Die geheimnisvolle Zeitreiseschachtel

Kürzlich war es mal wieder so weit, dass mir der Platz für meine DVDs ausging, also musste ich einige Dinge aus einem anderen Regal ausräumen, um Platz zu schaffen. Bei dieser Reinemachaktion bin ich über eine grüne Schachtel gestolpert, die jahrelang dort schlummerte und Staub ansetzte. Ich dachte eigentlich, es wäre meine Schachtel mit 1 Pfennig Stücken, die ich vor der Einführung des Euro gehamstert habe, um sie zu einem späteren Zeitpunkt an Freunde als Glückspfennige zu verschenken. (Nicht der Bundeszentralbank sagen, pst!) Wie sich dann herausstellte, war aber etwas noch viel Cooleres darin.

SAM_0538

Da! Seht ihr? Seht ihr?

SAM_0540

Dieser Anstecker ist noch nicht mal das Coolste, aber ich habe ihn seit Jahren gesucht und zudem HABE ICH ES EUCH SCHON IMMER GESAGT!

SAM_0544

Liebe Kinder, das ist ein Farbfilm. Darauf haben wir unsere Fotos „gespeichert“, bevor die Fotografie digital wurde. Keine Ahnung, was darauf zu sehen ist. Ich schätze, verwackelte, unscharfe und unterbelichtete Fedcon Fotos. Irgendwann lasse ich den Film mal entwickeln.

SAM_0541

Interessanter sind aber schon diese Dinger hier: Das sind nicht nur irgendwelche oldschool 3D Brillen, das sind die Original „Spy Kids 3D“ Brillen! Damals, als der Film in den Kinos lief (2003, also sechs Jahre vor „Avatar“), war das ein mehr als ungewöhnliches Gimmick. Die letzte 3D Welle war in den 80ern und hatte nicht sehr lange angehalten. Zu dem Zeitpunkt hatte sich die Technologie nicht wirklich weiterentwickelt, bzw. Kinos mit digitalen Projektoren waren mehr als selten. Das klassische anaglyphe 3D war dementsprechend, vor allem für jemanden wie mich, der auf einem Auge nicht gut sieht, etwas enttäuschend, aber immer mal wieder funktionierte es doch. Und abgesehen davon, hatten die komplett wahnsinnigen Kinderfilme von Robert Rodriguez schon immer einen besonderen Platz in meinem Herzen. Dementsprechend hatte ich wohl viel mehr Spaß mit diesem Film, als der Rest der Welt. Keine Ahnung, ob diese Brillen etwas wert sind (vermutlich eher nicht), aber für mich sind sie ein besonderes Erinnerungsstück.

SAM_0545

Das absolute Highlight des Schachtelinhalts, war aber dieser Stapel an Kinotickets! Früher war ich ein ständiger Kinogänger. Damals ging ich aber noch zur Schule und musste mein Geld nicht für Erwachsenenkram wie „Miete“ oder sonstige Rechnungen ausgeben und bekam außerdem die Tickets von meiner (mittlerweile leider verstorbenen) Tante bezahlt. Man kann sagen, dass ich im Durchschnitt alle zwei Wochen ins Kino ging. Wenn es nicht für einen „normalen“ Film war, dann für eine Sneak Preview. (Für die, die es nicht wissen: Man weiß dort im Vorfeld nicht, welcher Film läuft, nur, dass er erst in ein paar Tagen oder Wochen seinen offiziellen Kinostart hat.) Leider werden diese nicht mehr in meinem lokalen Kino angeboten. Ohnehin ging das Kinosterben an meinem Stadtkreis nicht vorbei. Dazu gleich mehr.

