schwarzposter„Im besten Sinne altmodische Gruselgeschichten“ sind scheinbar ein zufälliges Leitmotiv für meinen #Horrorctober. Auch „Die Frau in Schwarz“ fällt in diese Kategorie. Darin spielt Daniel Radcliffe, in seiner ersten Hauptrolle nach „Harry Potter“, den jungen Anwalt Arthur Kipps. Seit vor vier Jahren seine Frau bei der Geburt seines Sohnes starb, hat er Probleme damit, sein Leben in den Griff zu bekommen. Immerhin muss man ihm zugutehalten, dass er kein Alkoholiker ist oder seine Trauer an seinem Sohn auslässt, aber seinem Chef ist dies egal. Als letzte Chance seinen Job zu behalten, wird Arthur in ein entlegenes Dorf geschickt, um dort die Dokumente einer kürzlich verstorbenen Klientin zu prüfen. Mit Ausnahme vom modernen und wohlhabenden Sam (Ciaran Hinds, Dumbledores Bruder aus dem letzten „Harry Potter“ Film und Mance Rayder aus „Game Of Thrones“), verhalten sich die Dorfbewohner ziemlich unfreundlich und ablehnend ihm gegenüber. Ihr wisst schon. Wie es halt die Bewohner von britischen Dörfern so tun. Der Grund dafür ist natürlich die „Frau in Schwarz“, ein sehr übel gelaunter Geist, der die Kinder des Dorfes dazu bringt, Selbstmord zu begehen. Und sie hat ihren Wohnsitz zufälligerweise genau in dem Haus, das Arthur nun besuchen soll.

Ich habe eine Hassliebebeziehung zum „Warte auf den nächsten Jumpscare“ Horrorfilm. Man sagt immer, dass Splatter- und Slasherfilme den Bodensatz des Horrorgenres darstellen, aber ist die Sorte, in der ständig irgendwelche laut schreienden Geisterfratzen in die Kamera springen, oft, nachdem diese endlos lang auf z.B. eine offene Tür zeigte oder sich langsam um den Protagonisten drehte, wirklich so viel anspruchsvoller? Auf der anderen Seite machen diese Dinger aber auch richtig Spaß. Wie eine Geisterbahn. Ihr wisst schon, everybody is entitled to one good scare. Und good scares hat „Die Frau in Schwarz“ so einige zu bieten.

Der Film nimmt sich viel Zeit, was ja eigentlich gar nicht mal schlecht ist. Nicht, dass die Charaktere, deren Beziehungen zueinander oder die Handlung an sich so tiefgründig und/oder kompliziert wären, um fast die Hälfte der Laufzeit einnehmen zu müssen und den Zuschauer so auf die geballte Spukpower warten zu lassen, aber es fühlt sich auch nicht falsch an. Auch wenn wir nur altbekannte Versatzstücke zu sehen bekommen, wie den trauernden, aber engagierten Witwer oder ein geheimnisvolles Dorf voller grantiger Einwohner, ist diese erste Hälfte so flüssig und routiniert erzählt, dass keine Langweile aufkommt.

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„Geht rein, Kinder. Harry Potter ist kein Umgang für euch.“

Ich bin absolut kein Fan von unnötigen Familensubplots. Vor allem im Horror- und Katastrophenfilm werden diese Dinge oft eingesetzt, um Charaktertiefe zu heucheln („Y’know, for the critics.“), aber sie ziehen den Film nur runter. Wen interessiert es. ob sich ein Ehepaar entfremdet hat, ein Vater sich in seiner Arbeit vergräbt oder ein Sohn sich ungerecht behandelt fühlt? Dass sie am Ende eine Naturkatastrophe oder einen Monsterangriff überleben müssen, ist Motivation genug und ich bin mir verdammt sicher, dass sich niemand z.B. „San Andreas“ ansieht, um zu erfahren, ob am Ende wieder Harmonie in die Familie einkehrt. Doch das Familiendrama in „Die Frau in Schwarz“, so unoriginell es auch ist, wird hier richtig eingesetzt. Ohne den drohenden Jobverlust, hätte Arthur keinen Grund im Dorf zu bleiben. Der Verlust seiner Frau und die Liebe zu seinem Sohn, geben ihm die Motivation, Empathie und Inspiration, die Frau in Schwarz zu besänftigen. Nicht zu vergessen, dass dadurch auch eine nette, metaphorische Zeitbombe im letzten Akt zu ticken anfängt, die schließlich zu einem Ende führt, dessen wahre Bedeutung einem vielleicht nicht auf Anhieb klar wird.

