lone_rangerGestern haben wir einen Blick auf “John Carter”, Disneys ersten kommerziellen Megaflop dieses Jahrzehnts geworfen und festgestellt, dass er wirklich gut war.  Nur ein Jahr später (2013) landete Disney mit „Lone Ranger“, von Regisseur Gore Verbinski („Fluch der Karibik“ 1-3, „The Ring“, „Mäusejagd“) aber einen noch größeren Flop. Genau wie „John Carter“, basiert dieser auf einer heute größtenteils vergessenen Reihe und hat einen jungen Schauspieler in der Hauptrolle, dem man eine große Karriere prophezeite, die nach mehreren Flops aber wohl nie geschehen wird. Hier: Armie Hammer. („The Social Network“, „Man From U.N.C.L.E.“) Aber der echte Star ist natürlich Johnny Depp, als sein indianischer Sidekick Tonto. Wer allerdings hier wirklich der Sidekick von wem ist, ist nicht so einfach zu beantworten.

loneranger07Im Jahr 1933 trifft ein kleiner Junge auf den steinalten Tonto, der sein Leben nun als Jahrmarktattraktion in einer Wildwestshow fristet. Als echter Fan von Cowboymythen, erkennt das Kind, wer er ist und Tonto erzählt ihm die Geschichte, wie er und der Lone Ranger sich kennenlernten und auf ihre erste Mission gingen. Ja, genau wie „John Carter“ ist auch dieser Film eine große Rückblende.

Der Lone Ranger ist eigentlich John Reid, ein etwas tölpelhafter Anwalt, mit dem Herz am rechten Fleck und vielleicht mehr Mut, als er sich selber zugesteht. Zufälligerweise befindet er sich im selben Zug wie der Gauner Butch Cavendish (William Fichtner in brillantem Narben-Make-Up), der auf dem Weg zu seiner Hinrichtung ist. Tonto ist als weiterer Gefangener an Bord und hat mit Cavendish ein Hühnchen zu rupfen, doch seine Rache wird durch einen Ausbruchsversuch verhindert, der in einer so vergnüglichen, wie innovativen Actionszene endet.

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Ich habe keine Ahnung, wie die das Loch in William Fichtners Lippe bekommen haben.

Als John zusammen mit seinem Bruder, dem Texas Ranger Dan (James Badge Dale), der mit Johns Jugendliebe Rebecca (Ruth Wilson aus „Suburban Shootout“ und „Luther“) verheiratet ist, Cavendish und seine Bande verfolgt, werden sie in einen Hinterhalt gelockt, aus dem scheinbar niemand lebend rauskommt. John wird aber kurz darauf von einem Seelenpferd, ja, einem Seelenpferd, ins Leben zurückgeholt und soll nun als Seelenwanderer, der im Kampf nicht getötet werden kann, für das Gute kämpfen. Sehr zum Missfallen von Tonto, der lieber den heldenhafteren Dan an seiner Seite gehabt hätte. Aber mit einem Seelenpferd lässt sich nicht diskutieren, also machen Tonto und der von allen für tot gehaltene John, der seine Identität nun widerwillig hinter einer Maske versteckt, sich auf, Cavendish und seiner Bande das Handwerk zu legen. So ganz nebenbei decken sie auch noch eine große Verschwörung in der Eisenbahnindustrie auf.

„Lone Ranger“ sorgte schon vor Beginn der Dreharbeiten für Schlagzeilen, als das Budget derart ausser Kontrolle geriet, dass Disney den Stecker zog. Einige Monate und eine heftige Drehbuchüberarbeitung später, ging es dann offensichtlich doch noch vor die Kamera. Als der Film dann endlich auf den Leinwänden zu sehen war, wurde er zum Lieblingswatschenmann der Kritiker. Ich will nicht behaupten, dass der Film ein perfektes Meisterwerk ist, aber er ist sehr weit vom Status des peinlichen Müllhaufens entfernt, als der er abgestempelt wurde. Das vielleicht größte Problem, ist ein etwas uneinheitlicher Ton. „Lone Ranger“ will einerseits ein vergnügliches Actionabenteuer im „Fluch der Karibik“ Stil, mit verschiedenen Slapstickeinlagen sein, wird aber oft sehr düster, melancholisch und brutal. Hinzu kommt eine gewisse Unentschlossenheit, bezüglich der Fantasyelemente. In der Drehbuchfassung, die wegen zu hoher Kosten aus dem Fenster geworfen wurde, waren die Schurken Werwölfe. Im fertigen Film sind sie nur Menschen, auch wenn Tonto Cavendish aufgrund eines Kindheitstraumas für einen Wendigo hält und es sogar eine Szene gibt, in der dieser jemanden das Herz herausschneidet und isst. Darauf wird aber nicht weiter eingegangen. Genauso wenig darauf, wie und warum deren Taten die Natur aus dem Gleichgewicht bringen und unter anderem flauschige Hasen zu Kannibalen werden lassen.

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Auch für Perverse hat dieser Film genug Platz.

Es gibt für einen Familienfilm auch überraschend viele Tote. Vielleicht nicht mehr als in den klassischen Western, die wir uns ja auch als Kinder angesehen haben und es ist nicht so, dass viel Blut oder auch nur ein Tropfen Gehirnmasse sichtbar durch die Gegend spritzt, aber der Bodycount ist schon ziemlich hoch und es gibt mittendrin ein Massaker an einem Indianerstamm, das einem wirklich die gute Stimmung vermiest. (Ich frage mich ernsthaft, wie knapp der Film an einer Freigabe ab 16 vorbeigeschrammt ist.) Schon die „Fluch der Karibik“ Filme hatten einige überraschende Härten, wie von Krähen in Großaufnahme herausgepickte Augäpfel, Massenhinrichtungen mit Kindern oder Kehlendurchschnitte mit extramatschigen Soundeffekten, aber hier fühlt sich alles eine Spur düsterer und konsequenter an. Vermutlich aufgrund des fehlenden Fantasykontextes. Was weiß ich?

