yellotoyReden wir mal über ein paar Alben, die in den letzten Wochen veröffentlicht wurden. Den Anfang macht das neue Yello Album „Toy“. Die beiden schweizer Elektronikavantgardisten zählen zu den Helden meiner Jugend. Auf sie gestoßen, bin ich damals durch ihr „Hands On Yello“ Remixalbum aus dem Jahr 1995, auf dem Stars der Technoszene wie Jam & Spoon, Westbam, Moby, Hardsequencer, The Grid, The Orb oder Carl Cox einige der klassischen Tracks neu interpretierten. Beim anhören fiel mir schnell auf, dass ich so einige der Originale durch Funk und Fernsehen schon sehr gut kannte, ohne zu wissen, wer denn eigentlich der Interpret war. „Toy“ ist ihr mittlerweile dreizehntes Studioalbum und es ist ein etwas zwiespältiges Ergebnis.

Boris Blank und Dieter Meier wagen hier keine Experimente. Abgesehen von einigen Instrumentalstücken, die auch gut auf ihrem unterbewerteten „Pocket Universe“ Album Platz gefunden hätten, konzentrieren sich die Beiden auf die Mischung aus Jazz und Synthiepop, die sie zu ihren besten Zeiten, und eigentlich auch dazwischen produziert haben. Ein bisschen vermisse ich die bizarren Klangwelten von „The Eye“ oder „Motion Picture“, aber über den Fokus auf Atmosphäre und Melodie werde ich mich nicht beschweren. Yello gehören zu den Acts, die ihren eigenen, unverwechselbaren Klang haben, ohne sich tatsächlich zu wiederholen. Auch wenn ein Großteil von „Toy“ dementsprechend irgendwie altbekannt klingt, ist es nicht einfach nur ein lahmer Aufguss.

Vor allem muss man auch neidlos anerkennen, dass Boris Blank einer der besten Produzenten ist. Die Sounds und Melodien sind so unglaublich präzise und einzigartig, dass man sich nicht zu wundern braucht, warum ein neues Yello Album auch heute noch ein kleines Großereignis ist. (Oxymoron intended) Und der Yello Sound ist so zeitlos, dass dieses Album problemlos im modernen Hipstercafe und der edlen Cocktailbar im Hintergrund laufen könnte. Das klingt jetzt vielleicht wie ein zweifelhaftes Kompliment, aber es ist „nur“ ein Kompliment.

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oizowetIn eine ähnliche „Same same, but different“ Kerbe, schlägt auch das neue Mr Oizo Album „All Wet“. Mir fällt immer wieder auf, dass die meisten Menschen, die sich außerhalb der elektronischen Musikszene bewegen, den Franzosen für ein 90er Jahre One Hit Wonder halten. Gut, wenn wir nur nach Singlechartplatzierungen gehen, stimmt „One Hit Wonder“ technisch gesehen, aber in den letzten fast 20 Jahren, hat er seinen Ruf, als einer der innovativsten DJs und Produzenten, mehr als gefestigt. Zudem hat er sich auch noch eine nette Nische als Regisseur völlig bizarrer Filme erschaffen. (Der Killerreifenfilm „Rubber“ stammt z.B. von ihm.)

„All Wet“ ist so ziemlich genau das, was man von Mr Oizo erwartet. Es brummt, es quietscht, es knallt, es groovt. Echte Melodien sind Mangelware, abgefahrene Klangexperimente und schräge Samples findet man hingegen überall. Auch wenn Tracks wie „Freezing Out“, auf dem Peaches mal wieder über ihre Vagina redet, die französiche Hip Hop Nummer „No Tony“ oder auch „Hand In The Fire“, featuring Charli XCX, schon gewisse beinahe radiotaugliche Tendenzen haben. Das soll nicht bedeuten, dass Oizo sich hier verkauft hat und auf Plattenverkäufe schielt, denn als „kommerziell“ würde ich keins der Dinger bezeichnen. Weitere Kollaborationen, die oft noch viel experimenteller sind, gibt es u.a. mit Boys Noize, Siriusmo und Skrillex, der mal wieder zeigt, dass er mehr drauf hat, als den „Bummwobwobwobwobtschackpiupiuwobwobwob“ Sound, der ihn berühmt machte.

Genau wie Yello, hat Mr Oizo einen eigenen Stil, der wenig überrascht, aber immer funktioniert. Menschen, die ihren Bass hart und die Synths laut und quietschend brauchen, denen aber die EDM* Hits der Großraumdiscos zu langweilig sind, können hier mal wieder zugreifen.

*Ich hasse diesen Begriff. „Electronic Dance Music“ beschreibt irgendwie alles, von House bis hin zu New Wave. Welcher Vollidiot kam auf die Idee, diesem einen speziellen Subgenre, so einen generischen Namen zu verpassen.

E6bloodDa es Oktober ist, gibt es auch wie jedes Jahr ein neues Electric Six Album. „Fresh Blood For Tired Vampyres“ heißt dieses und ich würde es als eines ihrer Schwächeren etikettieren. „Schwächer“ bedeutet hier aber nicht „schlecht“. Wenn die Detroiter aus allen Zylindern feuern, wie in ihrem Debütalbum „Fire“, „Switzerland“, „Kill“ oder „Zodiac“, bekommen wir eine CD voller Lieder, die sich einem sofort im Ohr festsetzen. Die schwächeren Alben, wie „Flashy“, „Heartbeats & Brainwaves“ und eben „Fresh Blood For Tired Vampyres“, brauchen hingegen ein paar Durchgänge, bevor man die wahren Qualitäten entdeckt.

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Diese liegen hauptsächlich in den drei direkt aufeinanderfolgenden Songs „Dance With Dark Forces“, „(Be My) Skin Caboose“ und „My Dreams“, die die gewohnte Energie der Six haben und bei Konzerten den Saal garantiert zum mitsingen bringen werden. Der Rest ist etwas…ich will nicht „B-Seitig“ sagen. Ich kenne einige verdammt gute B-Seiten und auch wenn die Bezeichnung etwas anderes impliziert, ein Song, der es nicht auf ein Album geschafft hat, ist deswegen nicht automatisch schlecht. Und vor allem: Alle Songs auf diesem Album, haben es auf das Album geschafft. (Bam! Logik! Das Mikro ist gedroppt!)

Auch in dieser Runde überzeugt die Mischung aus Rock, Synthiepop und Disco mit mal mehr, mal weniger, aber meistens eher mehr sinnlosen Texten. Nur dass die Produktion diesmal etwas dünn klingt und die Melodien eine gewisse Pfiffigkeit vermissen lassen. Aber das ist eher jammern auf hohem Niveau. „Fresh Blood For Tired Vampyres“ läuft seit Tagen in einer Endlosschleife bei mir und ist bis jetzt noch nicht langweilig geworden. Wie alle Alben dieser Band, macht es Spaß. Als einzelnes Album betrachtet, ist es hervorragend. Im Vergleich mit einigen der Knaller, die Electric Six in den letzten über 10 Jahren jeden Oktober auf den Markt warfen, ist es „nur“ sehr gut und hat ein paar Füller mehr zu bieten, als gewohnt.

  

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