Hier sind ein paar persönliche Highlights des Stapels:

SAM_0546

Damit fängt der Stapel an. „Virus“ ist ein nicht besonders guter, aber auch nicht völlig übler SciFi Horrorfilm, mit größtenteils wirklich guten Effekten. Jamie Lee Curtis sagt, dies wäre der schlechteste Film, den sie je gedreht hätte, aber sie hat bestimmt schon Schlimmeres verzapft. Wirklich interessant ist aber das Drumherum an diesem Ticket. Das „Studio“ gibt es schon lange nicht mehr. Damals gab es in Recklinghausen drei verschiedene Kinos, bis schließlich ein kleines Multiplex gebaut wurde und alle anderen Kinos verschwanden. Dieses hier, war mein Zweitliebstes in dieser Stadt. Nachdem es drei oder vier Jahre später die Tore schloss, wurde es aufgekauft und für einen sehr kurzen Zeitraum als Arthouse Kino neu eröffnet. Ich hatte mich damals sogar als Projektionist beworben, den Job aber dann doch nicht bekommen. Immerhin, der damalige Eigentümer hatte mir die Absage sogar persönlich am Telefon mitgeteilt (Ja, damals haben die sich tatsächlich die Mühe gemacht, die Bewerber zurückzurufen!) und mir gesagt, er würde mich für ein weiteres Kino in Betracht ziehen. Leider kam es dazu dann doch nie.

Der hier ist auch gut:  1 Jahr Plaudereckchen, yo!

SAM_0547

Wie dem auch sei, direkt nach „Virus“ ging es in die Sneak Preview. Wie ihr an dem Gekritzel am unteren Bildrand lesen könnt (Kopf nach links neigen), war der Überraschungsfilm „Soldier“, bzw. „Star Force Soldier“, wie er in Deutschland hieß. Ein heute scheinbar vergessener Kinoflop mit Kurt Russell, von Paul Nicht Thomas Anderson („Resident Evil“). Auch so ein Film, der eigentlich viel besser ist als sein Ruf, aber in hiesigen Kinos in einer um acht Minuten geschnittenen FSK 16 Fassung lief! Die FSK 18 Version, die dann auf Video herauskam, war leider auch nicht ungeschnitten. Es wäre schön, wenn sich irgendein DVD Label mal dem Film annehmen würde, aber ich habe die Hoffnung schon lange aufgegeben.

SAM_0548

Der erste Film, den ich im damals brandneuen und oben erwähnten kleinen Multiplex, das vermutlich alle anderen Kinos im Ort getötet hat, sah, war Sam Raimis „Ein einfacher Plan“. Guter Film. Hatte sogar ein paar Oscarnominierungen, inklusive einer für das Drehbuch.

SAM_0549

Natürlich habe ich auch damals den vielleicht einflussreichsten Film der letzten Jahrzehnte im Kino gesehen. So gut der Film auch war (und immer noch ist), die Vorstellung war eine Katastrophe, dank der Assikinder hinter uns, die einfach nicht die Klappe halten wollten und trotz mehrfacher Ermahnung von Publikum und Personal fröhlich weitermachten. (Zum Glück waren Handys damals nur reichen Arschlöchern vorbehalten.) Dass mein Kumpel und ich am Ende trotzdem geflasht aus dem Kino kamen, ist nur ein weiterer Beweis für die Qualität von „Matrix“.

SAM_0550

Zwei Wochen später sahen wir uns eine weitere Sternstunde des Kinos an. Nein, ich bin nicht sarkastisch. Ich liebe den Film und seinen Soundtrack.

SAM_0551

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie das Kino vorzeitig verlassen, aber bei dieser unglaublich miserablen, pseudo-feministischen „Alle Männer sind böse und müssen sterben“ Schmonzette mit Heike Makatsch und Helmut Berger, stand ich mehrmals kurz davor. (Die schwarzen Flecken auf dem Ticket könnte man als Symbolik für die Qualität des Filmes sehen, aber wenn ich mich recht erinnere, waren meine Hände einfach nur dreckig, weil meine Fahrradkette nicht da bleiben wollte, wo sie hingehört.)

