Disney hatte zuletzt nicht immer Glück mit ihren Realfilmen. Die Trickfilme laufen (zur Zeit wieder) wirklich gut und wenn es eine Live Action Version eines ihrer animierten Klassiker ist oder es sich um Piraten aus der Karibik handelt, können sie sich auch nicht beschweren. Aber es gab da zuletzt ein paar ziemlich derbe finanzielle Misserfolge für das Maushaus. Okay, nicht nur zuletzt. Bei genauerer Betrachtung, hatte Disney im Laufe der Zeit mit so viel verheerenden kommerziellen Misserfolgen zu kämpfen, dass man sich wundern muss, dass sie überhaupt das Geld für Marvel und Lucasfilm hatten! Geschweige denn, warum sie sich nicht einfach 100% auf Trickfilme konzentrieren, da das Realfilmgeschäft ja nicht wirklich gut zu ihnen war.

Zum Beispiel gab es da „Das schwarze Loch“ aus dem Jahr 1979. „Schreie der Verlorenen“ aus dem Jahr 1980. „Tron“, „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“, „Der Drachentöter“, „Condorman“, „Oz- Eine fantastische Welt“, „Rocketeer“, „Newsies“, „Hocus Pocus“, „Operation Dumbo“, „Captain Ron“, „Sky High“, „Tron: Legacy“, „The Alamo“ und so weiter und so weiter. Einige Filme haben einfach nur „underperformed“, wie es im Fachjargon heißt und haben keine wirklichen Löcher in Disneys Kassen gerissen, dafür diese aber auch nicht nennenswert aufgefüllt. Und überraschend viele davon, sind Heute trotz ihres Misserfolges beliebte Klassiker! Aber einige waren so derart teure Flops, dass sie aufgrund dessen tatsächlich Filmgeschichte schrieben! Und alleine in diesem Jahrzehnt hatte Disney gleich drei von ihnen!

john_carter_ver2Der Erste ist „John Carter“ (2012), das Realfilmdebüt vom „Findet Nemo“ Regisseur Andrew Stanton und die Verfilmung einer der einflussreichsten Science Fiction Romanreihen aller Zeiten. Veröffentlicht wurde der erste Teil, „Die Prinzessin vom Mars“ im Jahre 1912 und verfasst wurden er und die weiteren Teile vom „Tarzan“ Erfinder Edgar Rice Burroughs. Auch wenn die heutige Generation von Science Fiction Fans vermutlich nicht mehr so viel damit anfangen kann, sind dessen Einflüsse und Ideen in dutzenden, vielleicht hunderten Geschichten zu finden. Inklusive „Star Wars“ und „Avatar“.

Es ist schwer zu glauben, dass es tatsächlich 100 Jahre dauerte, bis jemand eine offizielle Filmversion auf die Beine stellte, aber es ist nicht so, dass es niemand versucht hätte. Schon in den 30ern gab es Pläne für eine Zeichentrickversion, die aber nie über einzelne Testaufnahmen hinausging. Das Ganze hätte ungefähr so ausgesehen:

Später versuchte unter anderem Special Effect Legende Ray Harryhausen eine Verfilmung zu produzieren. In den 80ern hatte Disney schon einmal die Rechte an der Reihe und „Stirb Langsam“ Regisseur John McTiernan sollte einen Film mit Tom Cruise in der Hauptrolle drehen. Der vielleicht größte Fortschritt kam, als „Ain’t It Cool News“ Chef Harry Knowles um 2005 herum (plus minus ein oder zwei Jahre) die Filmrechte erwarb und es eine Zeit lang tatsächlich so aussah, als würden die Dreharbeiten jeden Moment anfangen. Doch als erst Robert Rodriguez vom Regieposten zurücktrat, dann „Sky Captain“ Macher Kerry Conran und danach Jon Favreau (der immerhin stattdessen „Iron Man“ drehte), war auch dieser Versuch gestorben. Dann schnappte sich Disney wieder die Rechte und das Ergebnis findet ihr in der Videothek eures Vertrauens.

Ich hoffe, die nehmen das rote Disneylogo auch für ihren ersten Film ab 18!

Ich hoffe, die nehmen das rote Disneylogo auch für ihren ersten Film ab 18!

Aber worum geht es in „John Carter“? Um John Carter (Taylor Kitsch). Der ist ein Soldat, der im amerikanischen Bürgerkrieg zu viel gesehen und verloren hat und jetzt einfach nur in Ruhe nach Gold schürfen will. Allerdings erfahren wir vorher, dass auch auf dem Mars Krieg herrschte und der Tyrann Sab Than (Dominic West) von einer geheimnisvollen dritten Partei (in Gestalt von Mark Strong) eine Wunderwaffe überreicht bekam, mit der er über den Planeten herrschen soll. Dann erfahren wir, dass John Carter auf der Erde gestorben ist und sein Neffe Edgar Rice Burroughs (Daryl Sabara aus „Spy Kids“) als Alleinerbe eingesetzt ist. Im Tagebuch seines Onkels liest er schließlich von den Ereignissen, die zu seinem Tod führten.

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Ja, der Film beginnt mit einer Rückblende und dann noch einer Rückblende, die eine weitere Rückblende enthält. Nach diesem etwas zähen Beginn, wird es aber schnell besser. John wird von einer Gruppe Soldaten, angeführt von Bryan Cranston, gefangen genommen, aber es gelingt ihm zu fliehen. Auf der Flucht landet er in einer Höhle und wird dort auf den Mars teleportiert, wo er, dank dessen geringerer Schwerkraft, nicht nur superweit springen kann, sondern auch übermenschliche Kraft besitzt. Ab hier die Kurzfassung: Er trifft auf verschiedene Alienrassen, wie z.B. die großen, grünen, vierarmigen Thark, verliebt sich in die Prinzessin einer menschenähnlichen Rasse und wird nach einigem Zögern, der größte Held, den der Mars je gesehen hat.

