Filmkritik: Turbo Kid

“Turbo Kid” ist schon seit ein paar Monaten in unseren Videotheken zu finden, aber nach langem Zögern, habe ich ihn mir endlich angesehen. Zu meiner Überraschung ist er nicht schlecht.

In der fernen Zukunft des Jahres 1997* durchstreift ein namenloser Teenager (“Degrassi” Star Munro Chambers) das durch Krieg und sauren Regen verseuchte Ödland nach interessanten Dingen, die sich gegen frisches Wasser eintauschen lassen. Seine einzige Ablenkung vom tristen post-apokalyptischen Leben, sind alte, prä-apokalyptische Comics, in denen der Superheld “Turbo Rider” gegen fiese Roboter kämpft.

Du hast 'nen Freund in mir...
Du hast ’nen Freund in mir…

Bis ihm eines Tages die überenthusiastische, irgendwie ziemlich schräge und leicht nervige
Apple (Laurence Leboeuf) begegnet und er sie einfach nicht mehr los wird! Doch gerade als ihm klar wird, dass er seine neue Zwangskumpanin eigentlich gut leiden kann, wird sie von Schergen des wahnsinnigen Warlord Zeus (Natürlich der legendäre Michael Ironside) gekidnappt. Da trifft es sich gut, dass unser Held über die Leiche eines “Turbo Rider” erstaunlich ähnlich sehenden Astronauten stolpert, der eine sehr effektive Laserwaffe mit sich führt. Zeit, für den namenlosen Teenager zum Helden der Apokalypse zu werden!

*Zugegebenermaßen ein wenig origineller Gag, aber dafür ein lustiger.

Nur ein weiter Arbeitstag nach der Apokalypse

Einer der Gründe, warum ich mich ein bisschen davor geziert habe, mir “Turbo Kid” früher anzusehen, ist, dass er von den Trailern her schwer einzuschätzen war. Einerseits wirkte er wie ein Film, mit dem man sehr viel Spaß haben kann. Andererseits wirkte er auch wieder wie so ein glorifiziertes YouTube Video Marke “Kung Fury”, das jeden drittklassigen “Robot Chicken” Sketch wie “The Venture Bros” aussehen lässt und höchstens von 12 jährigen und/oder Kiffern gemocht werden kann. Zum Glück ist der Film überraschend sehenswert.

Alles ist besser mit Michael Ironside.

Der größte Pluspunkt von “Turbo Kid”, ist, dass die Macher das Endzeitgenre, mit all seinen Klischees und Mängeln eindeutig liebten und uns deshalb nicht ständig “Lol, waren diese Filme nicht Scheiße!?” ins Gesicht brüllen. In der heutigen, zynischen Zeit, in der es schon fast illegal scheint, wenn man etwas tatsächlich mag und nicht alle fünf Minuten eine abfällige Bemerkung darüber loslässt, selbst wenn man sich als Fan bezeichnet, ist es wirklich erfrischend einen Film zu sehen, dessen Botschaft eindeutig ist: “Ja, die Filme waren schon irgendwie albern, aber wir lieben sie trotzdem!”

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Und weil die Macher das Genre so lieben, ist dies auch keine richtige Komödie. Ausserhalb der herrlich übertriebenen Splatterszenen** gibt es nur wenige echte Gags. Den Großteil seines Humors bezieht “Turbo Kid” daraus, dass es ein mehr oder weniger typischer Endzeitfilm ist. Ein Film, den man schon in den 80ern in der Videothek oder Nachts im Privatfernsehen hätte finden können.  Man soll mitlachen, wenn sich z.B. die ganze Welt fast wie in “Solarbabies” nur noch auf BMX Rädern fortbewegt, aber der Film stoppt nie, um mit dem Finger auf den Handlanger mit der Totenkopfmaske zu zeigen und dem Publikum zuzurufen: “Schaut mal her! Ist das nicht verrückt!?” Keiner der Schauspieler spielt seine Rolle lustig. Mit Ausnahme von Laurence Leboeuf, aber ihre Rolle ist erstens so angelegt und zweitens ist Apple, beziehungsweise die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten, das Herzstück des Films. vlcsnap-error126

**Der Film ist  extrem blutig, aber tatsächlich ab 16! Könnte jetzt endlich mal jemand Peter Jacksons “Braindead” von der Verbotsliste holen?

