Wie war eigentlich "Preacher" bis jetzt?

Dominic Cooper as Jesse Custer - Preacher _ Season 1, Episode 1 - Photo Credit: Lewis Jacobs/Sony Pictures Televsion/AMC
Don Camillo im 21. Jahrhundert

Als Erstes muss ich klarstellen, dass ich die „Preacher“ Comicreihe nie gelesen habe. Nach dem, was man so hört, ist sie verdammt gut. Einige behaupten, sie sei vielleicht etwas zu 90er, mit all der „coolen“ Gewalt und „schockierenden“ Religionskritik, aber selbst die Menschen, die dies behaupten, scheinen die Reihe zu mögen. Die Fernsehadaption war jetzt nicht das große Popkulturphänomen, das sich AMC, der Sender hinter „The Walking Dead“ und „Breaking Bad“ erhofft hatte. Und natürlich waren die Fans der Comicreihe Woche für Woche nur darüber am jammern, dass die Serie die Vorlage zu frei adaptiert. Aber mir hat es gefallen.

Nun, die erste Staffel war kein Meisterwerk, aber sie hatte ihre einzigartigen Qualitäten. Das Wort, das mir auf Anhieb in den Kopf schießt, ist: „erfrischend“. Und zwar in dem Sinne, dass es tatsächlich eine einstündige, hochwertig produzierte Fantasyserie ist, die sich selber absolut nicht ernst nimmt. Es ist keine reine Comedyserie. Sie hat immer noch genug ernste Momente. Aber die Gags sind nicht einfach nur schmückendes Beiwerk oder „Comic Relief“. Sie sind ein fester Bestandteil der Handlung.

Die erste Staffel war kein Meisterwerk, aber sie hatte ihre einzigartigen Qualitäten.

Noch in den ersten beiden Folgen war der Humor allerdings auch das größte Problem. Zu viele Gags waren einfach fehl am Platze, wie der absichtlich billig aussehende Shot vom Weltall, gleich zu Beginn oder auch die Sache mit Tom Cruise. Die Schuld daran kann man wohl eindeutig den Serienproduzenten, sowie Autoren und Regisseuren dieser beiden Folgen, Seth „Schaut mich an, ich bin ein Kiffer!“ Rogen und Evan „Ich bin Seth Rogens Kumpel“ Goldberg geben. Gerade als Freund albernster Comedy möchte ich jetzt hier nicht „Spaßpolizei“ spielen und der Welt erklären, was lustig ist und was nicht, aber mit den Werken der beiden, konnte ich mich noch nie anfreunden. Zum Glück war ihr Name von den weiteren Folgen absent, weshalb, mit wenigen Ausrutschern, der Humor auch etwas homogener in die Handlung eingebettet war. Oder die Handlung in den Humor. Irgendwie so etwas herum.

Eines meiner Lieblingselemente von Staffel 1, war die Stadt Annville, beziehungsweise deren Bewohner. Nicht nur, dass selbst die hassenswertesten Arschlöcher eine unterhaltsame Schrulligkeit an den Tag legten, die Art und Weise, wie einige von ihnen als wiederkehrende Hintergrundcharaktere benutzt wurden, erinnerte mich auch an Zeichentrickserien wie „Die Simpsons“ oder „Gravity Falls“. Natürlich etwas zynischer und schwarzhumoriger.

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PRE_100_LJ_0522_0391-RT.JPGHandlungstechnisch waren die ersten 10 Folgen von unterschiedlicher Qualität. Wie gesagt, es war eine recht erfrischende Erfahrung, doch leider litt auch „Preacher“ unter einem, in der modernen Serienlandschaft viel zu weit verbreiteten Problem. Fast alle Folgen fingen interessant, manchmal sogar atemberaubend an und endeten mit einem spannenden Cliffhanger. Aber in der Mitte passierte nicht viel. Das lässt sich sogar über die gesamte Staffel sagen. So unterhaltsam es auch war, man hätte die gesamte Handlung in der Hälfte der Zeit erzählen können und vielleicht auch sollen. Sicher, gegen Ende,fügten sich alle Puzzlestücke langsam zusammen und alles lief auf ein mehr als zufriedenstellendes Staffelfinale hinaus, aber auf der anderen Seitegab es im Mittelteil zu viel Leerlauf und es wurden zu viele Nebenhandlungen halbherzig abgefertigt. Für jeden Subplot oder Running Gag, der am Ende eine richtige Auflösung erhielt, gab es drei oder vier, die kaum Sinn ergaben oder so planlos wirkten, als hätte man sie während der Dreharbeiten improvisiert. Besonders in Auge sticht da die Sache mit „Carlos“, jenem Ex-Partner von Jesse und Tulip, der sie vor Jahren betrogen hatte. Die wedeln uns damit von der ersten Folge an vor der Nase rum und am Ende war es quasi die Definition von „Viel Lärm um nichts“.