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Die Thark sind vom Einspielergebnis unbeeindruckt.

Es gibt viele Theorien, warum der Film gefloppt ist. Die offensichtlichste ist der „Kenne ich schon“-Faktor. Wie gesagt, Teile der Geschichte wurden dutzendfach anderswo recycelt und so kurz nach „Avatar“ wollte das Publikum vielleicht nicht noch einen Film über einen Ex-Soldaten, der auf einem anderen Planeten zum Volkshelden wird, sehen. Dem Marketing wird auch die Schuld gegeben, was schon etwas wahrscheinlicher ist. Die Poster waren langweilig und die Trailer ließen den Film nach weniger Spaß aussehen, als er ist. Kompletter Bullshit ist aber die Vermutung, dass das Publikum keine Ahnung hatte, wer John Carter ist. Ich meine, natürlich wussten viele es nicht, aber in guten 95% aller Filme wissen die Zuschauer nicht, wer der Protagonist ist, bevor sie sich seinen Film ansehen! Es gab eine Zeit, in der niemand Indiana Jones kannte. Iron Man war nur eifrigen Comiclesern bekannt und es störte niemanden, dass John Wick nicht auf einer Vorlage basierte.

Doch die Frage nach dem warum, ist müßig. Passiert ist passiert. „John Carter“ ist hart gefloppt, aber er hat es nicht verdient. Der Film ist wirklich gut und fühlt sich trotz seiner klassischen und oft geplünderten Vorlage, frisch und einzigartig an. Ein großer Kritikpunkt war, dass die Handlung angeblich zu kompliziert sei, aber auch hier scheint es mir eher ein Fall von „Legt Euer Handy weg und schaut gefälligst auf die Leinwand!“ zu sein. Der Film ist voll vom klassischen „Show, don’t tell“ und schon bevor er auf dem Mars landet, lernen wir genug über John Carter, ohne dass es jemand für uns buchstabiert. Zu sehen, wie er versucht einem Mann das Leben zu retten, vor dem er eigentlich flüchtet, sagt mehr über Johns Charakter, als jede Form von Dialog es könnte. Auch über die Thark und deren Kultur wird nicht viel erklärt. Wir sehen sie stattdessen einfach tun, was sie so tun und lernen innerhalb von fünf Minuten alles Wissenswerte. Sicher, es gibt auch einige Momente von „Das erklären wir in der Fortsetzung“. Dass die Thern, jene geheimnisvolle dritte Partei im Marskrieg, schon seit Ewigkeiten das Weltall erobern, ohne dass es jemand merkt, indem sie andere manipulieren, ist klar. Das „warum“, bzw. was sie davon haben, durchs All zu ziehen, Kriege zu manipulieren und so die einzelnen Planeten zu vernichten, ist unklar. Trotzdem funktioniert der Film wirklich gut als eigenständiges, in sich abgeschlossenes Science Fiction Epos, bei dem sich alle Teile der Handlung gut zusammenfügen.

Sieht zum fürchten aus, ist aber ganz lieb.

Sieht zum fürchten aus, ist aber ganz lieb.

Was mich vielleicht bei der ersten Sichtung am meisten überrascht hat, war, wie viel Humor es hier gibt. Die umstrittenen Trailer legten mehr Wert auf die eindrucksvollen Bilder und großen Schlachten. Es wird oft düster und es wird auch viel gestorben (wenn auch innerhalb der normalen FSK 12 Grenzen), aber „John Carter“ findet immer Zeit für Spaß an den richtigen Orten. Schon Johns verschiedene Fluchtversuche am Anfang sind überraschend witzig. Der Running Gag um ein Missverständnis bezüglich Johns Namen, zieht selbst am Ende des Films noch und dieser Space Mops, der John als sein Herrchen adoptiert, sorgt für mehr Lacher, als man anfangs denkt.

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Taylor Kitschs fehlendes Charisma wurde oft kritisiert, aber eigentlich macht er einen guten Job als Superheld wider Willen. Er ist hier definitiv überzeugender als in „Battleship“. Lynn Collins macht das Beste aus ihrer Rolle als Marsprinzessin. Sie kommt klischeebeladener rüber, als es wohl gedacht war (Eine wunderschöne aber mutige, kampferprobte und gebildete Frau, die sich nicht dafür schämt, dann doch von einem Mann gerettet zu werden), aber im Pulpkontext dieses Films, stört es nicht. Dominic West darf als Schurke viel grimassieren und schreien und Mark Strong spielt einen so würdevollen und ruhigen, meistens im Hintergrund agierenden Superbösewicht, wie man es von ihm erwartet. Willem Dafoe spielt Tars Tarkas, den Anführer der Thark, aber da er durch eine (herrlich Pixar-esque) Computeranimation ersetzt wurde, ist von seiner Performance nur die Stimme übrig. Auffallend ist, wie viele gute Schauspieler hier in Nebenrollen verschwendet werden. Bryan Cranstons Auftritt kann man bestenfalls als größeren Cameo bezeichnen und Ciaran Hinds und James Purefoy sind wohl nur deshalb in diesem Film, weil sie auch in den Fortsetzungen dabei gewesen wären.

Man muss sagen, dass „John Carter“ vielleicht nicht wirklich innovativ ist, aber er schämt sich nicht dafür, zu sein was er ist. Eine altmodische, in jeder Sekunde unterhaltsame Science Fiction Heldensaga, mit Schwerpunkt auf „Fiction“. Eine Maschine, die aus alten Teilen gebastelt wurde, aber hervorragend läuft.

Und morgen rede ich über den noch viel größeren Kassenflop des Folgejahres.

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