Blödes goldenes Zeitalter

Früher war die Serienwelt öde und langweilig. Alle Probleme wurden in einer Stunde oder weniger gelöst und völlig egal wie oft Jessica Fletcher mit einer Waffe bedroht wurde, wir wussten, dass sie nie sterben würde. Doch nun befinden wir uns im sogenannten „Goldenen Zeitalter des Fernsehens“! Soll heißen: Alles ist besser als damals. Gut, es gibt immer noch sogenannte „Procedurals“, in denen in jeder Folge eine abgeschlossene Geschichte erzählt wird, aber das sind minderwertige Relikte eines vergangenen, nicht goldenen Zeitalters des Fernsehens angesehen.

Als erstes mal sind diese Serien nicht so hochkarätig besetzt, wie die Hochglanzproduktionen von HBO, Showtime und Co. Ein Nathan Fillion ist halt kein Kevin Spacey. Beide sind in ihrer Rolle gut, aber der Typ aus „Firefly“ ist halt keine automatische Schlagzeile wie „OSCARPREISTRÄGER ÜBERNIMMT HAUPTROLLE IN NETFLIX SERIE!!!!“ Und wir alle wissen ja, dass Filmstars bessere Schauspieler als Fernsehstars sind, nicht wahr? Sonst würden sie schließlich echte Kinofilme drehen!

Dann sind natürlich auch die Budgets viel höher. Mit dem Geld, das HBO in eine Folge „Game Of Thrones“ pumpt, kann man vermutlich eine halbe Staffel „NCIS“ drehen. Schließlich muss man ja auch die besseren Schauspieler bezahlen und mit den Schultheaterkulissen der Networks will man ja auch nichts zu tun haben. Natürlich muss man ja auch die Autoren bezahlen. sarcasmDie wundervollen Autoren, die nichts von ausgelutschten Klischees halten und den Zuschauer mit ständig neuen Entwicklungen bei der Stange halten. Wie zum Beispiel irgendwelche Cliffhanger, deren Auflösung natürlich immer so aufregend ist, wie das Ende der vorherigen Folge es versprochen hat! Und natürlich dem ultimativen Plottwist: Dem Tod eines Hauptcharakters!

Ja, wer würde in der heutigen Zeit erwarten, dass tatsächlich ein mehr oder weniger lieb gewonnener Charakter sterben würde? Ich meine, okay, so ziemlich jede Woche stirbt in den Superserien des goldenen Zeitalters irgendjemand, aber so etwas gehört halt zum guten Ton des „good storytelling“! Preist das goldene Zeitalter! Erlöse uns von den verstaubten Klischees des alten Fernsehens!

Mit brandneuen Klischees!

Oder den selben, alten Klischees! Nur glänzender verpackt!

Okay, ich werde mal ernst. Kürzlich lief wieder ein Staffelfinale von „The Walking Dead“, welches von Produzenten und Stars als absolute Hammerepisode angepriesen, aber von den Zuschauern als langweilige, nur altbekannte Storylines wiederkäuende Zeitverschwendung, mit einem so frustrierenden, wie unnötigen Cliffhanger abgetan wurde. Tut mir leid, wenn ich jetzt etwas arrogant klinge, (Ich meine, noch arroganter als vorher.) aber das sind genau die Gründe, die ich schon seit Jahren anführe und wegen denen ich “The Walking Dead” vor ein oder zwei Staffeln aufgab. Und “Game Of Thrones”. Und ein paar andere “wundervolle” Serien des ach so goldenen Zeitalters.

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“Formelhaft” ist ein Wort, das gerne benutzt wird, wenn man von Procedurals wie “Castle”, “Elementary”, “NCIS”, etc. spricht, aber viele der hochwertigen Serials sind Formel pur! Nicht nur, dass jede Folge mit einem Cliffhanger enden muss, oft scheint dieser die einzige Daseinsberechtigung der jeweiligen Episode, oft sogar der gesamten Staffel zu sein. Raus damit, wie viele Serien kennt ihr, in denen jede Folge mit einem Knall anfängt und endet, dazwischen aber nur Leerlauf bietet? Gerade “The Walking Dead” ist so ein Kandidat, bei dem sich seit Jahren eigentlich nur die erste und letzte Folge einer Staffel wirklich lohnen.

Death2Das schlimmste moderne Serienklischee ist aber der Tod eines Hauptcharakters. Es gab wirklich mal eine Zeit, in der so ein erzählerischer Kniff originell war. Doch heute scheinen Autoren und Showrunner ihre Protagonisten zu verheizen, einfach weil sie sonst nichts zu bieten haben. Das zeigt sich schon daran, wie Fans und Medien fast nur noch fragen “Wer stirbt als nächstes?” anstelle von “Was wird als nächstes passieren?”Death1 Der Serientod lauert an jeder Ecke, kaum jemand ist sicher, aber irgendwann fragt man sich als Zuschauer nach dem Warum. “Game Of Thrones” hat einen derartigen Verschleiß an Charakteren, dass es schon seit langem eher einem Running Gag gleicht.

