Ich hatte es schon zu einer früheren Amazon Pilot Season erwähnt, aber ich hasse den überbenutzten und völlig totgelaufenen „Promi spielt sich selbst als alberne Karikatur“ Gag. Dementsprechend waren meine Erwartungen bezüglich „Jean-Claude van Johnson“, in dem 80er und 90er Jahre Actionikone Jean-Claude van Damme „sich selbst“ als Geheimagenten im Ruhestand spielt, eher negativ. Doch wer hätte es gedacht? Die Pilotfolge gefällt mir ganz gut.

Jean-Claude van Johnson_Box Art ┬® 2016 Amazon.com Inc., or its affiliatesUnbemerkt vom Mainstream Publikum, das entweder schon vor langer Zeit mit den klassischen Actionfilmen abgeschlossen hat oder sich ohnehin schon immer zu fein dafür war, hatte Jean-Claude van Damme es in den letzten paar Jahren tatsächlich geschafft, seine Karriere in zumindest etwas hochwertigere Bahnen zu lenken. Nicht im selben Bereich wie Sylvester Stallone, der zuletzt ein paar echte Kritiker- und Publikumshits hervorbrachte oder Arnold Schwarzenegger, dessen Filme zumindest von einer neu entdeckten Experimentierfreude zeugen. Aber während Steven Seagal den Großteil seiner neuen, immer billiger werdenden Filme im Sitzen abdreht und Chuck Norris hauptsächlich nur noch vor die Kamera tritt, um Rechte Propaganda zu verbreiten, bringt van Damme durchaus ungeahnte Qualitäten in die Videotheken. Seine Meta Arthouse Tragikomödie „JCVD“ zeigte der Welt, dass er tatsächlich schauspielern kann. „Universal Soldier“ 3 & 4 überzeugen mit überraschend gut (und vor allem klar!) inszenierten Actionszenen und tollen Schauspieleinlagen von van Damme, Dolph Lundgren und Scott Adkins. Und seine Rolle als sadistischer Oberschurke in „The Expendables 2“ war das Highlight eines ansonsten viel zu albernen Films. Diese Linie führt er in „Jean-Claude van Johnson“ weiter.

Wie in „JCVD“ ist diese fiktive Version des Actionstars eine eher bemitleidenswerte. Allerdings auch viel überzeichneter und arroganter. Dieser Jean-Claude verbringt sein Leben mit bedeutungslosen One Night Stands, duscht mit Kokosmilch, benutzt nur Pflegeprodukte mit seinem eigenen Namen und versteht die moderne, von Hipstern bevölkerte Welt nicht mehr. Als ihm eines Tages seine verlorene, große Liebe Vanessa (Kat Foster) über den Weg läuft, beschließt er, seinen Ruhestand zu beenden, um sie zurückzuerobern.  Doch er meint nicht nur seinen Ruhestand als Schauspieler, sondern auch den als Geheimagent.

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_REA6587.NEFDie erste Hälfte der Pilotfolge, könnte einige Zuschauer irritieren. Wer hier ständige Schenkelklopfer erwartet, wird enttäuscht werden. Auch wenn van Dammes trauriges Leben eindeutig witzig gemeint ist, schwingt eine starke Melancholie in diesen Szenen mit. Einer der großen Pluspunkte von „Jean-Claude van Johnson“ ist, dass es seinen Protagonisten ernst nimmt. Wir sollen über seine Eitelkeit und schlechte Form schmunzeln, aber im Endeffekt sollen wir uns auch auf seine Seite schlagen und hoffen, dass alles für ihn gut ausgeht. Vor allem die letzte Szene (leichter Spoiler) ist unerwartet deprimierend.

Drehbuchautor Dave Callaham schrieb auch an der „Expendables“ Reihe mit und ist dementsprechend jemand, der mehr Interesse daran hat, MIT den Klischees und Gepflogenheiten des klassischen Actiongenres zu lachen und es als cool zu feiern, anstatt es als albernen Mist einer vergangenen Ära abzutun. Die Leute, die dies wirklich tun, werden hier als unsympathische und weltfremde Hipster dargestellt. Ohnehin gehen die meisten offensichtlichen Gags hier auf Kosten Hollywoods. Der Subtilste ist vielleicht ein fast versteckter Max Landis Diss, doch die meisten gehen eindeutig in Richtung:  „Hollywood dreht nur Mist und engagiert inkompetente Regisseure“. Das ist nicht unbedingt clever oder originell, aber dafür verdammt witzig. Vor allem die Enthüllung, welchen Film van Damme letztendlich als Tarnung für seine Black Ops Mission drehen muss, ist vielleicht der größte Lacher der gesamten Folge.

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Phylicia Rashad aus der „Cosby Show“ spielt van Damme/Johnsons Boss.

Richtig gut wird der Pilot aber erst im letzten Akt, als besagte Mission losgeht. Ab hier wird die Handlung deutlich absurder und surrealer und ich hoffe, dass der Rest der Serie, falls es denn eine geben sollte, sich mehr auf geheime Missionen konzentrieren wird, die immer bizarrere Formen annehmen, bis sie in authentisch inszenierten Actionszenen enden. Denn der „Promi spielt fiktive Version von sich selbst“ Gag, wird die Serie nicht tragen können. Um noch mal auf die authentischen Actionszenen zu sprechen zu kommen: Der heimliche Star der Folge ist der Regisseur Peter Atencio. Wie schon in „Keanu“ und diversen „Key & Peele“ Sketchen, schafft er es, den Stil echter Actionfilme perfekt zu imitieren, bis es eigentlich keine Imitation mehr ist und sie außerhalb des komödiantischen Kontexts, eindeutig als „echt“ durchgehen könnten.

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Also, der erste, neue Pilot dieser Season macht durchaus Lust auf mehr. Er ist nicht perfekt und ich wünschte, das sinnlose Promigimmick wäre nicht vorhanden, aber immerhin dominiert es den Plot nicht. Und vor allem geht „Jean-Claude van Johnson“ respektvoller und oft cleverer damit um, als erwartet. Meine Stimme hat das Ding.


Bilder: Amazon

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