Nach dem Mars und dem wilden Westen, geht es nun nach „Tomorrowland“* (2015). Wie bei „John Carter“ führte ein Animationsexperte Regie. In diesem Fall Brad Bird, der Macher von u.a. „Der Gigant aus dem All“ und „Die Unglaublichen“. Nach dem vierten „Mission: Impossible“ Film, ist dies nun sein zweiter Realfilm und leider ist er nicht ganz so gut, wie sein Vorgänger. Auch hier muss gesagt werden, dass der vorliegende Film alles andere als schlecht ist, aber es gibt da so ein paar Mängel, die ihn irgendwie davon abhalten, der erhoffte Geniestreich zu sein.

*Nein, ich werde diesen Film nicht mit seinem absolut langweiligen deutschen Titel „A World Beyond“ ansprechen. Obwohl dieser besser ist, als so manch anderer deutsche Disney Titel der letzten Jahre.

tomorrowland_ver11Ich will nicht zu viel von der Handlung verraten. Der Film macht vermutlich am meisten Spaß, je weniger man darüber weiß. Das Floptum von „Tomorrowland“ wurde, wie so oft, dem Marketing zugeschrieben, aber die Trailer haben in meinen Augen einen guten Job damit gemacht, uns den Mund wässrig zu machen und schön viele Moneyshots zu präsentieren, ohne gleich alle Überraschungen zu verderben. Der Film hängt nicht wirklich von großen Twists ab, aber bei dessen Sichtung war ich froh, die eine oder andere, nicht nur visuelle Überraschung erleben zu dürfen. Die Kreativität, die hier gezeigt wird, ist eines meiner Lieblingselemente von „Tomorrowland“.

Im Groben geht es hier um Casey, einen durch und durch optimistischen und wissbegierigen Teenager (Britt Robertson, die in bester Hollywoodmanier bei den Dreharbeiten schon weit über 20 war. Auch wenn sie eigentlich ganz gut als Teenie durchgeht.), die eines Tages eine Einladung nach „Tomorrowland“ (Ich kann mich übrigens nicht daran erinnern, dass dieser Name im Film genannt wird.) bekommt. Dies ist ein Ort in der Zukunft oder einer Paralleldimension oder auf einem anderen Planeten (Ich kann mich nicht daran erinnern, dass das im Film geklärt wird.), der die klügsten und inspiriertesten Köpfe der Menschheit rekrutiert. (Und nur die der Menschheit. Keine Aliens, wie ich erkennen konnte, was entweder bedeutet, dass es im Universum dieses Films kein außerirdisches Leben gibt oder diese Genies allesamt Rassisten sind.) Scheinbar will aber jemand verhindern, dass sie je dort ankommt. Immerhin hat sie mit dem einsiedlerischen Genie Frank (George Clooney, der in mindestens 40 Minuten dieses Filmes nicht vorkommt), der schon mal in diesem Utopia für Streber war, jemanden auf ihrer Seite, der ihr hilft. Wenn auch nicht wirklich freiwillig. (Der Film beginnt übrigens auch mit Casey und Frank, die diese Geschichte als Rückblende erzählen. Vielleicht wären die drei Filme ohne diesen erzählerischen Kniff nicht gefloppt.)

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Selbst die Roboter sind hier super positiv.

Wie gesagt: Der Film strotzt von einer gewissen Kreativität, wegen der ich ihn sofort ins Herz schloss. In den Szenen, in denen wir einen wirklich guten Blick auf Tomorrowlandoderwieauchimmer und dessen Innovationen werfen können, wird schnell deutlich, dass hier ein Trickfilmgenie verantwortlich war. Es ist schwer zu erklären, aber die Art und Weise wie sich zum Beispiel die Roboter bewegen oder einfach nur, was man uns dort für Erfindungen zeigt (Mein Favorit: Der Swimming Pool mit mehreren Ebenen!), zeugen von einem „Sky is the limit“ Erfindungsreichtum, den nur jemand haben kann, der sich nie darum kümmern musste, was technisch machbar war, weil er es mit ein paar Bleistiftstrichen auf die Leinwand zaubern konnte. (Und nun das Glück hat, in einer Zeit zu leben, in der diese Dinge auch „in echt“ machbar sind.) Und die Actionszenen, vor allem der Angriff auf Clooneys Haus, besitzen eine Dynamik, die man auf der Leinwand heute nur noch selten sieht.