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Entschuldigung, aber ich finde das bittersüße Unhappy End so gelungen, dass ich etwas genauer darüber reden muss. Wie ihr euch sicher denken könnt, hat die Frau in Schwarz es am Ende auf Arthurs Sohn abgesehen, was er natürlich zu verhindern versucht. Leider in einem Finale, das im Gegensatz zu einer langen Szene im Mittelteil etwas unspektakulär daherkommt. Doch darüber rede ich gleich noch mal. Aber auch wenn es für einen Moment so aussieht, als hätte er Erfolg, ist dem natürlich nicht so und die Frau bringt den Jungen dazu, auf Bahngleisen herumzuspazieren, als der nächste Zug einfährt. Arthur springt hinterher, versucht ihn noch rechtzeitig aus dem Weg zu schubsen, aber nein, sie werden beide vom Zug erwischt. Im Jenseits treffen sie aber auf Arthurs Frau und die wiedervereinigte Familie geht glücklich nach wo auch immer man im Leben nach dem Tod so hingeht.

Man könnte jetzt genervt mit den Augen rollen und: „Ui, toll, noch so ein Ende, bei dem das Monster lebt und der Held stirbt. Das ist ja sooooooo originell. NICHT!“ stöhnen, aber so tragisch und offen dieses Ende auch ist, es ist definitiv auch ein Happy End. Arthur ist eindeutig glücklich, wo er jetzt mit Frau und Sohn ist und es gibt keine Hinweise darauf, dass sie in der Hölle gelandet sind. Die Frau in Schwarz will aber, dass alle so unglücklich sind, wie sie es zu Lebzeiten war. Und auch wenn es so aussieht, als hätte sie Arthur geschlagen, hat sie dafür gesorgt, dass es ihm zum ersten Mal seit Jahren gut geht. Sicher, es ist vielleicht das traurigste Happy End seit „Space Cowboys“, aber ich mag es.

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I’m not racist, but die Frau in Schwarz ist schon ziemlich furchterregend.

Für alle, die das Spoilerland vermieden haben, ich habe dort erwähnt, dass die finale Konfrontation etwas enttäuschend ist, was aber hauptsächlich an einem Moment im Mittelteil liegt. Die erste Nacht, die Arthur im Spukhaus verbringt, ist einer der großen HEILIGE SCHEIßE Momente des modernen Horrorkinos. Es ist eine schier endlose Szene, in der er quer durch und um das Haus gescheucht wird und hinter jeder Ecke etwas noch schrecklicheres entdeckt. Man könnte sagen, dass der Mittelteil ein Spookablast Overkill ist, aber ich habe jede Sekunde davon geliebt. Es ist nur leider so, dass dadurch so viel Pulver verschossen wird, dass kaum noch etwas für den Rest des Films übrig bleibt. Auch wenn der letzte Akt nicht völlig unspannend ist, nichts kommt an diesen mittigen Höhepunkt heran.

„Die Frau in Schwarz“ ist einer der besten Horrorfilme, die ich in den letzten Jahren zu Gesicht bekommen habe. Regie, Kamera, Schauspiel und überraschend effektive Schockmomente, gleichen hier ein etwas unoriginelles Drehbuch bestens aus. So sehr ich „Crimson Peak“ auch mochte, ich wünschte mir, er wäre mehr wie „Die Frau in Schwarz“.

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