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Selbst das Poster hat kaum etwas gekostet.

In einer Folge von Artes „Durch die Nacht mit…“, sagte Pornomacher Pierre Woodman zu Horrorfilmer Brian Yuzna*, dass nur Pornos noch weniger respektiert werden, als Horrorfilme. Recht hat er. Immerhin gibt es schon den einen oder anderen Horrorfilm, der auch bei „seriösen“ Kritikern und normalerweise-keine-Horrorfilme-Anschauern gut ankam, aber meines Wissens nach, wurde dies noch keinem einzigen Porno zuteil. Trotzdem hat das Horrorgenre ein Problem, das es beim Porno nicht gibt: Sobald ein Film Erfolg hat, wird er sofort zum schlechtesten Ding aller Zeiten erklärt. So war es z.B. beim „Blair Witch Project“, so war es bei „Saw“ und so war es bei „Paranormal Activity“. Da ist es ganz erfrischend, so einen Festivalhit, der zum Kassenschlager und Objekt endloser „Ist er gruselig oder nicht?“-Diskussionen, Jahre nach dem Hype das erste Mal zu sichten.

*Vielleicht sagte es auch Yuzna zu Woodman. Ist schon länger her.

Wie ihr sicher wisst, ist „Paranormal Activity“ das 100% authentische und garantiert nicht gestellte Heimvideo von Katie (Katie Featherston) und Micah (Micah Sloat). Katie wurde seit ihrer Kindheit in unregelmäßigen Abständen von geisterhaften Erscheinungen und Phänomenen geplagt. Als dies wieder passiert, kauft ihr Freund Micah eine Kamera, in der Hoffnung, eine Erklärung für die Geschehnisse zu finden. Oder zumindest, um cooles Zeug auf Band zu haben. Über viele Tage und vor allem Nächte hinweg, passieren immer merkwürdigere Dinge im Haus der Beiden.

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Hey, die Tür ist noch auf.

In meiner Kritik zu „Die Frau in Schwarz“ schrieb ich noch über meine Hassliebebeziehung zum „Warte auf den nächsten Jumpscare“-Horrorfilm. Eigentlich ist es billig, dem Zuschauer so Angst einzujagen, aber andererseits macht es auch Spaß sich zu erschrecken, weil einem plötzlich jemand“ BUH!“ ins Gesicht schreit. Und die Jumpscares hier, haben noch einen perfiden Realitätsbonus. Jeder kennt doch die merkwürdigen Geräusche und Schatten, die einen plötzlich nachts wach im Bett liegen lassen. Verdammt, ich wohne zum Beispiel in einem sehr lauten Haus. Ich kann durch drei geschlossene Türen und zwei Wände hindurch hören, wenn sich Nachbarn gegenseitig anschreien. Die Familie unter mir hat ein Terrorkind, das fast täglich mehrmals wie am Spieß schreit und mit den Türen knallt. Vor nicht allzu langer Zeit gab es einen Mieter ein paar Stockwerke unter mir, der an einer psychischen Störung litt und oft tief in der Nacht gegen seine Wände hämmerte. Außerdem schlafe ich grundsätzlich bei offenem Fenster und mehr als einmal wurden laute Schritte von draußen, auf die meinem Bett gegenüberliegende Zimmerwand und zurück zu mir geworfen, was es klingen ließ, als ob jemand neben meinem Bett auf und ab geht. Technisch gesehen sollte „Paranormal Activity“ bei mir also für mindestens 1 W12 + 3 schlaflose Nächte sorgen, aber das tat er nicht.