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Doch vielleicht der Hauptgrund, warum ich „Tomorrowland“ ins Herz geschlossen habe, ist dessen schamlose Positivität gegenüber Wissenschaft, Fortschritt und sogar der Menschheit! Ihr kennt das doch sicher. In Film und Fernsehen ist die Wissenschaft immer an allem Schuld. „Oh nein, die geklonten Dinosaurier fressen uns! Ein künstlich erzeugtes Killervirus rottet uns aus! Wir haben die Computer zu schlau gemacht und sie haben uns den Krieg erklärt! Verflucht seist du, Wissenschaft! Warum mussten wir Gott spielen!?“ Selbst in „Lone Ranger“ sagt der weise Indianerhäuptling wehmütig, dass sein Volk aufgrund des Fortschritts ausstirbt (Zugegeben: Er hat in diesem Fall nicht Unrecht!) und diejenigen, die groß von der Zukunft schwafeln, sind am Ende korrupte Massenmörder. Der Doktor (Who) ist vielleicht die einzige Person im SciFi/Fantasybereich, die uns Menschen wirklich mag, das Gute in uns sieht und an unser Potenzial glaubt. Von allen anderen fiktionalen Rassen, völlig egal ob Elben, Zauberer oder Klingonen, bekommen wir immer nur an den Kopf geworfen, wie dumm, schwach und primitiv wir doch sind. Selbst Menschen sind normalerweise nicht wirklich gut auf Menschen zu sprechen! Aber da greift „Tomorrowland“ ein!

Die Botschaft ist hier eindeutig: Wissenschaft ist geil! Kreativität und Optimismus werden uns alle retten! Und Menschen sind noch nicht mal von Natur aus böse und selbstzerstörerisch und können durch Kunst und Wissenschaft gerettet werden, wenn man ihnen die Chance gibt! Ja, Kunst! Du musst keine Rakete bauen können, um die Welt besser zu machen. Es genügt, wenn du vielleicht einfach nur tanzen oder ein Instrument spielen kannst! Das ist nicht nur für einen Familienfilm eine gute Botschaft, sondern allgemein eine Einstellung, die in unserer Zeit dringend benötigt wird.

Das bringt uns allerdings auch zu den Problemen des Films und hier muss ich leider ganz fett spoilern. Also: seid gewarnt.

spoilerwarnung

Die Motivation des Bösewichts ist schwer nachzuvollziehen. Nachdem er versehentlich den Selbstzerstörungsknopf der Menschheit gedrückt und daraufhin bemerkt hat, dass wir seine Warnungen völlig falsch verstanden und zu einer Art sich selbst erfüllenden Prophezeiung umgewandelt haben, dachte er einfach: „Scheiß drauf. Wenn sie nicht gerettet werden wollen, lasse ich sie eben verrecken.“ Das ist schon in einem gewissen Maße verständlich und gibt der Ignoranz, die Brad Bird mit seinem Film hier zu bekämpfen versucht, ein menschliches Gesicht. (Übrigens das von Hugh Laurie!) Aber warum er so versessen darauf ist, all die, die eine Chance hätten, die Apokalypse zu verhindern, aus Tomorrowland zu vertreiben und sogar so weit geht Killerroboter auf die Erde zu schicken, die im Zweifelsfall alle potenziellen Retter jagen und zu einer Staubwolke zerlasern sollen, ist nicht klar. Okay, er ist eben eine Metapher für die „Nach uns die Sinflut“ Haltung derjenigen, die es einfach nicht verstehen und jeden Fortschritt aus dummen Gründen verhindern wollen, aber er ist keine gelungene Metapher.

Und was irgendwie überhaupt nicht zur Message des Filmes passt, ist, dass er am Ende für seine Taten einen verhältnismäßig übertriebenen, aber einfach zu vermeidenden Tod sterben muss. Einer unserer Helden hätte ihn einfach nur retten müssen. Wäre es nicht viel mehr im Sinne der „Wissen ist cool“ Botschaft gewesen, wenn er am Ende eingesehen hätte, wie falsch er doch lag und was seine Dummheit alles verhindert hat? Vielleicht hätte man ihm auch eine zweite Chance geben können. Für einen Film, der Optimismus predigt, ist dieses „Auge um Auge“ nicht wirklich passend.