SAM_0552

Genau wie bei diesem Film. Immerhin war das Ende ziemlich überraschend.

SAM_0553

Ich fand ihn gut, mein Kumpel fand ihn gut, alle, mit denen ich geredet hatte fanden ihn gut. Ich war überrascht, als ich feststellte, dass er in den Augen der Nerds der „worst film ever“ war.

SAM_0556

Ich hatte von diesem Film im Vorfeld absolut nichts gehört, aber ich war absolut begeistert. Allerdings habe ich ihn auch seitdem nicht mehr gesehen. Keine Ahnung, ob er immer noch so gut ist. Doch so sehr ich ihn auch mochte, der ganze Oscarhype, der wenige Wochen später losbrach, überraschte mich sehr. Als soooo gut hatte ich ihn dann doch nicht wahrgenommen. (Aber wie gesagt, ich muss ihn mir noch mal ansehen.)

SAM_0557

Fuck yeah! (Man beachte den Eintrittspreis. Bei den Sneak Previews hatte man immer die Möglichkeit, eine Freikarte zu gewinnen und ich hatte überraschend viel Glück in dem Bereich.)

SAM_0558

Das war eine sehr interessante Sneak Preview. (Ha ha, schon wieder mit Freikarte!) Der Film startet ziemlich langsam und entfaltet seine wahre Qualität erst im letzten Drittel. Am Anfang war der Kinosaal fast voll, zur Mitte hin waren mehr als die Häflte der Zuschauer schon verschwunden. Die, die bis zum Ende blieben, hatten verdammt viel Spaß und gaben dem Film auf den Fragebögen am Ende Höchstbewertungen.

SAM_0559

Ich hatte völlig vergessen, dass dieses Ding existiert, aber ich glaube, selbst die daran Beteiligten haben das. Es ist auch nur eine von diesen lahmen und unoriginellen deutschen RomComs, die man Dienstags auf Sat 1 sieht.

Der hier ist auch gut:  Plauderpop Quicky: #Horrorctober Fazit und ein kurzer Ausblick auf demnächst

SAM_0563

R.I.P. Curtis Hanson!

SAM_0564

Das Capitol war mein Lieblingskino in Recklinghausen. Die Sitze waren gemütlich und hinten im Saal war eine Bar (!) an der man Snacks und Getränke bestellen konnte, ohne etwas vom Film zu verpassen. Einer meiner Träume war es immer, ein Kino zu besitzen. Als das Capitol geschlossen wurde, hatte ich sogar erste Pläne geschmiedet um es mit Hilfe von Fördergeldern (Stichwort: „Ich AG“) zu kaufen, aber aus verschiedenen Gründen ist dies logischerweise nie passiert. Heute ist in dem Gebäude ein „Casino“. (Also eine billige Spielhölle.)

Sich „Hannibal“ so schnell nach Kinostart in Deutschland anzusehen, war übrigens ziemlich interessant. Die erste Fuhre Kopien hatte wohl einen Fehler und das Bild war etwas nach unten verrutscht, weshalb man in so ziemlich jeder Szene ein Mikrofon am oberen Rand sehen konnte. Dr. Lecter dachte, er wäre seinen Verfolgern entkommen, aber in Wirklichkeit wurde er ständig überwacht…

SAM_0565

Die Lichtburg in Datteln war das wichtigste Kino meines Lebens. Ich bin in einem Haus aufgewachsen, das keine fünf Minuten Fußweg davon entfernt war. Und da in den 80ern und 90ern Kinokarten ziemlich billig waren, haben meine Schwester und ich sehr viel Zeit dort verbracht. Auch wenn es mit dem Kauf des Capitols nicht klappte, hatte ich mir vorgenommen, die Lichtburg zu übernehmen, sollte die Familie, die das Ding seit Jahrzehnten am laufen hielt, sich zur Ruhe setzen. Als dies passierte, hatte ich nicht nur leider meinen Job verloren und musste mich auf andere Dinge konzentrieren, das Ende der Lichtburg kam auch aufgrund der veralteten Brandschutzmaßnahmen im Gebäude. Eine Erneuerung hätte einfach zu viel gekostet. Und wenn die alten Besitzer dafür nicht aufkommen wollten/konnten, hätte ich erst recht keine Chance gehabt. Heute ist die Lichtburg ein Theater. Mehr 3D geht nicht.

