Stoppt das Nostalgiewichsen!

(Eigentlich wollte ich es erst „Nostalgieturbation“ nennen, aber „Nostalgiewichsen“ ist catchier.)

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Been there, done that.

Vor ein paar Tagen habe ich endlich mit „Stranger Things“ angefangen. Gute Serie. Hat vielleicht nicht gerade die originellste Handlung, ist aber gut erzählt, gespielt und inszeniert. Trotzdem gab es schon in der ersten Folge etwas, das den Gesamteindruck stark geschmälert hat. Es wird kein Hehl daraus gemacht, dass die Serie eine Hommage an einige der beliebtesten Dinge der 80er Jahre ist, doch leider wird einem dies ständig auf wenig subtile Weise unter die Nase gerieben. Vom Vorspann, über den Carpenter-esquen Synthie Score, bis zum Namedropping von „Poltergeist“, Stephen King und Co., sowie einigen viel zu eindeutig von diversen Filmklassikern inspirierten Szenen, fühlt sich „Stranger Things“ leider zu häufig wie eine Checkliste, anstelle einer Geschichte an. Zwar nicht in dem Maße, in dem mir jeder Spaß daran verdorben wird, aber wenn man mehrfach pro Folge aus demselben Grund genervt aufstöhnen muss, hat die Serie eindeutig ein Problem.

Nostalgie ist etwas Schönes. Jeder ist gerne nostalgisch. Vor allem, wenn es um die Popkultur vergangener Tage geht. Wer verbringt nicht gerne Stunden damit, mit seinen Freunden (oder manchmal auch völlig Fremden) über die Filme, Serien, Bücher, Comics und Videospiele seiner Kindheit zu quasseln? Problematisch wird es nur, wenn sich diese Nostalgie immer mehr und mehr in den Vordergrund drängt. Und das ist leider etwas, das man heutzutage in zu vielen Medien sieht.

Zu viele „Kreative“ stecken heute in der Vergangenheit fest.

Zu viele „Kreative“ stecken heute in der Vergangenheit fest. Und ich rede nicht nur von den ganzen Remakes oder oft sehr späten Fortsetzungen von Klassikern. Bei denen drücke ich sogar gerne noch ein paar Augen zu. Diese Dinger existieren zwar auch nur, um mit der Nostalgie der Zuschauer einen schnellen Dollar zu machen, aber immerhin sind sie moderne Filme, für das heutige Publikum und deren Sehgewohnheiten. Sie gehen sogar so weit, jede Form von altmodisch sein zu vermeiden. Das Resultat ist nicht immer gut und oft liegt es auch an deren „Modernität“, aber selbst ein komplett zynischer, platter und geschmackloser Fehlschuss wie z.B. die „Vacation“ Fortsetzung aus dem letzten Jahr, ist mir da immer noch lieber, als wenn der Film eine blasse Kopie eines vergangenen Jahrzehnts gewesen wäre.

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Alles seine Schuld?

Ich will nicht Tarantino die Schuld geben, auch wenn die Popularität seines Nostalgiemixtapefilmemachens auf jeden Fall etwas damit zu tun hat. Vor allem junge Filmemacher leben heute zu sehr im Gestern und orientieren sich stärker an den Filmen ihrer Kindheit und Jugend, als es gut für sie und ihre Arbeit ist. Grundsätzlich ist Inspiration nichts Schlimmes. Einer meiner Lieblingsfilme, Tim Burtons „Sleepy Hollow“, ist eine einzige Hommage an die Filme der Hammer Studios und von Mario Bava. Aber man wird nicht mit „wink-wink nudge- nudge“ Momenten erschlagen, die einem: „Hey, ist das nicht genau wie bei Vorbild XY!?“ ins Gesicht brüllen. Es ist kein Geheimnis, dass George Lucas „Star Wars“ nur drehte, weil er die Filmrechte an „Flash Gordon“ nicht bekam und deshalb seine eigene, moderne Version der klassischen Filmserials erschuf. Eine Version, die nicht in der Vergangenheit feststeckte, sondern das Kino für immer veränderte. Leider wird „Inspiration“ heute zu oft mit „Kopie“ gleichgesetzt oder zumindest jede Form von Subtilität aus dem Fenster geworfen, damit das Publikum auch ja kapiert, welche Einflüsse hinter dem Film stecken. Da werden Charaktere und Orte nach Charakteren und Orten aus klassischen Filmen oder sogar dessen Machern benannt und überall hängen Plakate der Lieblingsfilme aus unserer Kindheit.