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Und es ist ein verhältnismäßig kleines Problem, weil es im Kontext des Films harmlos ist und Sinn ergibt, aber der romantische Subplot hier, ist zwischen George Clooney und einem kleinen Mädchen. Der Kontext ist, dass sie ein Roboter ist, der nicht altert und er sich in sie verliebte, als er selber noch ein kleiner Junge war, aber trotzdem rutscht man schon irgendwie peinlich berührt auf seinem Sessel herum, wenn man im großen Finale dabei zusieht, wie der Clooney Schorsch mit einem kleinen Kind darüber redet, wie sehr er sie liebt und es nicht als Vater/Tochter Beziehung gemeint ist.

spoilerfrei

Leider ist es auch bei „Tomorrowland“ wie in so vielen anderen Filmen der Fall, dass der Teil, in dem man versucht das Puzzle zusammenzufügen und die Helden ihre Reise antreten, viel interessanter ist, als der Teil, in dem man uns die Aufklärung serviert und die Helden ihr Ziel erreicht haben. Und so sehr ich die Pro-Wissenschaft Einstellung auch liebe, es ist oft ziemlich plakativ und schwarz-weiß-malerisch. Selbst die Lehrer an Caseys Schule haben keinen Bock mehr etwas zu unterrichten und erzählen den Schülern, wie beschissen doch alles ist. Und außer Casey scheint sich niemand für eine Problemlösung zu interessieren. Das wirkt überraschend spießig und altbacken, wie ein zweitklassiger Kinderfilm aus den 80ern. Kinder und Jugendliche schlau, Erwachsene doof! Wäre ich 20 Jahre jünger, würde mir das nichts ausmachen. Aber selbst als der amtierende Meister im „suspending of disbelief“, musste ich in einigen Szenen mit den Augen rollen. Solange diese Botschaft aber die richtigen Personen erreicht, lasse ich es noch mal durchgehen.

Wie schon vorher angedeutet, ist das Konzept vom eigentlichen Tomorrowland nicht wirklich durchdacht. Was es ist, wo es ist, wer es erschaffen hat, ob all diese coolen Erfindungen jemals auf der Erde benutzt werden oder ob dessen Einwohner sie für sich behalten, wird nie erklärt. Und in einer Szene geschieht etwas in einer real existierenden Metropole, dass eindeutig den Lauf der Geschichte ändern könnte, aber in keiner weiteren Sekunde erwähnt wird.

tomorrowland02Wie auch die beiden anderen Filme zuvor, ist „Tomorrowland“ alles andere als ein verdienter Flop. Er ist zwar der schwächste Teil der inoffiziellen Trilogie, aber keinesfalls schlecht. Und wenn nur einer der drei Filme sich in den nächsten Jahren zum lieb gewonnenen Klassiker mausern sollte, dann wird es vermutlich dieser sein. Sein Drehbuch hält zwar nicht unbedingt einer tieferen Analyse stand, aber er ist trotz seiner Mängel am kurzweiligsten und hat mit seiner Mischung aus leichtherziger SciFi Action und inspirierender Botschaft die größte Chance, Zuschauer jeden Alters zu unterhalten.

Verdient hätten es aber alle drei. „John Carter“ ist vielleicht der Film, der sich am ehesten wie ein einheitliches Ganzes anfühlt. „Lone Ranger“ ist der Originellste. „Tomorrowland“ ist der Unterhaltsamste. Man muss Disney zugutehalten, dass sie eine gewisse Risikofreudigkeit besitzen, die andere Studios nicht haben. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer so aussieht und „Disney“ in der Populärkultur aus irgendwelchen Gründen ein Synonym für „harmlose, weichgespülte Kinderunterhaltung ohne Ecken, Kanten und Innovation“ ist. Vielleicht mache ich eine neue Serie über die großen Kinoflops dieses Studios. Genug davon gibt es ja. (Und damit gehen wir wieder an den Anfang des „John Carter“ Eintrags zurück und sind in einer niemals endenden Schleife gefangen.)

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