Reise nach 1997: An American Werewolf In Paris

Bevor morgen der #Horrorctober offiziell startet, lasst uns mal über die wenig geliebte Fortsetzung eines Horrorklassikers reden. Dieser Klassiker ist natürlich „(An) American Werewolf (In London)“, ein Film, den ich zwar gerne alle paar Jahre in meinen DVD Player schiebe, der aber in meinen Augen auch etwas überbewertet ist. Die damals bahnbrechende Transformationsszene ist auch nach heutigen Maßstäben immer noch erstklassig (auch wenn sie stellenweise tatsächlich ziemlich künstlich aussieht) und einige der Gags, wie der Ballondiebstahl oder die komplette Szene im Pornokino, sind wirklich gelungen. Leider wird man nach einem atmosphärischen Anfang, mit vier oder fünf Alpträumen und einer unglaubwürdigen und langweiligen Liebesgeschichte abgespeist, bis der Film dann mit einem etwas albern aussehendem Plüschwerwolf und einer antiklimaktischen Car Crash Orgie endet. Wie gesagt, ich mag ihn schon irgendwie, aber dies ist wirklich einer von den Filmen, die ihren Ruf als Klassiker nur haben, weil ein Moment darin das Publikum damals wirklich umgehauen hat.

AmWolfParis004Dass ich den ersten Teil nicht als unantastbares Meisterwerk empfinde, ist vielleicht auch der Grund dafür, dass ich die Quasi-Fortsetzung aus dem wunderbar bizarren Filmjahr 1997 mehr zu mögen scheine, als es der Rest der Welt tut. „An American Werewolf In Paris“ handelt von den drei Freunden Andy (Tom Everett Scott aus „Z Nation“), Brad (Vince Vieluf, Seth Greens zungengepiercter Kumpel aus „Rat Race“) und Chris (Phil Buckman), die durch Europa reisen, um verrückte Stunts durchzuziehen und Frauen flachzulegen. Ja, 2/3 des Trios gehören zu der Sorte unsympathischer Arschlöcher, die man in Horrorfilmen oft sieht. Immerhin ist Andy verhältnismäßig vernünftig und weigert sich zumindest, bei der Flachlegerei mitzumachen. Nicht weil er keine Chancen hätte, sondern weil er es doof und respektlos findet. Als sie in Paris ankommen und sich, zwecks eines illegalen Bungeesprungs von der Spitze, nachts auf den Eiffelturm schleichen, beobachten sie die hübsche Serafine (Julie Delpy, die damals schon durchaus ein Arthousestar war und diesen Film nur drehte, weil sie ihre Miete bezahlen musste. Serious actresses gotta eat.) dabei, wie sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Andy kann sie retten, verliert sie danach aber aus den Augen.

Irgendwie findet unser Trio sie dann aber doch und ihr merkwürdiges und abweisendes Benehmen schreckt Andy nicht nur nicht ab, es bestärkt seinen Beschützerinstinkt. Keine Ahnung, wie das nach heutigen Maßstäben betrachtet wird. Zählt die Art und Weise, wie er sich in ihr Leben drängt um sie vor weiteren Selbstmordversuchen zu bewahren als unerwünschtes „White Knighting“ oder macht ihn, dass er sich tatsächlich um das Wohlergehen einer völlig fremden Person sorgt, zu einem Helden? Es ist ja nicht so, dass er einfach nur kein „Nein“ akzeptiert, als er vor ihrer Haustür auftaucht und sie ihn davonschickt. Er bemerkt Blut an ihren Händen und glaubt, sie würde sich schon wieder etwas antun. Ist das jetzt ein Mann, der sich einer vermeintlich schwachen Frau aufzwingt oder ein guter Mensch, der nur versucht, eine Katastrophe zu verhindern? Ich persönlich tendiere zum „guten Menschen“. Sein „Liebe auf den ersten Blick“ Ding, ist etwas befremdlich und unangebracht, aber Leute, wenn ihr mitbekommt, dass jemand versucht sich umzubringen, TUT ETWAS DAGEGEN! (Und das ist kein dummer Witz, sondern mein voller Ernst!)

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Um es kurz zu machen und wieder auf den Film zurückzukommen: Serafine ist von Andy nicht unangetan, weist ihn aber trotzdem immer wieder ab. Einerseits, weil seine Freunde ihn unbeabsichtigt schlecht dastehen lassen, aber auch, weil sie kein wirklich geselliger Typ ist. (Warum wohl? Was für ein Geheimnis könnte sie wohl haben? Hmmm…) Dann werden Andy, Brad und Chris vom Serafines zwielichtigem „Freund“ Claude (Pierre Cosso, der wohl in „La Boum 2“ war, aber ich kenne keinen der beiden Teile, also ist es mir egal.) zu einer Party eingeladen. Und ja, die Party ist eine Falle. Claude und seine Freunde sind Werwölfe, die zu jedem Vollmond einen Haufen Menschen zusammenpferchen, um sie zu verspeisen. Chris verschwindet, bevor das Gemetzel losgeht (bekommt aber schnell eigene Probleme in Serafines Keller), Brad wird getötet und Andy gebissen.