Anfangs war es wirklich spannend. Die Art und Weise, in der der Regisseur Oren Peli die jedem nur zu bekannten „bumps in the night“ einsetzt und die Kamera so positioniert, dass man jede Sekunde erwartet, dass irgendetwas schröckliches um die Ecke kommt, sorgt für viel Spannung. Mehr als einmal habe ich mich über Dinge erschrocken, die gar nicht da waren. „Oh nein, was ist das für ein Schatten, aaaaah! Oh, das war die Stehlampe, alles okay.“ Das Hauptproblem, das „Paranormal Activity“ aber hat, ist, dass nach einer Zeit noch nicht mal mehr diese Momente wirklich funktionieren, weil sie sich einfach immer wiederholen. Hier ein Schatten, da ein lautes Geräusch, dort bewegt sich was und schnell wird klar, dass wir den Verursacher des Ganzen nie zu Gesicht bekommen werden. Ja ja, ich weiß, „guter Horror entsteht im Kopf“, „etwas nicht zu zeigen, ist viel unheimlicher“ und wie die ganzen hohlen Phrasen von Menschen, die in ihrem ganzen Leben nicht mehr als fünf Horrorfilme gesehen haben**, heißen, aber für mich funktioniert das nicht. Ich bin ein abergläubischer Angsthase mit einer blühenden Fantasie, aber wenn eine Tür scheinbar grundlos zuschlägt, war es vielleicht nur Durchzug.

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**Einer davon war „Ghostbusters“ und ein anderer entweder „Shaun Of The Dead“ oder „Cabin In The Woods“.

Es gibt im Englischen den Ausdruck „cock tease“, der eigentlich eine Frau umschreibt, die aufs Heftigste mit einem Mann flirtet und ihn glauben lässt, dass da etwas laufen wird, nur um ihn dann einfach vorher fallen zu lassen und sich anderen Dingen zu widmen. Das passt auch irgendwie auf diesen Film. Die Eskalationsschraube wird einfach nicht gleichmäßig genug angezogen. Und wenn nach dem gefühlten zwanzigsten: „Aaaah, da war ein lautes Geräusch und etwas pustet mich an! Mach die Kamera aus!“ der Dämon endlich richtig aufdreht, endet der Film schlagartig. Aber das ist ja im Found Footage Subgenre normal.

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Und die Tür ist immer noch auf.

Das vielleicht Ärgerlichste am ganzen Film, ist aber das absolut unrealistische Verhalten der Protagonisten. Natürlich soll man nicht immer von sich auf Andere schließen, wenn es um Filmprotagonisten geht. Man ist immer intelligenter, als die im Film. Gerade im Horrorgenre. Wir würden nie in den Keller gehen, aus dem das laute Poltern und Knurren kommt. Wir würden sofort die Polizei rufen, wenn die erste Leiche auftaucht, völlig egal, wie viel Marihuana unsere Freunde dabei haben. Und wir würden dem bewusstlosen Killer noch ein paar mal kräftig eins überziehen oder ihm ein paar Kugeln verpassen, anstatt ihm den Rücken zuzudrehen und zu vermuten, dass nichts schlimmes passieren wird. Aber wenn die im Film das machen würden, gäbe es eben keinen Film. Damit muss man leben. #SuspensionOfDisbelief, yo. Wie Katie und Micah die absoluten Grundinstinkte menschlicher Natur komplett ignorieren, ist jedoch einfach nur frustrierend.

Selbst nach den ersten paar beängstigenden Nächten, schlafen sie zum Beispiel immer noch bei offener Tür im eigenen Schlafzimmer. Okay, ein Dämon kann vermutlich durch geschlossene Türen gehen und da er ja an Katie und nicht an das Haus gebunden ist, ist weglaufen wohl zwecklos, aber sie versuchen es ja gar nicht erst! Schon dass Katie wohl nur innerhalb der eigenen vier Wände attackiert wird und nicht wenn sie einkaufen geht oder sonstwie das Haus verlässt, sollte doch wenigstens etwas Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht machen. Normale Menschen fühlen sich schon vor der „Hand unter dem Bett“ sicherer, wenn sie einfach nur komplett unter der Decke liegen. Glaubt ihr nicht, dass eine geschlossene Zimmertür, zumindest bis zum Beweis des Gegenteils, einem erst recht ein Gefühl der Sicherheit geben würde? Und es dauert fast bis zum Ende des Films, also einen guten Monat nach Beginn des aktuellen Spuks, bis Katie endlich heulend „Ich habe Angst zu schlafen“ schreit!

