Kritiker sind keine allwissenden Götter. Auch wenn Viele sich so benehmen. Für mich persönlich sind Kritiken nur gut gemeinte Hinweise. Auch die, die ich selber schreibe. Selbst wenn ich einen Film hasse, würde ich niemals jemandem davon abraten, sich diesen Film anzusehen. Nur weil ich ihn nicht mag, muss es nicht bedeuten, dass es nicht Dein Lieblingsfilm werden könnte. Und wir alle kennen doch bestimmt mehrere Filme, die von der Kritik verrissen wurden, aber eigentlich ganz gut waren. So einer ist „Mortdecai“.

mortdecai_ver4Darin spielt Johnny Depp einen exzentrischen und unterbelichteten Adeligen (der titelgebende Mortdecai) mit fabulösem Schnurrbart (spielt sich selbst), der sich immer mal wieder sein Taschengeld mit illegalem Kunsthandel aufbessert. Dies funktioniert aber nicht wirklich wie gewünscht und er steht kurz vor der Insolvenz. Da trifft es sich gut, dass der MI5 Agent Martland (Ewan McGregor), der wenig heimlich in Mortdecais Frau Johanna (Gwyneth Paltrow) verliebt ist, seine Hilfe bei einem Mord/Kunstraub braucht. Und das ist der Beginn eines wahnwitzigen Abenteuers, das wohl für Kritiker zu altmodisch, absurd, albern oder was auch immer war.

„Mortdecai“ orientiert sich an klassischen Peter Sellers und/oder Blake Edwards Werken. Exzentrische Charaktere, übertreibende Schauspieler, absurde Situationen, keine ernst gemeinte Sekunde. Ich weiß nicht woran es lag, dass Kritiker und Publikum diesen Film einheitlich ablehnten. Eigentlich ist Slapstick ja zeitlos, wenn man sich mal die anhaltende Popularität von Charlie Chaplin, Laurel und Hardy oder auch einfach nur „Kevin allein zu Haus“ ansieht. Allerdings war schon die größtenteils wirklich gelungene Three Stooges Neuauflage mit Negativität empfangen worden. Zugegeben, in dem Fall konnte man es noch verstehen, so überdreht, wie der Stooges Humor ist. Aber „Mortdecai“ versucht in seiner Albernheit eleganter zu sein. Trotz so manchem Sexwitzchen, von denen allerdings nichts schlimmer ist als bei „Austin Powers“.

mortdecai_ver4Wenn ich, auf die Gefahr hin prüde zu wirken, mal kurz abschweifen darf: Es ist interessant, dass der Film in Deutschland mit einer Freigabe ab 6 Jahren davonkam. Wir sind zwar ein sexuell recht aufgeklärtes Land*, aber es gibt schon den einen oder anderen halb-expliziten Dialog über Gesichtsvaginas, Nymphomaninnen oder Orgasmen, der mich wundern ließ, ob sich die FSK den Film vielleicht auf Englisch angesehen hat. (Die DVD startete übrigens mit Trailern für „Shaun das Schaf“ und „Paddington“. Da fragt man sich, warum „Mortdecai“ nicht gleich als Kinderfilm vermarktet wurde.)

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*Kommt schon. Im Großen und Ganzen ist Deutschland zwar noch recht spießig, aber wir haben blanke Brüste und lange Sexszenen schon vormittags im Fernsehen, während in den USA schon ein entblößter Nippel für Zensurorgien sorgt!

Zum Thema „Auf Englisch ansehen“ und warum es die FSK in ihrem Verständnis behindert haben könnte: Wer es sich zutraut, sollte diesmal wirklich die englische Tonspur einschalten. Der gute David Nathan spricht zwar Johnny Depp wie gewohnt erstklassig, aber leider schaffte er es nicht, Depps Sprechweise angemessen zu imitieren. Oder er hat es gar nicht erst versucht. Denn dieser bizarr dahingenuschelte Fantasieakzent, ist wirklich schwer zu imitieren. Ich musste mir tatsächlich die englischen Untertitel dazuschalten, um ihn manchmal zu verstehen. Fakt ist aber, dass der Depp wieder eine tolle Show abliefert, die weit über das hinausgeht, was andere Schauspieler vermutlich mit dieser Rolle angestellt hätten.