AmWolfParis003Einer der Gründe, warum ich „An American Werewolf In Paris“ gut leiden kann, ist, dass er zwar ein Low Budget Sequel eines Klassikers, das Drehbuch aber nicht einfach nur eine blasse Kopie des Vorgängers ist. Gut, man kann sagen, dass die Autoren Teil 1 vielleicht nicht wirklich verstanden haben. Viel zu oft wird er als Horrorkomödie bezeichnet, aber noch nicht mal John Landis selber tut dies. Für ihn (und damit hat er recht) ist es ein Horrorfilm, mit einigen witzigen Momenten. Teil 2 ist da eindeutig mehr auf der Komödienseite. Er hat nicht nur viel mehr Gags, sie sind auch eindeutig slapsticklastiger. Etwa wenn Andy versucht Serafine davon zu überzeugen, dass ein Kondom in Wirklichkeit ein Kaugummi ist oder wenn einem seiner untoten Opfer (die heutige, zweifache Emmy Gewinnerin [von sechs Nominierungen] Julie Bowen aus „Modern Family“ und „Boston Legal“) beim Versuch zu pfeifen, ein Auge herausploppt. Aber der Film versucht auch, die Mythologie um die Werwölfe auszubauen. War der Wolf im ersten Teil nur ein wildes Tier, nutzen Claude und seine Anhänger ihre „Gabe“ um ihrer Meinung nach minderwertige Subjekte, wie Obdachlose oder Amerikaner von der Erde zu tilgen. Das ist kein origineller Ansatz, aber er funktioniert ganz gut und mit einem klaren Antagonisten wirkt das Drehbuch auch gleich viel strukturierter, als das vom londoner Werwolf. Und scheinbar gibt es nun auch eine wissenschaftliche Methode, um die Transformation auszulösen.

Die Sache mit den verhassten Amerikanern finde ich übrigens sehr interessant. Ich war der festen Überzeugung, dass der Antiamerikanismus in Europa erst mit George W. Bush und dem Irakkrieg losging, aber die Werwölfe hier hegten Ende der 90er schon alle bekannten Vorurteile gegen die Amis. Nun ja, 1997 war ich erst 16 und weltpolitisch nicht so interessiert, also ist das vielleicht einfach an mir vorübergegangen.

Eigentlich hat das Drehbuch so wenig mit dem vorherigen Film zu tun, dass ich den Verdacht habe, dass hier mal wieder ein eigenständiges Skript zu einem Sequel verwurstet wurde. Dann gibt es aber doch ein Detail, das mir erst spät aufgefallen ist, weil es so völlig nebenbei erwähnt wird. (Leichter Spoiler) Ich bin mir ziemlich sicher, dass Serafine die Tochter von David, dem amerikanischen Werewolf in London ist. Ihre Mutter, die von Serafine versehentlich umgebracht wurde, trägt in der einen Szene, in der wir ihr untotes Ich mal kurz sehen, eine Schwesternuniform. Die Freundin des vorherigen Werwolfs war ebenfalls eine. Und siehe da, im Abspann wird der Charakter als „Serafine’s Mom (Alex Price-Pigot)“ bezeichnet. „Alex Price“ WAR diejenige aus dem ersten Teil, die eine Beziehung mit David hatte. Darauf wird im fertigen Film absolut nicht eingegangen! Ich schätze mal, dass Alex nicht zufälligerweise schon wieder an einen Werwolf geriet, der dann ihre Tochter biss, also kann man davon ausgehen, dass sie nach Paris ging und Serafine als Lycanthropin geboren wurde. Ich frage mich, warum die eine Verbindung zum Original auf dem Boden des Schneideraums endete. Die Mutter taucht im Film nur ein paar Sekunden auf und ihre Hintergrundgeschichte wird nicht erzählt.

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AmWolfParis001„An American Werewolf In Paris“ ist einer von diesen Filmen, die die „Wäääh, CGI ist böse!“ Fraktion immer gerne als Beispiel für die Minderwertigkeit von Computererzeugnissen anführt. Leider zurecht, auch wenn ich zugeben muss, dass der „practical effects“ Werwolf im Vorgängerfilm auch ziemlich künstlich aussah. Trotzdem sind die Effekte hier unentschuldbar mies, obwohl ziemlich eindeutig ist, was hier versucht wurde. Die Konzepte hinter den Verwandlungen und den Werwölfen sind cool, nur die Umsetzung nicht. Kein Stuntman unter dicken Latex- und Fellschichten, könnte die Kreaturen so derart agil und animalistisch darstellen, wie sie es hier sind. Und Verwandlungen von Mensch zu Wolf ohne einen einzigen Schnitt hinzubekommen, vor allem, wenn der Mensch in voller Bewegung ist, ist selbst heute ohne Computer unmöglich. Dummerweise kann man das Endresultat nicht nach dem „Was wäre, wenn“ Prinzip beurteilen. Denn wenn der Film ein höheres Effektbudget und vielleicht mehr Zeit für die Post Production gehabt hätte, wäre dies eine Pionierleistung gewesen, von der man heute noch mit genau so leuchtenden Augen sprechen würde, wie man es von den damals bahnbrechenden Make Up Effekten in „An American Werewolf In London“ tut. In der Realität sind die Effekte aber nur einen Hauch besser, als in „Spawn“.

Regie führte hier Anthony Waller, der kurz vor diesem Film mit dem Thriller „Stumme Zeugin“ einen kleinen Achtungserfolg hinlegte, ansonsten aber nichts wirklich relevantes drehte. Er liefert keine wirklich schlechte Arbeit ab und es ist offensichtlich, dass er zumindest versucht hat, eine würdige Fortsetzung zu drehen. Ob er dabei sein eigenes Talent überschätzt hat oder von einem fehlendem Budget oder ähnlichen Problemen zurückgehalten wurde, ist eine andere Frage. Aber „An American Werewolf In Paris“ ist in seinen besten Momenten atmosphärisch und die meiste Zeit zumindest unterhaltsam und im Ganzen nicht so schlecht, wie gerne behauptet wird. Sicher, ohne den prestigeträchtigen „American Werewolf“ im Titel, wäre das Ding wohl heute vergessen. So ist es aber eine zumindest interessante Fußnote im Werwolfgenre, Julie Delpys Filmographie und diesem verdammten Jahr 1997.

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