SAM_0568

Der Film mit den schrägen Typen aus dem Afroman-Clip „Because I Got High“. (Dieses verdammte, deutsche DVD Cover…) Irgendwie hatte der Vorführer es tatsächlich geschafft, eine Rolle verkehrt herum einzulegen. Plötzlich war der Ton weg, das Bild spiegelverkehrt und man konnte die Tonspur am Bildrand sehen.

SAM_0569

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals „Srar Wars“ gesehen zu haben.

SAM_0570

Kaum einer, der mich persönlich kennt, wird mir abkaufen, dass ich tatsächlich diesen Film im Kino gesehen habe, aber ich besitze ihn sogar auf DVD. Ich bin unglaublich arachnophobisch, aber damals konnte ich damit besser umgehen oder meine Phobie war noch schwächer. Keine Ahnung, was in der Zwischenzeit passiert ist. Heute bekomme ich schon Schüttelkrämpfe und Panikattacken, wenn ich eine Spinne im Zeichentrickfilm sehe.

SAM_0572

Da hatte das Cineworld wohl versucht, Tinte zu sparen. Dieses Ticket ist insofern bemerkenswert, weil ich ja als Tarantino-Hasser bekannt bin. „Reservoir Dogs“ ist ein brillanter Film und „Kill Bill 1“ hat einen gewissen Fun Faktor und versprach auch eine Abkehr von fast allen Dingen zu sein, die mich an seinen Filmen so stören, aber nach dem langweiligen zweiten Teil, der wieder all jene verhassten Markenzeichen hervorkramte (hauptsächlich endlose, sinnlose Dialoge in Szenen, die viel zu lang laufen und nur existieren, damit die Protagonisten einen Grund haben, um ihre dummen Dialoge von sich zu geben, obwohl das ganze Ding eigentlich auf dem Boden des Schneideraums hätte landen sollen), habe ich nie wieder auch nur in Betracht gezogen, mir eines seiner Werke anzuschauen.

SAM_0573

Und dies war das letzte Ticket im Stapel. Es war auch das einzige mal, dass ich wirklich einen ganzen Kinosaal kollektiv habe weinen hören.

Keine Ahnung, warum ich aufgehört habe, meine Tickets aufzuheben. Vermutlich, weil ich nicht mehr so oft ins Kino ging. Aber ich glaube, ich werde jetzt wieder damit anfangen. Diese Erinnerungen haben es nicht verdient, wie Bing-Bong zu enden. (Spoiler für „Alles steht Kopf“.)

Facebooktwittergoogle_plusredditpinteresttumblr

2 thoughts on “Die geheimnisvolle Zeitreiseschachtel

  1. Ich kann Kino-Tickets grundsätzlich nicht wegschmeißen! Entweder sie hängen irgendwo bei mir an einer Wand oder sie verschimmeln ebenfalls in einem Karton, was das angeht bin ich ein echter Messi 😀 Aber krass, dass die alle noch so gut lesbar sind, manche von meinen sind schon total verblasst, und das z.T. nach nur ein paar Jahren…

    1. Einige von den alten Tickets waren tatsächlich lesbarer als andere. Ich glaube, das hat etwas mit einer Kombination aus Papier, Tinte und Sonneneinstrahlung zu tun. Mein aktuellstes Ticket ist eines aus einem kanadischen Kino von vor ein paar Monaten, das eher wie ein stinknormaler Kassenbon daherkommt. Bin mal gespannt, wie lange sich das halten wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.