In der Mitte passierte nicht viel.

Auch die Hauptcharaktere müssen noch einen weiten Weg gehen, um wirklich interessant zu sein. Jesse, der titelgebende „Preacher“, verbringt den Großteil der Staffel als Jammerlappen und es dauert fast bis zum Ende, bis er und sein Drang, trotz seiner dunklen Seele, Gutes zu tun und die Menschen zu bekehren, tatsächlich irgendwie ans Herz wuchsen. Tulip ist einfach nur ein Fragezeichen. Mal ist sie die coolste Person in der gesamten Serie, dann ist sie wie ein kleines Kind, das auf nervtötendste Weise um Aufmerksamkeit bettelt. Mal verbringt sie mehrere Folgen damit, gar nichts wichtiges zu tun, dann ist sie wieder der Antrieb und vor allem das Herz der gesamten Handlung. Die dankbarste Rolle ist wohl Cassidy. Nicht nur, weil der untote Tunichtgut mit seiner Slackerart extrem unterhaltsam ist, sondern auch, weil er sich nach und nach als richtig guter Freund entpuppt, der mehr zu bieten hat, als dumme Sprüche.

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Viel zu viel Zeit wurde auf Emily, Jesses rechte Hand in Kirchenangelegenheiten, verschwendet. Vermutlich sollte sie so etwas wie „die einzig gute Person“ in der ganzen Serie sein, aber ihr Charakter war so unterentwickelt, dass selbst ihre, nennen wir es mal „schockierende Sünde“ nicht wirklich schockierend war. Das unbestrittene Highlight war aber der von Jackie Earle Haley gespielte Odin Quincannon. Ein herrlich, widerlicher Antagonist, gegen den selbst Donald Trump fast schon wie ein Mann der Vernunft wirkt. Okay, der Versuch, seinen Hass auf die Kirche und vielleicht auch sein gesamtes Verhalten zu erklären, war schon etwas klischeehaft, doch dafür führte uns das zum vielleicht größten WTF-Moment, den man seit Jahren im Fernsehen sehen konnte. (Und ja, ich meine den letzten Moment mit ihm. Ich will es hier nicht spoilern.)

Immerhin, so uneben die Charaktere auch waren, die Schauspieler gaben alle ihr Bestes. Selbst die kleinsten Nebenrollen waren perfekt besetzt. Egal, was für Probleme die Serie bis jetzt hatte, die Akteure hatten keine Schuld daran.

Es war eine tief gehende Einführung, die wir bei so einer skurrilen Serie vielleicht dringend gebraucht haben

PRE_100_LJ_0520_0064-RT.JPGDas wirklich Interessante an der ersten Staffel ist aber, dass sie quasi ein 10 Teile langer Pilotfilm ist. Am Ende des Staffelfinales ist (leichter Spoiler) eines klar: Die nächste Staffel wird anders sein und alles, was wir bis jetzt gesehen haben, diente nur dazu, uns darauf vorzubereiten. Ob das wirklich so schlau war, ist eine andere Sache. Auf der einen Seite war es eine tief gehende Einführung in das Serienuniversum, die wir bei so einer skurrilen Geschichte vielleicht dringend gebraucht haben. Auf der anderen Seite wurde jetzt viel Zeit auf Handlungen und Charaktere verschwendet, die für den Rest der Handlung mit hoher Wahrscheinlichkeit komplett irrelevant sein werden.

So oder so, ich bin in der nächsten Staffel auf jeden Fall wieder vor dem Bildschirm zu finden. Die erste Runde war nicht perfekt, aber sie hat Spaß gemacht und war interessant. Und schon durch den humorvollen „Anything goes“ Ansatz, bin ich bereit, „Preacher“ so einige Mängel zu vergeben.

(„Preacher“ kann man sich in Deutschland bei Amazon Prime ansehen.)

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Fotos: Amazon / Sony Pictures Television / AMC Network

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