Es ist wieder Amazon Pilot Season! Schauen wir mal, was sich in meinen Augen diesmal lohnt. Ich versuche, in dieser Woche zwei Piloten pro Tag zu besprechen. Den Anfang machen Shane Blacks Westerngemetzel „Edge“ und die 60er Jahre Checkliste „Good Girls Revolt“.

Shane Black liebt Pulp Helden. Das ist kein Geheimnis. Sein Traumprojekt ist schon seit Ewigkeiten eine Verfilmung von „Doc Savage“, aber nach dem finanziellen Desaster das „Lone Ranger“ war, kann ich mir vorstellen, dass er darauf noch länger warten muss. Zuletzt hörte man von ihm, dass er zusammen mit seinem Kumpel Fred Dekker („Die Nacht der Creeps“) an einer „Predator“-Fortsetzung* arbeiten würde. Und plötzlich: BUMM! Da haben die Beiden einen Piloten zu einer Serie, basierend auf der „Edge“ Buchreihe (von der ich zugegebenermaßen noch nie etwas gehört habe) abgedreht!

*Selbst nachdem Black klarstellte, dass es sich hierbei um eine Fortsetzung handeln soll, bezeichnen leider immer noch Viele den Film als Remake oder schlimmer: Reboot! (Was in der heutigen Zeit für die Meisten das Gleiche ist, obwohl es das eigentlich nicht ist, aber das ist ein anderes Thema.)

In „Edge“ spielt der immer hervorragende Max Martini („The Unit“, „Pacific Rim“) den Bürgerkriegsveteran Hedges, dessen Bruder von einigen seiner Kameraden, angeführt von Harknett (Ryan Kwanten, „True Blood“) ermordet wurde. Natürlich sucht er jetzt nach Rache und die scheint er in einem kleinen Städtchen, das die Einwohner in „Hate“ umgetauft haben, zu finden. Big Bill (William Sadler, Lance Henriksens Hauptkonkurrent im Kampf um die meisten Film- und Fernsehauftritte pro Jahr), der Vater von einem der Mörder und der Sheriff der Stadt, regiert dort mit eiserner Faust und erhängt schon Leute, wenn sie in seiner Anwesenheit auf die Straße spucken. So eine Hinrichtung wird von Hedges auf unhöflichste Art unterbrochen, und da Big Bill nach diesem Zwischenfall einen neuen Hilfssheriff braucht, überlässt er dem Fremden mit dem schnellen Revolverfinger diesen Job.

Was eigentlich als einfacher „Ich warte jetzt auf mein Opfer“-Plan gedacht war, verkompliziert sich natürlich schnell. Gegen seinen Willen wird „Edge“, wie der geistig zurückgebliebene Benny Hedges nennt, in einen Haufen Intrigen hineingezogen, in denen es sowohl um einen versteckten Goldschatz, als auch um Little Bills Frau Pilar (Alicja Bachleda, „Friendship!“) geht. Eine weitere Spielfigur ist die geheimnisvolle Beth (Yvonne Strahovski, „Chuck“) und irgendwie scheint ein Schmuckkästchen, das sich angeblich in (H)Edges Besitz befinden soll, das ganze Blutbad erst ausgelöst zu haben.

Ja, es ist ein Blutbad. Wie der Disclaimer am Anfang der Folge sagt: Dies ist keine Geschichte für Zartbesaitete. Während in den Western unserer Kindheit die Cowboys sich einfach den Bauch hielten und auf den Boden fielen, wenn sie erschossen wurden, spritzen hier in bester Italomanier Blutfontänen und Gliedmaßen fliegen durch die Gegend. Das Edge neben den Schusswaffen auch weiß, wie man ein Rasiermesser einsetzt, erweist sich mehr als einmal als nützlich.

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Leider ist das Drehbuch etwas schwach. Trotz der nur einstündigen Laufzeit, zieht sich die Folge ziemlich dahin. Und wer hier jede Menge Shane Black-typische Klugscheißerdialoge erwartet, wird auch enttäuscht sein. Interessant sind hier die kleinen Charaktermomente. Das ist eine dieser Geschichten, in der sich nicht alle Schurken als so kaltblütig und böse entpuppen, wie sie auf den ersten Blick scheinen, dafür aber auch der Held Gefahr läuft alle Publikumssympathien zu verspielen, wenn er aus egoistischen Gründen einen Unschuldigen nicht nur nicht vor einem qualvollen Tod rettet, sondern ihn stattdessen lieber erschießt! Dafür ist der Oberbösewicht Hartnett so übertrieben böse, dass es schwerfällt, ihn ernst zu nehmen.

Der größte Schwachpunkt von „Edge“ ist allerdings optischer Natur. Falls die Serie, ähm, in Serie geht, hoffe ich auf eine deutliche Budgetaufstockung. Oder zumindest genug, um eine ordentliche Kamera zu besorgen! Im Ernst, die ganze Folge sieht wie eine Telenovela aus! Ich bin ein Fan von digitaler Fotografie, aber wann immer technikfeindliche Nostalgiker ihn „Film gut, digital schlecht!“-Tiraden ausbrechen, meinen sie genau den Look den „Edge“ hat! Ich war schockiert, als im Abspann zu lesen war, dass Dante Spinotti für die Kameraführung zuständig war! Er ist ein professioneller, preisgekrönter Kameramann und hat in seiner Karriere schon Filme wie Michael Manns „Manhunter“, Sam Raimis „Schneller als der Tod“ oder auch „L.A. Confidential“ auf die Leinwand gebracht! Er sollte es eigentlich besser wissen, anstatt uns so einen dahingerotzten Billiglook zu präsentieren!