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Trotzdem kann ich „Lone Ranger“ einfach nicht böse sein. Der Film macht, trotz des wackeligen Tons, zu viel Spaß! John und Tonto sind ein hervorragendes Team wider Willen. Das Casting von Johnny Depp als amerikanischen Ureinwohner, verursacht heute noch viel Kritik. Ob er wirklich indianische Vorfahren hat und wie rein sein Blut sein darf, um so eine Rolle spielen zu dürfen, sei mal dahingestellt. (Oder dass er 1997 schon in „The Brave“ einen gespielt hat und es niemanden störte.) Auf der einen Seite wurde natürlich mal wieder ein ethnische Rolle mit einem Weißen besetzt, aber auf der anderen Seite wird als (absolut richtiges) Gegenargument zum „Whitewashing“ ja immer angeführt, dass man den besten Schauspieler nehmen soll, völlig egal, welche Hautfarbe er hat oder woher er kommt. Tut mir leid, aber Johnny Depp war die richtige Wahl. Wie ich schon mal an anderer Stelle erwähnt habe, ist der Mann ein Ausnahmeschauspieler, der immer noch einen Schritt weiter geht, als der durchschnittliche Otto Normalschauspieler. Und auch die Rolle des Tonto selbst ist weniger stereotyp, als es oft bemängelt wurde. Sein oft bizarres und weltfremdes Verhalten, hat sogar ziemlich tragische Hintergründe, während die „normalen“ Ureinwohner als würdevoll und tragische Opfer eines Genozids dargestellt werden. Zudem ist Tonto ein echt cooler Actionheld, der immer einen klaren (so weit es bei ihm möglich scheint) Kopf behält und die bemerkenswertesten und heroischsten Dinge tut, während der titelgebende Lone Ranger oft ein weinerliches Weichei ist.

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Die zwei Namen, die mir in dieser Angelegenheit durch den Kopf schießen, sind „Big Trouble In Little China“ und „Shore Leave“. Bei Ersterem handelt es sich natürlich um den John Carpenter Klassiker, in dem Kurt Russel zwar der Protagonist, aber nicht der Held ist. Er spielt eigentlich den ungeschickten und leicht dummen Sidekick, während sein asiatischer Freund der mutige und kompetente Held der Geschichte ist. Bei Shore Leave handelt es sich um einen Charakter aus „The Venture Bros“. Ein Geheimagent, der auf den ersten Blick wie eine Zusammenfassung der tuckigsten Schwulenklischees der letzten Jahrzehnte scheint, Matrosenuniform und nasale Stimme inklusive. Aber schon nach kurzer Zeit wird klar, dass Shore Leave ein echter Badass ist. Ein kaltblütiger Killer, einer der Besten in seiner Branche, jemand, der sich von niemandem etwas gefallen lässt und seine Homosexualität so stolz mit sich herumträgt, dass er vielleicht ein besseres Vorbild ist, als viele „sichere“ Darstellungen in unserer Kultur.

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Not your father’s Western.

Für mich ist der eigentliche Star von „Lone Ranger“ aber Regisseur Gore Verbinski. Dieser Mann hat mit den „Fluch der Karibik“ Filmen, Regie bei einer der erfolgreichsten Trilogien aller Zeiten geführt, ist aber immer noch schmerzhaft unterbewertet. Einer meiner Lieblingsmomente der Reihe, ist das Finale von Teil 2, in dem sich erst ein Dutzend Charaktere quer über eine Insel duellieren, gefolgt vom Angriff des Kraken, bei dem scheinbar tausend Tentakel fast die komplette Besatzung eines Schiffes dezimieren, ohne, dass es auch nur zu einer Sekunde unübersichtlich oder langweilig wird. Und genau so ist „Lone Ranger“. Nicht nur in den Actionszenen hat der Film eine Million origineller Einfälle und Charaktere, aber es muss erwähnt werden, dass die letzte, große Actionszene, die auf zwei fahrenden Zügen und diversen abgekoppelten Waggons spielt, eine der innovativsten und aufregendsten aller Zeiten ist. Ich habe keine Ahnung, wie die das gedreht haben und ich kann mir vorstellen, dass es die Hölle gewesen sein muss, die Storyboards für diese Sequenz zu zeichnen.

Wie gesagt, man kann trotz aller Mängel sehr viel Spaß mit diesem Film haben. Was wie ein angestaubter Western wirkt, der auf einer Serie basiert, die vielleicht für unsere Großeltern relevant war, ist eines der originellsten und unterhaltsamsten Actionabenteuer der letzten Jahre. Es wäre vielleicht klüger gewesen, den Film unter dem Touchstone Pictures Label, über das Disney jahrzehntelang wenig familienfreundliche Ware wie „The Crow“, „Con Air“ oder „Starship Troopers“ veröffentlichte, zu vermarkten und vielleicht hätte man das Drehbuch noch ein weiteres Mal umschreiben sollen, aber wer einen visuell brillanten, mit originellen Ideen und Actionszenen vollgestopften Film sucht, der auch noch eine relevante Botschaft über die Behandlung amerikanischer Ureinwohner zu bieten hat, darf hier zugreifen.

Wer es doch lieber etwas familienfreundlicher, aber immer noch gesellschaftlich relevant haben möchte, greift zu dem Film, über den ich morgen spreche.

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