Filmkritik: Deadpool

Deadpool. ’nuff said.

Oder auch nicht. Der Begriff „Kult“ wird seit dieser verdammten Knorr Fix Werbung vor 20 Jahren, viel zu inflationär gebraucht. Jemand ist mal einen Tag lang erfolgreich und BAM: Er hat angeblich Kultstatus. Auf Deadpool trifft das aber ausnahmsweise mal zu. Die Quasselstrippe ist der Mittelpunkt endloser Memes, Cosplays, inoffizieller Social Media Accounts, etc. Natürlich sind die Erwartungen an den Film hoch, die Hoffnungen aber niedrig. Der Meta-Humor der Comicvorlage lässt sich im Realfilm nur schwierig umsetzen. Doch wisst ihr was? Der Film funktioniert verdammt gut!

deadpool_ver5Es ist immer etwas schwierig, über Komödien zu schreiben. Was der Eine lustig findet, ist für den Anderen echt lahm. Und ich kann mir vorstellen, dass so mancher bei „Deadpool“ nur mit den Augen rollen wird. Schon der Vorspann stellt klar, was für eine Sorte Film das ist. Während wir in Bullet Time durch einen Actionmoment voller abgedrehter Gags schweben, wird keiner der Mitwirkenden mit ihren echten Namen genannt. Selbst der Regisseur wird hier nur als „Ein überbezahlter Honk“ (oder so etwas) bezeichnet. Wer in der Hoffnung, einen halbwegs ernst zu nehmenden Superheldenfilm zu sehen bekommen, ins Kino gegangen ist, wird hier schnell eines besseren belehrt. Und wenn du nach den darauffolgenden 10 Minuten nicht an Bord bist, wird der Film schlichtweg nicht deinen Geschmack treffen.

Um ehrlich zu sein, habe ich damit gerechnet, „Deadpool“ zu hassen. Ich mag die paar Comics, die ich gelesen habe, aber ich habe erwartet, dass die Filmversion mehr in die Richtung „Adult Swim“ oder noch schlimmer, „Kung Fury“ schlägt. Eine endlose Verkettung lahmer Popkulturreferenzen und so zynischer, wie unorigineller Sex- und Gewaltwitze. Ich bin nicht prüde, aber außerhalb von Kevin Smith und „The Venture Bros“, ist diese Art Humor viel zu oft eine Entschuldigung für Faulheit von Seiten der Gagschreiber. Einen Pimmel zu zeigen, übers Arschficken zu reden und jemandem den Kopf mit einer riesigen Blutfontäne wegzuballern, sind Dinge, die vielleicht Kiffer mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom lustig finden, aber um mich damit zum lachen zu bringen, muss man diese Sachen schon gut rüberbringen. Und ich bin wirklich niemand, der „intelligenten“ Humor bevorzugt! Wenn mir jemand einen Witz erzählt, frage ich nicht: „Aber warum ging der Mann in die Bar? Was ist seine Hintergrundgeschichte? Kannst du mir mehr über den Barkeeper erzählen, damit seine Reaktion charakterbezogen ist?“ Zum Glück waren für mich ungefähr 90% der Gags in „Deadpool“ Treffer. Sicher, auch hier gibt es die „Oooh, er hat „ficken“ gesagt“ Momente, in denen die prüden Amerikaner auf simpelste Weise geschockt werden sollen, aber die meisten Gags sind origineller oder zumindest so gut getimt, dass man nicht anders kann, als zu lachen.