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Kommt schon, macht die Tür zu. Ihr versucht es ja gar nicht erst!

Katie und Micah sind ohnehin zwei völlig absurde, von jeglicher Logik befreiter Charaktere. Es ist ja nicht nur so, dass Micah es scheinbar völlig egal ist, dass seine Freundin Angst hat und ihn immer wieder bittet, manchmal sogar anfleht, den Dämon nicht weiter zu reizen. Selbst nachdem er einige der schlimmeren paranormalen Aktivitäten live miterlebt hat, ist alles für ihn scheinbar nur ein großer Spaß. Aber dafür, dass Katie Todesängste aussteht, ist sie erstaunlich geduldig mit ihm. Ich leide unter Arachnophobie. Der ECHTEN Arachnophobie, nicht dieses „Igitt, eine Spinne, die mag ich nicht“, das viele schon dafür halten. Ich bekomme Panikattacken und Schüttelkrämpfe, wenn ich nur ein Bild von einer Spinne sehe. Die Spinne muss noch nicht mal echt sein. Schon eine gezeichnete Spinne kann das bei mir auslösen. Wenn ich höre, wie sich manche Menschen über Spinnen unterhalten, werde ich schon so nervös, dass ich einfach nicht mehr still sitzen kann, weil ich plötzlich überall Spinnenbeine auf mir spüre und nur noch schnell weg will. Den vorherigen Satz habe ich gestern geschrieben. Ich konnte erst heute weiterschreiben, weil das schon fast zuviel für mich war. Und leider nimmt meine Umwelt dieses Problem nicht als solches war. Für sie, selbst für Freunde und Verwandte, ist es ein „Reiß dich zusammen, ist doch nicht schlimm“ Problem, weil sie sich eben einfach nur etwas vor den Viechern ekeln, aber ansonsten gut damit klarkommen.  Ich habe schon mehr als einmal meine eigene Mutter zusammengeschrien, weil die dumme Kuh es einfach nicht kapieren will. Und am Ende bin immer ich der Böse, weil ich ja nur hysterisch bin. (No shit, Sherlock, aber frage dich mal, warum!) Und darum kann ich die Art, wie Katie Micahs Umgang mit dem Dämonenproblem toleriert, nicht verstehen. Katie ist erstaunlich leidenschaftslos und verständnisvoll, wenn es um die Dummheit ihres Freundes und dessen Aktionen geht, aber wenn meine Freundin mir ständig Spinnen um die Ohren werfen würde, wäre Schluss. Mindestens für ein paar Tage, vielleicht sogar für immer. Das Leben ist zu kurz, um sich mit Menschen abzugeben, die einen derart wichtigen Teil davon nicht ernst nehmen. Man blitzt einem Epileptiker nicht ständig mit einem Stroboskoplicht ins Gesicht, man setzt einem Arachnophobiker keine Tarantel auf die Hand und man reizt nicht ständig einen Dämon, der es offensichtlich seit Jahrzehnten auf die Freundin abgesehen hat.

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Na ja, „Paranormal Activity“ ist aber nicht wirklich schlecht. Er ist nur unausgegoren. Er basiert auf einer cleveren Beobachtung über eine Angst, die wirklich jeder Mensch besitzt, nutzt diese anfangs perfekt aus, braucht dann aber zu lange, um diese zu steigern und hat leider so viele erzählerische Mängel, das selbst ein Meister der Disbeliefsuspension kein Auge mehr zudrücken kann. Sehenswert ist er, aber kein Film, der in der Topliga mitspielen kann.

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