mortdecai_ver4Ohnehin kann ich den Johnny Depp Backlash nicht verstehen. Plötzlich ist er die Lieblingspointe aller zynischen Möchtegernkomiker und -kritiker, denen Witze über Nicolas Cage zu ausgelutscht sind. Und warum? Weil er einer der wenigen Schauspieler ist, die für ihre Rollen die Extrameile gehen und ihr Aussehen, ihre Sprechweise und Körpersprache verändern? „Oh, seht her, da ist der dumme Johnny Depp schon wieder, wie er eine einmalige und erstklassige Performance abliefert! Buuuuuuh!“ Das sind die selben Leute, die Denzel Washington dafür kritisieren, dass sich seine Rollen äußerlich nur durch ihre Bärte unterscheiden. Als ob das etwas mit seinem schauspielerischem Talent zu tun hätte! Aber ich sage euch, wenn ihr Denzel vor eine Kamera stellt und ihm sagt: „So, du bist jetzt ein Außerirdischer, der zum ersten Mal das menschliche Gefühl der Trauer erlebt, sich plötzlich in einen rosa Plüschelefanten verliebt und dann wie wahnsinnig loslacht, wenn ihm dämmert, wie albern das ist“, verspreche ich euch, er wird genau das tun. Und es wird euch umhauen. Genau wie bei Johnny Depp, nur dass er wahrscheinlich vorher für eine Stunde im Badezimmer verschwindet, um dann mit geschminktem Gesicht herauszukommen und sich so bewegen und sprechen wird, wie es seiner Meinung nach ein Außerirdischer tun würde! OH NEIN! HÖR AUF, MICH MIT DEINER SCHAUSPIELKUNST ZU UNTERHALTEN, JOHNNY DEPP! SEI DOCH MEHR WIE SETH ROGEN!

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Aber um auf „Mortdecai“ zurückzukommen: Ich habe mich köstlich amüsiert. Das Drehbuch ist von der Sorte Haken schlagender Krimikomödie, wie man sie seit langem nicht mehr gesehen hat. Die Regie von David Koepp, den man hauptsächlich als einen von Hollywoods Top** Blockbuster Drehbuchautoren kennt (ich verlinke hier mal sein IMDb Profil), ist im positivsten Sinne routiniert. Es ist nichts wirklich herausragendes, aber er weiß, wie man kleinere Actionmomente und visuelle Gags gut in Szene setzt. Es ist trotzdem Schade, dass Blake Edwards nicht mehr lebt. „Mortdecai“ wäre ein hervorragendes Alterswerk für ihn gewesen.

**Bezogen auf das Einspielergebnis seiner Filme. Qualitativ sind die Resultate gemischt. (Sh oben verlinktes IMDb Profil.)

Nein, das Poster taucht absichtlich mehrfach auf. Aus irgendwelchen Gründen, finde ich Gwyneth mit Schnauzer sehr attraktiv. Leider trägt sie im Film keinen.

Nein, das Poster taucht absichtlich mehrfach auf. Aus irgendwelchen Gründen, finde ich Gwyneth mit Schnauzer sehr attraktiv. Leider trägt sie im Film keinen.

Und die Schauspieler? Sind alle gut aufgelegt! Vom bereits erwähnten Johnny Depp, zu Ewan McGregor bis hin zu Paul Bettany, der als Mortdecais sexuell überaktiver Diener Jock, mit seiner trockenen Art einen genialen Gegenpol zu Johnny Depp abgibt. Auch Gwyneth Paltrow soll man hier nicht unerwähnt lassen, auch wenn ihre Rolle als Ehefrau, die ihren Ehemann nur zu gerne klein hält und ohnehin schlauer ist als alle Männer um sie herum, etwas zu klischeebehaftet und undankbar ist. Trotzdem passt sie perfekt in das Ensemble. (Außerdem tauchen auch noch Jeff Goldblum und Ulrich Thomsen in kurzen Nebenrollen auf.)

Also, wie gesagt, für mich war „Mortdecai“, der große Kinoflop des letzten Januars, der von Kritikern als letzter Sargnagel in Johnny Depps Karriere gefeiert betrachtet wurde, 100 Minuten beste Screwball Comedy. Ich kann nicht versprechen, dass ihr euch genau so gut amüsieren werdet, aber lasst euch nicht von den schlechten Kritiken abschrecken! Niemals! Nicht nur bei diesem Film!

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