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Es wird oft behauptet, dass „Deadpool“ eine Parodie auf Superheldenfilme sei, aber um es klarzustellen: „Deadpool“ ist keine Parodie auf Superheldenfilme. Auch wenn unser (Anti-) Held ein oder zwei Kommentare über diverse Klischees des Genres ablässt, wird hier nicht wirklich etwas parodiert. Um genau zu sein, hält sich der Film ziemlich genau an die Regeln und Konventionen seiner Vorbilder. Nur mit dem Unterschied, dass hier hinter jeder Ecke ein Gag oder ein dummer Spruch lauert. Aber der Film ist keine Parodie und will keine sein. Das merkt man vor allem an zwei Dingen:

deadpool_ver81.) Die Actionszenen sind „echte“ Actionszenen, wenn auch mit dem einen oder anderen Gag gewürzt. Man lacht nicht, weil z.B. eine Verfolgungsjagd oder ein Faustkampf als Witz inszeniert wurde. Nicht wie etwa in „Hot Fuzz“ (ein Film, den ich übrigens sehr liebe), wo während der großen Schießerei am Ende Michael Bays Zitterkamera parodiert wird, alle Gegner alberne Karikaturen sind und die Szene eigentlich nur existiert, weil es halt lustig ist, dass der Film so endet. Die Actionszenen in „Deadpool“ sind „the real deal“, wie es im Englischen so schön heißt. Nur eben, dass der Held ausnahmslos immer einen Witz parat hat und das Ableben von so manchem Bösewicht an „Itchy & Scratchy“ erinnert. Aber was Action angeht, hat „Deadpool“ mehr Credibility, als viele andere Komödien. Zu diesem Zeitpunk weiß niemand, wie sich die Karriere von Regisseur Tim Miller entwickeln wird, aber nicht viele Menschen aus dem FX Bereich, die plötzlich beschließen Regisseur zu werden, zeigen ein derart sicheres Händchen in ihrem neuen Berufsfeld. Ich hätte nichts dagegen, wenn er zu Hollywoods Go-to Regisseur für Actionkomödien werden würde.

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2.) Der Film hat einen überraschend ernsten Kern. Hauptsächlich in Deadpools Entstehungs- und der dazugehörigen Liebesgeschichte. Ja, es gibt tatsächlich einen längeren Moment im Mittelteil, in dem es plötzlich etwas ernster wird. Doch ein weiterer Pluspunkt ist, dass dieser Teil einem nicht die gute Stimmung verdirbt. Kennt ihr diese Momente in modernen Trickfilmen, in denen, völlig egal wie albern die Grundstimmung ist, es plötzlich einen unglaublich deprimierenden Moment gibt, der wohl nur deshalb da ist, um die Kritiker gütlich zu stimmen? Ihr wisst schon, Jessies Ballade in „Toy Story 2“, Mannis Flashback zum Tod seiner Famile in „Ice Age“, wie der eine Höhlenmensch* Papa Crood erzählt, wie er seine Eltern in Teer versinken sah, etc. Diese Szenen wirken oft unglaublich fehl am Platz. Und die Flashbacks zu der Zeit, in der Wade Wilson seine Superkräfte bekam, sind zu einem großen Teil überraschend Ernst und unwitzig. Trotzdem passen sie gut zum Rest des Films. Jeder andere Held würde durch das, was er erlebt hat, zu einem besseren und reiferen Menschen reifen. Nur Deadpool wird dadurch noch bekloppter. Das Beste ist aber, wie sie der Gagmaschine tatsächlich ein Love Interest zur Seite gestellt haben, die ihn aus glaubhaften Gründen liebt. Die Feststellung „Dein Wahnsinn passt perfekt zu meinem Wahnsinn“ sagt alles über die Beziehung aus.

*Hey, wurde der nicht im Original auch von Ryan Reynolds gesprochen?

Doch trotzdem versucht „Deadpool“ nicht tiefgründig zu sein. Der einzige Anspruch, den der Film und alle Beteiligten hier stellen, ist, das Publikum zum lachen zu bringen. Vielleicht auch noch den Fans den Film zu geben, den sie sich schon immer gewünscht haben. Und damit hat er Erfolg. „Deadpool“ ist ein cleverer Film, der nicht versucht clever zu sein. Er macht Spaß und zieht so dermaßen sein eigenes Ding durch, dass ich jetzt schon Angst vor der Fortsetzung habe. Es wird schwer werden, den Kraftakt zu wiederholen, der mit diesem Film geschafft wurde.

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