Als das Videothekensterben in meinen Ort kam…

sad bunny gratisograpy
Der Videothekenhase muss sich auf das Unvermeidliche einstellen.

Erst im gestrigen Artikel konntet ihr lesen, wie ich wehmütig über das Kinosterben in meiner Gegend schrieb. Jetzt hat es wohl auch die Videotheken erwischt. Am Samstagmorgen bekam ich die Nachricht, dass zwei der drei Videotheken in meinem Stadtkreis in den letzten Zügen liegen. Die in meiner Stadt, die wirklich keine fünf Minuten von meinem Haus entfernt und im wahrsten Sinne der Phrase „um die Ecke“ liegt, schließt im Dezember. Die im Nachbarort, in der ich vor allem in meiner Teenagerzeit und meinen frühen 20ern viel Zeit verbracht habe, schließt im Februar.

Videotheken sind einfach mein Ding. Kinos sind cool, aber ein auch zu limitiertes Erlebnis. Man hat nur eine kleine Filmauswahl und muss einen verhältnismäßig hohen Geldbetrag bezahlen, nur um den erwählten Film einmal ansehen zu können. Sicher, die Bild- und Tonqualität sind kein Vergleich mit dem Heimkino, ganz egal, wie gut das eigene Setup ist. Trotzdem fand ich Videotheken schon immer cooler. Vor allem der kleinen Schätze wegen. Selbst die mainstreamorientierteste Videothek, hat immer irgendwelche Indie- oder DTV Perlen zu bieten, die nur darauf warten, vom geneigten Zuschauer entdeckt zu werden. Die Videothek ist und bleibt die beste Chance für viele Filme, doch noch ihr Publikum zu finden. Im Kino gefloppt? Nur in den Progammkinos vor einer Handvoll Menschen gelaufen? Gar nicht erst in die Kinos gekommen? Kein Problem, die Videothek war immer für euch da!

Die Videothek ist und bleibt die beste Chance für viele Filme, doch noch ihr Publikum zu finden.

piracy bingo
Raubkopierer Bullshit Bingo

Aber alle Argumentationen werden da nicht helfen. Videotheken werden bald der Vergangenheit angehören. Und das nur wegen Streaming und ja, auch wegen Raubkopien. Da braucht ihr Piratenkiddies gar nicht so beleidigt aus der Wäsche zu schauen und mit lahmen Argumenten um euch zu werfen. Euer „opferloses Verbrechen“, ausgelöst durch den kindischen Drang, alles auf der Stelle und umsonst haben zu wollen, hat vielen Menschen den Job gekostet. Und mich einen Ort, an dem ich immer viel Zeit verbrachte.

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Einige der besten Erinnerungen an meine Teenagerzeit, sind die Momente, in denen ich nach der Schule an meiner örtlichen Videothek halten und die Neuerscheinungen abchecken konnte. Oder die wochenendlichen Videopartys, bei denen wir uns von Samstagnachmittag bis Sonntagmorgen in meinem Keller verschanzt, den Tischgrill angeworfen und einen Haufen Filme angesehen haben, bis wir vor Übermüdung und Reizüberflutung zu halluzinieren anfingen (meistens um 5 Uhr morgens). Sicher, zumindest Letzteres könnten wir auch mit Netflix und Co machen, aber wie erwähnt, ist die Auswahl einfach nicht die selbe. Und habt ihr schon mal versucht, euch mit eurem Streamingdienst so zu unterhalten, wie mit einem echten Videothekenmitarbeiter, der euch als Stammkunden sogar auf der Straße grüßt?

Selbst heute gehe ich noch gerne in die Videothek. Und es ist auch immer noch einer meiner Träume, eine eigene Videothek zu besitzen. (Am besten, zusammen mit einem Kino.) Wie die meisten meiner Träume, wird das natürlich nie passieren. Ich würde da so ein echtes Nischending draus machen, mit einem gleichmäßigen Angebot an Neuerscheinungen und Obskuritäten, vielleicht Importen oder sogar alten VHS Kassetten. Das würde sich aber dann auch nur in einer ultra-hippen Großstadt rentieren. Wenn überhaupt.

Habt ihr schon mal versucht, euch mit eurem Streamingdienst so zu unterhalten, wie mit einem echten Videothekenmitarbeiter?

Ach, was nützt die Träumerei. Fakt ist: In ein paar Monaten werde ich nur noch zwei Möglichkeiten haben, Filme aus greifbaren Medien zu mieten.

a.) Die letzte Videothek im Kreis, die allerdings eine gut 45 Minuten lange Fahrradfahrt (also 45 hin und 45 zurück) entfernt ist, was zugegebenermaßen jetzt nicht soooo stressig ist, aber je nach Wetterlage und körperlicher Verfassung (sowie Zustand des Fahrrads) schon zu einer ziemlichen Anstrengung ausarten kann und vor allem kein Vergleich ist, mit den fünf Minuten Fußweg zu meiner aktuellen Videothek, bzw. den zehn Minuten Radweg, die ich damals in meiner Jugend zurücklegen musste. Ich könnte ja auch mit dem Bus fahren, aber das wären dann wieder zwei mal 2,60 € für Hin- und Rückfahrt. (Warum sind öffentliche Verkehrsmittel in Deutschland eigentlich so teuer?)

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b.) Filmversand a la „Videobuster“ oder „Lovefilm“. Ersteres benutze ich schon seit fast 10 Jahren als Zusatzangebot zu meiner „normalen“ Videothek, aufgrund der großen Auswahl an alten Klassikern (unbezahlte Werbung), aber der Wunschlistenverleih hat natürlich auch einen großen Nachteil: Man kann sich seine Filme nicht gezielt aussuchen. Die schicken einem einfach, was von der Wunschliste gerade erhältlich ist. Auf meiner Liste sind z.B. Filme, die seit über fünf Jahren auf ihren Versand warten! Wenn man also vorhat, genau heute (bzw. Morgen, wenn die DVD im Briefkasten liegt), genau diesen Film zu sehen, braucht man sehr viel Glück.

Hungerstreiks oder Hashtags werden nichts am Videothekensterben ändern.

grim reaper by bandrat at freedigitalphotos net
Der Videothekensensenmann (Phantomzeichnung)

Doch was soll man machen? Hungerstreiks oder Hashtags werden nichts am Videothekensterben ändern. Ich hatte gehofft, „meine“ kleine Videothek wäre, dank des Mangels an Alternativen und der allgemeinen Technikfeindlichkeit der Deutschen, noch für längere Zeit sicher. Aber Pustekuchen. (Was ist ein Pustekuchen überhaupt? Muss ich später mal googeln.) Alles, was ich jetzt tun kann, ist mich auf das Unvermeidliche einstellen.

Und beim kommenden Ausverkauf in beiden Filialen so richtig zuschlagen.

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„Sad Bunny“ photo by Gratisography

„Grim Reaper“ by Bandrat at freedigitalphotos.net

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