Leider wird „Inspiration“ heute zu oft mit „Kopie“ gleichgesetzt.

Ein Original Drew Struzan und keine blasse Kopie.
Ein Original Drew Struzan und keine blasse Kopie.

Apropos Plakate: Sicher, die heutigen Filmposter sind oft nur simple Fotografien der Stars. Manchmal noch nicht mal das, sondern einfach nur ein Frame aus dem Film. Darum kann ich verstehen, wenn jemand versucht, „sein“ Plakat zu etwas Besonderem zu machen, aber wenn ich noch ein so ein Ding sehe, das eine schamlose Drew Struzan Kopie ist oder wie ein altes VHS Cover aussieht, werde ich reflexmäßig so stark mit den Augen rollen, dass ich Gefahr laufe, sie zu verschlucken. Denkt euch etwas Neues aus! Wozu habt ihr denn Design studiert? Und noch schlimmer ist es ja, wenn uns irgendein Horrorfilmer einen „Throwback in die gute, alte Zeit des Slasherfilms“ verspricht und/oder sonst ein Regisseur kein Interview geben kann, ohne alle zwei Sätze die ganzen „Practical Effects“ zu erwähnen, die in seinem Film vorkommen.

Das ist etwas, das ich erst recht nicht verstehe. Wir alle wollen doch gute Spezialeffekte sehen. Und ich gebe zu, dass es erstaunlich ist, wie viele teure Filme heutzutage erstaunlich schlampige Arbeit in diesem Bereich abliefern. Von den billigen Filmen will ich gar nicht erst anfangen. Aber dann wird mit Hilfe einer extrem rosaroten Brille so getan, als wäre früher alles besser gewesen. Man ignoriert die Pappmaschee- und Gummimonster, die dicken, schwarzen Ränder um die Schauspieler vor dem Blue Screen und die ruckeligen Stop Motion Spielzeugkreaturen. Selbst John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“, das vielleicht absolute Nonplusultra in Sachen „Practical Effects“ hat den einen oder anderen schlichtweg mies aussehenden Moment vorzuweisen. Ich meine, wenn die Macher eines Filmes tatsächlich die Möglichkeit haben, toll aussehende „Practical Effects“ in ihren Film einzubauen, sollen sie es machen. Aber hört auf so zu tun, als würde die Qualität des Films einzig und alleine davon abhängen, ob die selbe Technik schon vor 30 Jahren benutzt wurde.

„Innovation statt Imitation“, sollte die Devise lauten.

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„It’s not a remake, it’s not a sequel, it’s not based on a Japanese one. It’s an Abklatsch!“

Um noch mal auf die „Throwbacks“ zurückzukommen: Gerade hier wünschte ich mir, sie würden für ihre „Freitag der 13.“ Kopie Hommage lieber Wege suchen, eine neue Form von Slasherfilm zu präsentieren, anstatt einfach nur nachzuäffen, was vorher kam. „Innovation statt Imitation“, sollte die Devise lauten. Um mal eben einen Vergleich aus einer anderen kommerziellen Kunstform heranzuziehen:  Wollt ihr euer ganzes Leben lang in eurer Garage hocken und die Songs anderer Leute nachspielen oder wollt ihr für eure eigenen Werke bekannt sein?

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Da ist es nur bezeichnend, dass die meisten Artikel über „Stranger Things“ davon zu handeln scheinen, wovon die Serie und ihre Erfinder, die Duffer Brüder, beeinflusst wurden, bzw. welche Dinge direkt in den einzelnen Folgen zitiert und referenziert werden. Ich will die Serie nicht schlechter reden, als sie ist, aber mich würde es schon ärgern, wenn ich eine derart beliebte Serie kreieren würde und alle Welt redet nur von den Dingen, an die sie meine Erfindung erinnert.

Also, liebe Kinder. Ich hoffe, wenn ihr in 20 Jahren der Welt eure Geschichten schenkt, dass sie innovativ, eigenständig und von den coolen Dingen eurer Kindheit beeinflusst, aber nicht abhängig sein werden. Denn niemand mag Nostalgiewichser.

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