Amazon Pilot Season: „One Mississippi“ & „(American) Patriot“

Sorry für die Verspätung. Ich hatte wieder mehr zu tun, als erwartet. Aber nun geht es weiter. Die letzten beiden Live Action Piloten stehen in Zeichen von Melancholie und absurder Situationskomik. Mit gemischten, aber durchaus guten Resultaten.

„One Mississippi“ ist ein sehr mutiger und interessanter Pilot. Die Stand-up Komikerin Tig Notaro spielt sich darin selbst. Oder zumindest eine Version von ihr. Keine Angst, nicht auf die Art, die ich an „Highston“ kritisierte. Sie spielt eine Person, mit dem gleichen Namen, in einer Geschichte, die lose auf ihrem Leben basiert. Und diese Geschichte ist keine glückliche. Nachdem sie eine Brustkrebsoperation überstanden hat, wird Tig in ihre Heimatstadt New Orleans beordert. Ihre Mutter hatte einen Unfall und die Familie möchte nun die lebenserhaltenden Geräte abschalten. Da ihr Stiefvater aber, milde gesagt, eine sehr kalte Art hat und ihr Bruder auch nicht wirklich eine große Hilfe ist, bleibt der emotionale Ballast mehr oder weniger an ihr hängen.

Eigentlich finde ich „One Mississippi“ großartig. Das Drehbuch von Notaro selber und Diablo Cody, findet leisen Humor in der Absurdität der tragischsten Dinge. Und wenn ich „leiser Humor“ sage, dann meine ich, dass viele Zuschauer vermutlich überhaupt nicht lachen werden, wenn sich z.B. die Familie in einer geraden Linie hinter dem Vorhang des Totenbetts aufreiht, als würden sie befürchten, ansonsten wegen schlechten Betragens aus dem Krankenzimmer geworfen zu werden oder wenn Tigs Freundin einen Zwölferpack Gebäck zur Trauerfeier mitbringt, weil es wohl ein angebrachtes Mitbringsel ist.

Es ist lustig, weil es wahr ist. Aber auch nur, wenn man eine gewisse Beobachtungsgabe besitzt. Denn wenn „One Mississippi“ eines nicht macht, dann dem Zuschauer zu sagen, was da eigentlich so lustig ist. Jedes Mal wenn man denkt, dass Tig einen pseudophilosophischen Off-Kommentar über die Absurdität des Lebens loslässt, der uns noch mal haarklein das Gesehene erklärt, passiert genau das nicht.

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Der vielleicht größte Nachteil von „One Mississippi“, ist aber dessen Passivität. Irgendwie passiert nichts relevantes. Wir beobachten einfach nur ein paar Personen, in einem kurzen Abschnitt ihres Lebens. Als One Shot ist das zwar durchaus faszinierend, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie es eine Serie tragen soll. Natürlich bin ich bereit, es mir zeigen zu lassen, aber so sehr mir dieser Pilot auch gefallen hat, ich glaube nicht, dass mir die Serienversion gefallen wird.

Ganz anders sieht das bei „American Patriot“ (Oder auch nur „Patriot“, wie es im Vorspann heißt) aus. Hierbei handelt es sich um eine skurril, schwarzhumorige Agentenfarce, mit interessanten Charakteren. Der Protagonist ist John Tavner (Michael Dorman). Ein Geheimagent, dessen letzter Auftrag mehr als nur schief ging und der seit der daraus resultierenden Gefangenschaft und Folter, ein nervliches Wrack ist, dass seine Missetaten in Folksongs verarbeitet. Eigentlich will er nur noch seinen Ruhestand bei seiner Frau genießen, doch sein Vater (der immer gern gesehene Terry O’Quinn) schickt ihn auf eine weitere Mission. Um zu verhindern, dass im Iran ein radikaler Präsident gewählt wird, soll er undercover einen Job bei einer Firma annehmen und während einer Geschäftsreise Geld an einen Mittelsmann weiterleiten. Die Probleme fangen aber schon damit an, dass er das Vorstellungsgespräch versemmelt und hören nicht bei frustrierten Gepäckkontrolleuren auf.

Das Drehbuch zu „(American) Patriot“ stammt von Steve Conrad, der sich unter anderem als Drehbuchautor für „Das Streben nach Glück“, die Nic Cage Dramödie „The Weather Man“ oder Ben Stillers wirklich gutes „Walter Mitty“ Remake einen Namen gemacht hat. Wie es bei der Filmographie zu erwarten ist, steckt diese Pilotfolge voller leiser Charaktermomente, aber auch voller trockenem bis bizarrem Humor. Die Geschichte braucht etwas, um in Gang zu kommen, aber die Zeit ist nicht verschwendet. Wir lernen in der ersten Hälfte alle wichtigen Charaktere und ihre Beziehungen zueinander gut kennen, was gerade bei einem so tragikomischen Menschen wie John wichtig ist. Johns Vater, der seine Kinder liebt, aber trotzdem an erster Stelle einen Job zu erledigen hat, würde bei einer weniger zeitintensiven Charakterisierung wie der typische kaltherzige Boss/Patriarch rüberkommen, aber wir lernen ihn als warmherzigen und humorvollen Menschen kennen. Johns Bruder Edward (Michael Chernus, Pipers Schwager aus „Orange Is The New Black“), der ihm offiziell als Attaché zur Seite gestellt wird, ist ebenfalls mehr als nur der leicht trottelige Comic Relief und hat mehr Tiefe, als man von ihm am Anfang erwarten würde.

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Doch auch wenn die Charaktere einen wichtigen Teil darstellen, ist es am Ende doch der „simple Auftrag“, wegen dem ich auf jeden Fall weitere Folgen von „(American) Patriot“ sehen möchte! Der Pilot endet mit einem grandiosen Cliffhanger, bei dem einem erst wirklich klar wird, wie tief John tatsächlich in der Scheiße steckt. Und wie das Drehbuch schwarzen Humor gekonnt mit Tragik kontrastiert, lässt einen an „Breaking Bad“ denken. Ich habe keine Ahnung, ob die Serie es wirklich schaffen wird an Vince Gilligans Meisterwerk heranzukommen, aber bis jetzt ist es der eindeutigste Kandidat für einen legitimen Nachfolger.

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