übrigens auch die subtile Umkehr einiger Horrorfilmklischees. Die Mutter sollte ja eigentlich das starke „Final Girl“ sein, aber sie verbringt den Großteil des Films nicht nur heulend und schreiend, sie ist auch die tatsächliche Hauptantagonistin. Obwohl sie eigentlich die Protagonistin ist, da wir die Handlung aus ihrer Perspektive erleben.  Samuel liebt es, Waffen und Fallen zu bauen. Diese kommen zwar im Finale mehr oder weniger effektiv zum Einsatz, aber das ist keiner von diesen Filmen, in dem die Monsterjagd ein spaßiges Abenteuer für den Knirps ist. Auch wenn Nostalgiewichsen populärer ist als je zuvor, sind die 80er lange vorbei. Und wenn er und seine vielleicht besessene Mutter sich duellieren, schwingt da die Frage mit, ob es bei diesem Duell überhaupt einen Gewinner geben kann.

Ja, „Der Babadook“ ist tatsächlich einer der besten Filme, die ich in den letzten Jahren sehen durfte. Es ist kein supergruseliger Horrorfilm, aber ein spannender und in jeder Hinsicht beeindruckender Mix aus verschiedenen Genres, der auf dutzenden verschiedenen Ebenen funktioniert.

Ich möchte jetzt noch auf das Ende zu sprechen kommen. Die, die es nicht interessiert, können jetzt ruhig diesen Artikel verlassen, aber für alle anderen gilt:

Anfangs war ich vom Ende etwas enttäuscht, da es viel zu simpel und unverdient glücklich schien. Doch mir wurde ziemlich schnell klar, dass hier ein Verständnis von psychischen Krankheiten gezeigt wurde, wie man es nur selten im fiktionalen Kontext erlebt. Am Schluss ist der Babadook nicht vernichtet, er ist nur geschwächt und im Keller eingesperrt. Die Frage ist nicht, ob er dort wieder rauskommt und Amelia erneut überrumpeln kann, sondern wann das passieren wird. Als Mensch, der unter Depressionen leidet (Diesen #Horrorctober erfahrt ihr ganz schön viel Persönliches über mich!), kenne ich das Gefühl, seinen Babadook im Griff zu haben (Das klang schmutzig.), obwohl er eigentlich nur im Keller eingesperrt ist und zur unpassendsten Zeit wieder hervorkommt. Wie gesagt, das ist etwas, das man in diesem Bezug nicht so oft sieht. Normalerweise werden solche Dinge als leicht heilbare Krankheit, die garantiert nie wieder kommen wird, dargestellt. Da ist es erfrischend, hier mal eine realistischere Darstellung zu sehen. Wenn auch verpackt in einen metaphorischen Fantasy/Horrorkontext.

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