Geheimtipp (Mehr oder weniger): Adéle und das Geheimnis des Pharaos

Als Filmsüchtiger, der viele DVDs blind kauft und auch noch jede Woche einen Haufen aus dem (Pay) TV aufnimmt, besteht meine Sammlung zu einem großen Teil aus Filmen, die ich mir noch nicht angesehen habe.* Einige sitzen schon seit fast 10 Jahren ungesehen in meinem Regal. Einer davon war „Adéle und das Geheimnis des Pharaos“ und nachdem ich ihn mir gestern ansah, ärgerte ich mich, dass ich es nicht schon früher tat.

*Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags: Genau 576

les_aventures_extraordinaires_dadele_blancsec_ver3„Adéle“ ist ein Film von Luc Besson. Der war mal ein gefeierter Regisseur, der mit seinen Filmen wie „Leon – Der Profi“, „Im Rausch der Tiefe“ oder „Nikita“ sowohl das Arthaus, als auch das Popcornpublikum zufriedenstellen konnte. Zuletzt hat er seinen guten Namen aber mit den „Minimoys“ Filmen und der Produktion von hunderten von B-Actionfilmen in die Irrelevanz gezogen. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir die meisten davon gut gefallen haben. Aber unglücklicherweise bedeutet sein Status im 21. Jahrhundert auch, dass dieser Film hier mit wenig Tamtam in den Kinos startete und mittlerweile schon wieder vergessen scheint. Das ist aus vielerlei Gründen schade. Hauptsächlich, weil er wirklich originell und unterhaltsam ist.

Ich wusste eigentlich gar nichts über den Film, außer, dass darin wohl eine Mumie und ein Pterodactylus vorkommen. Und schon aufgrund meiner Ahnungslosigkeit, brachten mich die ersten paar Minuten zum Grinsen. (Ich werde hier nicht die ganze Handlung spoilern, auch wenn es kein Film ist, der von großen Twists abhängt. Aber nicht zu wissen, wohin sich die Story entwickelt, ist in meinen Augen ein wichtiges Element für dessen Spaßfaktor.) Auf eine Art und Weise, die vielleicht nicht nur zufällig an „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnert, werden uns schnell einige der wichtigsten (und unwichtigsten) Charaktere der Geschichte vorgestellt, ohne uns wirklich zu erzählen, wie sie dort hineinpassen. Oder warum sie das tun, was sie gerade tun. Wie z.B. wenn ein alter Mann erst einen Teil seiner Wohnungseinrichtung zum schweben bringt und dann mit Hilfe von Telepathie den schon erwähnten Pterodactylus zum schlüpfen und fliegen zu bringen scheint.

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Was dann folgt, ließ mich einen Abenteuerfilm im Stile von „Indiana Jones“ erwarten. Eventuell auch etwas „Tim und Struppi“. Die Protagonistin Adéle ist eine Reporterin, die um die Welt reist, Schätze sucht und Monster bekämpft. Der erste Akt spielt dementsprechend in einem Pharaonengrab irgendwo in Ägypten, in dem Adéle versucht eine Mumie zu finden und sich dabei mit goldgierigen Einheimischen, sowie kriminellen Forscherkollegen herumschlagen muss. Letzterer ist ein Knilch namens Dieuleveult, hat schiefe Zähne, eine große Nase, große Ohren, ist aber nicht der einzige, mit extremem Make Up zugekleisterte Schauspieler in diesem Film. Vielleicht der Einzige, der SO extrem aussieht, aber viele Charaktere haben einen übertriebenen, cartoonischen Look, irgendwo zwischen Warren Beattys „Dick Tracy“ und „Die Stadt der verlorenen Kinder“. Abgesehen davon, ist dieser Film die beeindruckendste Versammlung von Bärten jeder Form, die ich vielleicht je gesehen habe. Gegen so manchen Schnorres hier, sieht der von Mortdecai wie der Bartflaum eines Teenagers aus.

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Schön, das Humanzee auch später noch Rollen bekam.

Lasst mich mal etwas mehr auf unsere Heldin eingehen. Adéles erfolgreiche Flucht mit der Mumie aus Ägypten (Spoiler?) etabliert sie schnell als furchtlose Heldin, die ihrer Umwelt immer mindestens drei Schritte voraus ist. Vermutlich wird man mir jetzt ein gewisses Maß an Sexismus vorwerfen, aber wenn eine Protagonistin so derart perfekt ist, wirkt sie oft arrogant und unsympathisch. Und auch Adéle hat dieses Problem. Gerade zu Anfang scheint es, als ob man ihre (99% männliche) Umwelt absichtlich extra verdummt hätte, damit sie auch ja so perfekt wie möglich dastehen kann. Und das Schlimmste ist, dass Adèle weiß, dass sie perfekt ist und es jeden auf mehr oder weniger direkte Weise wissen lässt. Zumindest anfangs ist sie die Sorte „Mary-Sue“, die dabei herauskommt, wenn ein/e Autor/in Angst davor hat, einer fiktiven Frau auch nur irgendeine negative Eigenart zu verpassen. Scheinbar ist den Verantwortlichen dann zu einem Zeitpunkt aber doch aufgefallen, dass es besser wäre, sie etwas zu vermenschlichen und dies geschieht auf eine sehr grandiose Art.

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Ein wichtiger Teil der Handlung besteht darin, dass Adéle eine Person aus dem Gefängnis holen muss. Doch dies klappt nicht nur nicht auf Anhieb, es liegt auch an ihrem zugegebenermaßen ziemlich albernen Plan. Okay, sie bekommt jedes mal einen Fuß in die Tür, weil unsere Madame Perfect nur von männlichen Idioten umgeben ist, aber zu sehen, wie sie immer wieder noch ein weiteres mal versucht, diese lächerliche Idee durchzuziehen, weil es ja vielleicht beim fünfzigsten Versuch klappen könnte, gibt ihr das dringend benötigte Maß an Liebenswertigkeit, Sympathie und Humor.

Die größte Überraschung des Films ist dessen Struktur. Adéles Mission ist eigentlich nur eine Persönliche. Es gibt hier keinen echten Bösewicht, sondern nur Menschen, die ihren Job machen und eigentlich gar keine Ahnung haben, dass sie Adéles Leben erschweren. Und diese Menschen existieren mehr oder weniger in ihrem eigenen Subplot, der sich nur selten direkt mit Adéles kreuzt. Und der Film endet noch nicht mal mit einer riesigen Actionszene. Es ist zwar ziemlich effektlastig, aber das Finale besteht aus einer Gruppe Charaktere, die nur miteinander redet.

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„Denkst du an den Dinosaurier?“

Es ist die Skurrilität und Originalität, die dieses Werk so sehenswert macht. Es ist ein Film über Aktionen und Reaktionen. Ein Film, der Elemente, die andere Filme zur Hauptattraktion erklären würden (Dinosaurier! Magie! Abenteuer in fremden Ländern!), wie Anekdoten behandelt und sich eher für die ganze Geschichte, anstelle der einzelnen Teile interessiert. Ein Film, der das Surreale und Skurille zelebriert, es aber als normal darstellt und dem Zuschauer nicht unter die Nase reibt. Und alles in allem, ist es ein durch und durch unterhaltsamer und sympathischer Film, der nicht nur wegen seines (zugegebenermaßen geschmacklich etwas fragwürdigen) Cliffhangers eine Fortsetzung verdient hätte.

Und nein, in dem Film wird nicht gesungen. Falsche Adéle.

 

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