Das Interessante ist, dass sowohl der Cliffhanger, als auch der Serientod Dinge sind, die man lange Zeit eher den billigen Seifenopern zugeschrieben hatte. Genau so, wie die Sorte niemals endender Geschichte, die wir heute in “hochklassigen” Serien vorgesetzt bekommen.  Und egal wie sehr der Kritiker-/Zuschauersnob Procedurals hasst, die Seifenoper ist noch verhasster! Woher kommt also diese plötzliche Akzeptanz abgestandener Soapkonventionen?

Ich habe keine Ahnung. Ich bin nur darüber frustriert, dass so viele angeblich wirklich hervorragende Serien unserer Zeit, nur eine Ansammlung alter, ursprünglich verschmähter und als billig abgekanzelter Klischees sind. Mit einem brandneuen Hut! Jetzt sagen bestimmt einige: “Dann schaue sie dir doch nicht mehr an!” Und das tue ich schon lange nicht mehr!  Ich hörte mit “The Walking Dead” auf, als die Gang zum xten Mal einen vermeintlich sicheren Ort erreichte, der sich als nicht sicher entpuppte und sich alle Beteiligten wie hirnamputierte Vollidioten aufführten. “Game Of Thrones” verschwand von meiner Watchlist, als die Frustration über dessen Erzählstil, bei dem wir mit jedem der 1000 Handlungsstränge nur 5-10 Minuten pro Woche verbringen, ohne dass etwas wirklich relevantes passierte, Überhand nahm und mir klar wurde, dass die Geschichte nie wirklich enden wird. Das Serienfinale kann nichts anderes als ein offenes Ende sein! Glaubt ihr wirklich, dass nur weil z.B. Tyrion oder Khaleesi den einen Thron besteigen, die ganze Welt damit einverstanden sein wird? Nein, am Ende werden ein paar weitere Arschlöcher versuchen, die Arschlöcher, die gerade an der Macht sind, umzubringen, während andere Arschlöcher genau das zu verhindern versuchen oder sie einfach nur aus persönlichen Gründen jemanden umbringen wollen. Bei “Homeland” habe ich sogar meinen Schwur gebrochen, jeder Serie eine volle Staffel Zeit zu geben. Doch nach der fünften oder sechsten Folge, die nach dem “Knall am Anfang, Knall am Ende, nur Leerlauf in der Mitte” Schema ablief, war es damit auch vorbei.

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Es scheint manchmal so, als hätten weder Fernsehmacher noch Zuschauer etwas aus den 90ern gelernt. Der Ära, in der dank “Twin Peaks” und “Akte X” plötzlich alle Serien irgendwelche Storyarcs einbauten und Serien über mysteriöse Verschwörungen aus dem Boden wuchsen wie Unkraut. Gemeinsam hatten die meisten, dass die Handlung von Staffel zu Staffel immer dämlicher und selten zufriedenstellend, oft überhaupt nicht aufgelöst wurde! Kommt euch das bekannt vor? Ja, es ist ungefähr wie in der heutigen Serienlandschaft. Nur mit höheren Budgets als vor 20 Jahren.

Ich fange an mich zu fragen, wann auch diese glitzernde Seifenblase der Serienwelt ex- oder implodieren wird. Selbst eine wirklich hervorragende Serie wie “Better Call Saul” erweckt im Moment den Eindruck, dass die Autoren etwas auf der Stelle treten. Da ist es kein Wunder, dass Procedurals sich immer noch so großer Beliebtheit erfreuen. Da muss man nur einmal pro Woche eine zufriedenstellende Geschichte abliefern. Wenn sie nicht funktioniert, na und? Das kann man ignorieren und es nächste Woche besser machen. Natürlich sagt der Snob da wieder “Aber Serials sind Steaks, Procedurals nur Fast Food”, doch jetzt mal ehrlich: Wenn das Steak zäh wie Leder und angebrannt ist, ist ein Döner doch wirklich die bessere Alternative.

Ich will übrigens nicht behaupten, dass in fünf oder zehn Jahren niemand mehr teure Serien schauen oder produzieren wird. Fernsehen geht immer. Vor allem in der Zeit des Streamens. Aber der große Serienhype wird aufgrund von Frustration und mangelnder Qualität garantiert wieder abkühlen. Auf der positiven Seite wird irgendwann auch bestimmt wieder der Zeitpunkt kommen, an dem plötzlich ein Haufen wirklich guter und origineller Serien auf allen Sendern laufen wird. Auch hier hat sich die Geschichte schon mehrfach wiederholt und das wird sie auch wieder.

Moral dieses überlangen “Wen interessiert’s?” Thinkpieces: Serienfan zu sein, ist eine sich ständig wiederholende Hassliebe. Außerdem sind Procedurals oft die besseren Serien. Oder nehmt mir den Fernseher und den Computer weg, um solche Bloggereien zu vermeiden. Keine Ahnung. Irgendwie stand mir der Sinn nach Dampf ablassen.

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Headerphoto: Kaitrosebd-Stock auf DeviantArt
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