Ja, der Film hat jede Menge Herz. Zwar wird ihn sich niemand deswegen ansehen, aber auch wenn die Zelebrierung eines (fast) vergessenen Filmgenres und die dutzenden Splattergags die Hauptverkaufsargumente sind, erzählt der Film eigentlich von der Freundschaft zwischen zwei einsamen Personen in einer Welt, in der es keinen Grund zum Leben gibt.  Man könnte diesen Teil des Films beinahe 1:1 in ein Teenagerdrama ohne Apokalypse, Tyrannen und Science Fiction Waffen verpflanzen. Aber eben nur fast, doch ich will nicht zuviel verraten.

So sehr ich die (augenzwinkernde) Ernsthaftigkeit und Bodenständigkeit liebe, mit der “Turbo Kid” seine Geschichte erzählt, leider ist sie auch dessen größtes Problem. Der Film ist dummerweise ziemlich langweilig. Ein Erzähltempo ist kaum vorhanden und auch wenn man dank der Liebenswürdigkeit der Protagonisten durchaus an dessen Schicksal interessiert genug ist, um wissen zu wollen, wie es endet, fühlen sich die 90 Minuten fast wie 2 1/2 Stunden an.  Da wäre es mir tatsächlich lieber gewesen, wenn “Turbo Kid” eine echte Komödie wäre. “Black Dynamite” hat zum Beispiel erst vor ein paar Jahren wieder gezeigt, dass eine ehrliche Liebeserklärung an ein Filmgenre auch mit 20 Gags pro Minute daherkommen kann.

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Auch musikalisch hätte man sich mehr an diesem Blaxploitationkracher orientieren sollen. Die Musik dort war authentischer 70er Jahre Funk, der dem Film nur noch mehr Energie verlieh. Das Synthiegedudel in “Turbo Kid” hingegen klingt zwar halbwegs okay, ist aber so derart frei von Atmosphäre oder nennenswerten Melodien, das nichts im Ohr hängen bleibt. Vor allem klingt in der heutigen Zeit jeder dritte Hipsterpopband genau so. Noch schlimmer: Es wirkt, als wäre die Musik noch nicht mal für diesen Film geschrieben worden! Der Score scheint oft so völlig losgelöst von den Bildern, das man sich fragt, ob da am Ende kein Geld mehr für einen vernünftigen Komponisten übrig war und man einfach willkürlich irgendwelche Retrosynthschleifen hingeklatscht hat.

Trotzdem, am Ende mag ich den Film schon irgendwie. Wie schon dutzendfach erwähnt, ist dieses Ding wirklich liebevoll gemacht, ohne auch nur einen Hauch von Zynismus, Sarkasmus oder “OMGLOLREDDITWIRDDASLIEBENUNDESWIRDEINKULTHIT!!!!” Ob es wirklich ein Kulthit wird, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Persönlich glaube ich, dass dessen Mängel den Film seines Wiederanschauungswertes berauben. In fünf bis zehn Jahren ist er vielleicht schon genau so obskur wie viele echte Endzeitfilme der 80er und wir hören nur noch von ihm, wenn das nächste “Mad Max” Sequel kommt und alle Blogs ihre “10 gute Endzeitfilme, bei denen George Miller nicht Regie führte” Listen erstellen. Es kann aber auch sein, dass er zu einer Institution im Pay TV und Privatfernsehen wird (SyFy und Tele 5, ich sehe in Eure Richtung!) und eine ganze Generation sich im Jahre 2026 oder 36 so daran erinnert, wie wir z.B. “Masters Of The Universe” oder Bud Spencer Filme lieben. Beides wäre mir Recht. Es ist schön, dass “Turbo Kid” existiert, aber er wird wohl keinen besonderen Platz in meinem Herzen einnehmen.

(NSFW Trailer!)

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