Okay, letzte Runde in Staffel 1 und dies mal wieder mit sehr zwiespältigen Ergebnissen. Wir hätten da zweimal vermeintlich harmlose Menschen als Killer wider Willen und einmal spektakuläres Verschwörungsgedingse.

In „Wiedergeboren“ wird ein kleines Mädchen, das ihre Eltern sucht, von einer Polizistin aufgegabelt und aufs Revier gebracht. Als sie es zwecks Personalienaufnahme an einen ihrer Kollegen weiterreicht, springt dieser nach kurzer Zeit aus dem Fenster. Das Mädchen behauptet zwar, ein geheimnisvoller Mann hätte ihn rausgeworfen, aber es war niemand sonst im Raum.

Wiedergeboren01

NICHT GRUSELIG! Das ist nur ein Kind, das blöd aus der Wäsche schaut.

Um es kurz zu machen: Ja, das kleine Mädchen ist so etwas von nicht unschuldig an dem Tod des Polizisten. Oder vielleicht doch. Alles Ansichtssache. Auf jeden Fall war dies nicht ihr letzter, durch Gedankenkraft verursachter Mord und alle Opfer waren wohl schmutzige Cops, die in den Mord eines ihrer Kollegen verwickelt waren.

Ich springe mal zur nächsten Folge, „Roland“, in der der grandiose Zeljko Ivanek den geistig behinderten Hausmeisters eines Labors spielt, in dem ein neuartiges Düsentriebwerk entwickelt wird. Doch der scheinbar so harmlose Mann ist wohl nicht wirklich harmlos. Erst sorgt er dafür, dass einer der Wissenschaftler in der Turbine landet, dann ergänzt er seelenruhig die Formel, an der sich alle Anderen seit Jahren die Zähne ausbeißen.

Im Endeffekt geht es sowohl in „Wiedergeboren“ als auch in „Roland“ darum, dass jemand, den man nie verdächtigen würde, durch äußere Einflüsse zum Serienkiller wird. In der ersten Folge schrillen alle meine Alarmglocken, weil ich, wie schon mehrfach erwähnt, Killerkinder schlichtweg hasse. Es ist ein abgenudeltes Klischee und wie die Blagen immer versuchen, durch emotionslose oder böse Gesichtsausdrücke Furcht einflößend zu wirken, verursacht bei mir nur Lacher und Augenrollen. Schauspielerisch besser, wenn auch aus anderen Gründen etwas fragwürdig, ist Zeljko Ivanek. simplejackSeine Paraderolle ist das zwielichtige Arschloch in einer Autoritätsposition. Politiker, Ärzte, FBI, CIA, Anwälte. Ihn in einer derart ungewohnten Rolle zu sehen, gibt „Roland“ noch mal einen Schub an Unterhaltungswert, auch wenn seine Darstellung schon ziemlich „Hollywood“ rüberkommt und Erinnerungen an „Tropic Thunder“, wo genau solche Darstellungen kritisiert und parodiert wurden, wachruft.

Roland01

Dieser Bart soll echt sein. Ist den Maskenbildnern das Geld ausgegangen?

Beide Episoden sind ziemlich austauschbar. Das Mädchen wird vom Geist eines ermordeten Cops besessen (Auch wenn hier von Reinkarnation die Rede ist), Roland wird vom tiefgefrorenen Gehirn seines Zwillingsbruders kontrolliert. „Roland“ bekommt also den Bonuspunkt für Abgedrehtheit. Der wird aber gleich wieder für den billigen, falschen Bart eben dieses Bruders wieder abgezogen. Dann gebe ich ihn aber wieder zurück, für einen sehr kreativen Mord, der einige Jahre später sogar für „Jason X“ abgekupfert wurde. Aber beide Folgen sind so uninteressant wie unoriginell und zudem, selbst für eine Serie, die sich um „das Unerklärliche“ dreht, mit zu vielen Logiklöchern vollgestopft.

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Das Staffelfinale „Das Labor“ beendet das erste Jahr dann aber auf hohem Niveau. Nicht „Das Nest“ oder „Eis“ hoch, aber hoch genug. Die erste Szene brachte mich zum schmunzeln, weil es ein Moment, wie aus einer 80er Jahre Cop Serie war. Polizisten jagen ein Auto, spektakuläre Sprünge über Hügel inklusive. Da fehlte nur noch die Fahrt durch eine, zufällig über die Straße getragene Glasscheibe oder einen Stapel Pappkartons. Es wird aber schnell besser. Der Verdächtige hat nicht nur keinerlei Probleme damit, mit dem Schlagstock bearbeitet zu werden, er ist scheinbar auch immun gegen Taser und blutet grün! All das landet aber erst auf Mulders Radar, als „Deep Throat“ in darauf aufmerksam macht.

daslabor01Was folgt, ist ein spannender Verschwörungsthriller, in dem schockierende Geheimnisse aufgedeckt, Beweise vernichtet und selbst der Sieg am Ende nicht ohne Verluste vonstattengeht. Die bisherigen Mythologiefolgen von „Akte X“ waren von wechselhafter Qualität, aber das war die Erste, die mich wirklich von Anfang bis Ende gefesselt hat. Sie lässt zwar kaum ein Klischee aus (ist doch wohl klar, dass unbeteiligte Mitwisser sterben müssen!), aber es ist eindeutig, dass Chris Carter versucht hat, sein Publikum dazu zu bringen, bei der nächsten Staffel wieder einzuschalten. Selbst die Typen wie ich, die noch nicht wirklich wissen, ob sie die Serie mögen oder nicht. Ich habe in all den Jahren sehr oft hören müssen, dass der Alien-/Regierungsverschwörungsplot von „Akte X“ zu sehr in die Länge und an den Haaren herbeigezogen ist und am Ende völlig unbefriedigend endet, aber ich hoffe, das ist einfach nur wieder unwahrer Nerdpopulismus und es in Wahrheit spannend bleibt.

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Als Ganzes betrachtet, waren die letzten 24 Folgen eine solide erste Staffel. Vor allem für eine über 20 Jahre alte Serie, dessen Status als innovatives Meisterwerk aufgrund unzähliger Imitationen gelitten hat. Es gab ein hohes Maß an weniger guten Folgen, aber dafür waren die guten Folgen oft verdammt gut! Und selbst die schlechten Folgen hatten immer zumindest ein paar gute Momente zu bieten. Mal schauen, wie Staffel 2 wird. Wird es eine von den Staffeln sein, in denen der Glanz des Neuen abblättert, bis nur noch Rost zum Vorschein kommt oder wird sich die Serie neu erfinden? Der Rest der Welt weiß es schon. Ich finde es früh genug heraus.

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