Wohin die Serie inhaltlich gehen wird, ist zu diesem Zeitpunkt schwer zu sagen. Vielleicht wird Edge auf der Jagd nach den Mördern seines Bruders in jeder Folge in eine neue Stadt einfallen. Der Epilog des Piloten deutet darauf hin, dass es noch eine große Regierungsverschwörung geben wird. Vermutlich wird Edge am Ende die gesamten USA retten, ohne es eigentlich zu wollen. Aber ich hoffe, dass wir mehr sehen werden. Auch wenn mich der Pilot nicht vollständig überzeugte, mochte ich so einiges an ihm und die Serie hat das Potenzial die Pulpdrama-Lücke zu füllen, die „Sons Of Anarchy“ hinterließ.

Eine völlig andere Tonart schlägt „Good Girls Revolt“ an. Man könnte diesen Piloten in drei Worten als „Feministisches Mad Men“ beschreiben. Er spielt in einer Zeitschriftenredaktion in den 60ern. Wie uns die Dialoge ständig erinnern, war dies die Zeit der Hippies, von Vietnam, der freien Liebe und des Sexismus am Arbeitsplatz. Zur selben Zeit, in der sich der Charles Manson Prozess seinem Höhepunkt nähert, töten auf einem Musikfestival in Altamont ein paar Hell’s Angels drei der Zuschauer. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich eine kleine, aber feine Geschichte über kulturelle Revolutionen und Büropolitik.

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Auch wenn „Good Girls Revolt“ nicht mal ansatzweise so viel Sex und Gewalt wie „Edge“ hat, ist es genau so wenig subtil. Es vergeht keine Szene, in der uns nicht irgendein 60er Jahre Schlagwort um die Ohren gehauen wird. Altamont! Hendricks! Santana! Woodstock! Vietnam! Iron Butterfly! Freie Liebe! Hippies! Gegenkultur! Da kann man auch gleich alle paar Minuten eine Texttafel mit der Aufschrift: „Nicht vergessen: Das sind die 60er Jahre!“ einblenden.

Serienerfinderin Dana Carvo schrieb unter anderen für Aaron Sorkins Flop „Studio 60 On The Sunset Strip“ und der Sorkin-Touch ist eindeutig spürbar. Nicht nur im positiven Sinne. Die Dialoge fliegen geschliffen scharf aus den Mündern der durchweg guten Schauspieler, aber es gibt immer wieder Momente, in denen man darauf wartet, dass ein Wayans Bruder auftaucht, in die Kamera schaut und „Botschaft!“ verkündet. Etwa wenn die frei denkende Hippiedame zu ihrem Freund so Sätze sagt wie: „I wanna tiptoe through the tulips, but you are putting me into a box!“ oder wenn die Männliche Belegschaft sich vor der Arbeit trifft und darüber redet, wie lächerlich es ist, wenn Frauen Hosen tragen und mehr als Assistentinnen sein wollen.

Ohnehin schießt „Good Girls Revolt“ in ihrem Bestreben die Anfänge des modernen Feminismus aufzuzeigen, etwas übers Ziel hinaus. Alle Frauen, die in der Redaktion arbeiten, sind 100% kompetent und bereit, für das größere Wohl der Titelstory alle Streitigkeiten beiseite zu legen. Die Männer werden gar nicht bei der Arbeit gezeigt und heimsen nur die Lorbeeren ihrer weiblichen Assistentinnen ein, um sie dann, selbst nachdem sie sie öffentlich gelobt haben, Kaffee holen zu schicken. (Immerhin ohne Klaps auf den Po.) Ehemänner pieksen Löcher in die Diaphragmen ihrer Ehefrauen um sie an Heim und Herd zu binden und wenn sich der Freund darüber beschwert, dass seine Freundin ihn mehrfach versetzt und angelogen hat um jemand anderen gut dastehen zu lassen, ist es natürlich unerhört, dass er wütend auf sie ist.

Doch abgesehen davon, ist „Good Girls Revolt“ wirklich unterhaltsam. Mir stellt sich wie bei „Edge“ nur die Frage, wie es hier weitergehen wird. Wird es jede Woche eine geschichtsträchtige Krise geben, die die Frauen der Redaktion trotz aller männlicher Boykottversuche meistern? Wird die Arbeit in der Redaktion oder die Weltgeschichte drum herum im Zentrum stehen? Am Ende der Pilotfolge hatte ich eigentlich das Gefühl, dass alles, was man sagen wollte, schon gesagt wurde. Trotzdem wäre ich einer Fortsetzung nicht abgeneigt. „Good Girls Revolt“ unterhielt mich einen Hauch besser als „Edge“, aber in beiden Fällen müssten die eventuell folgende erste Staffel so einiges an Qualität zulegen, um mich dauerhaft zu fesseln.

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