Klassische Filmkritik: The Car

Je nachdem wen man fragt, ist der 1977er Horrorfilm „The Car“ entweder eine Trashgranate oder ein unterbewerteter Horrorklassiker. Beides stimmt in meinen Augen nicht wirklich, aber fangen wir mal von vorne an.

In „The Car“ oder „Der Teufel auf Rädern“, wie der alte, deutsche Kinotitel lautet, spielt James Brolin den Sheriff einer Kleinstadt, in der plötzlich ein mysteriöses Auto auftaucht und anfängt die Einwohner umzubringen. Wer sitzt hinter den abgedunkelten Scheiben am Steuer? Man weiss es nicht! Ein psychopatischer Stuntman? Der Teufel persönlich? Oder gar niemand, wie eine Zeugin es behauptet? Fakt ist, dieses Mörder-Auto ist verdammt schwer aufzuhalten! Und das ist schon mehr oder weniger der gesamte Plot. Eigentlich keine schlechte Idee, wenn ihr mich fragt. Nur an der Umsetzung hapert es.

Nö, ich traue ihnen nicht.
„Kommt ruhig näher, wir tun euch nichts, muahahahaha!“

Wer mich kennt, weiss dass ich keiner von den Menschen bin, die alte Filme lächerlich finden, nur weil sie alt sind. Ich bin gewillt und fähig alle altersbezogenen Schwächen eines Filmes zu ignorieren. Einfach nur weil damals Filme eben so gedreht wurden. Glaubt nicht, dass das heutige moderne Kino im Jahr 2060 immer noch zeitgemäß sein wird! Und ich rede hier nicht von den technologischen Aspekten. Aber einige der größten Mängel in „The Car“ kann man nur bedingt auf dessen Alter schieben.

Denn auch wenn der Film fast 40 Jahre auf dem Buckel hat, wirkt er oft altbackener als er sein sollte. Die Art und Weise wie einige der Morde gefilmt sind, wie ganz offensichtlich die Stuntmen nicht vom Auto getroffen bzw in einem Fall von Pferden überrannt werden und sich einfach auf den Boden fallen lassen, raubt „The Car“ so einiges an Intensität und lässt ihn wie eine Fernsehserie aus dieser Zeit wirken. 1977 war schon einige Jahre nach „Der weiße Hai“, „Der Exorzist“, „French Connection“ oder „Taxi Driver“. „Star Wars“ startete im selben Jahr! Da gab es keine wirkliche Entschuldigung mehr, noch so bieder daherzukommen. (Auch wenn in aller Fairness gesagt werden muss, dass der Stunt, bei dem jemand eine verdammt hohe Brücke hinabfällt, wirklich beeindruckend ist. Einfach nur der Tiefe des Falles wegen.)

autofahrerDass der Film größtenteils im sonnigsten Tageslicht spielt, ist der Atmosphäre auch nicht wirklich zuträglich. Auch wenn diese Sonne dann doch in einem der besten Momente sehr effektiv benutzt wird. Als ein Deputy auf einer Aussichtsplattform eine Schulveranstaltung beobachtet, sehen wir in der weiten Wüstenlandschaft hinter ihm plötzlich mehrfach etwas aufblitzen. Natürlich ist es die Windschutzscheibe des Autos und wie bei der Flosse vom weissen Hai ist schnell klar: Da nähert sich Gefahr! Und auch wenn ebenfalls klar ist, dass man wohl keine Kinder sterben lassen wird (Spoiler: Es sterben keine Kinder in diesem Film), kommt da schon etwas Spannung auf.

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Ohnehin ist das der Moment, in dem sich die Qualität des Filmes langsam steigert. Der folgende Großangriff ist zwar leider so steril und lahm inszeniert wie der Rest des Filmes, aber als sich die Schulklasse plötzlich auf einem Friedhof versteckt, scheint das Auto keine Möglichkeit zu haben sie dort zu erreichen. Es müsste nur weiter geradeaus fahren, aber stattdessen fährt es in Kreisen umher und lässt den Motor bedrohlich aufheulen. Das ist einerseits der Moment in dem plötzlich klar wird, dass vielleicht doch kein Mensch hinter dem Steuer sitzt, da jeder normale Killer wohl kein Problem damit hätte, ein paar Grabsteine zu überfahren. Und andererseits bekommt das Auto plötzlich eine sehr unterhaltsame Persönlichkeit verpasst, die so manch anderem fiktiven Serienkiller fehlt. Wenn man sieht, wie das Auto seine Reifen durchdrehen lässt und seine Kreise im Wüstensand zieht, kann man es, bzw den Fahrer regelrecht vor Wut schreien hören. Da wünsche ich mir doch tatsächlich, dass so einige der berühmteren Horrorfilmikonen nicht immer so stoisch wären. Könnt ihr euch Jason oder Michael Myers vorstellen, die wutentbrannt auf dem Boden aufstampfen und mit den Armen wedeln, wenn ihnen ein Opfer tatsächlich mal entkommt?

Doch als ob dieser emotionale Ausbruch nicht genug gewesen wäre, dreht das Auto nun so richtig auf und tut alles, um direkt in mein Herz zu fahren. Bei dem anschließenden Massaker (Wenn man es aufgrund der fast schon familienfreundlichen unblutigen Umsetzung so nennen kann) an so ziemlich der Hälfe des städtischen Polizeiaufgebotes, zeigt sich was für ein unterhaltsames Arschloch unser Killer ist. Einfach nur auf die Art und Weise, in der er/es seine Opfer oftmals verhöhnt. So schubst es zum Beispiel einen Polizeiwagen einen Abhang runter, stellt aber vorher klar, dass dessen Fahrer auch ja nicht raus kann, indem es gerade nah genug heranfährt um die Tür zu blockieren, aber nicht weit genug sein Opfer sofort hinabzustoßen. (Interessanterweise explodiert das Polizeiauto sofort als es auf dem Dach landet. Vermutlich wahren Autos in den 70ern leichter entflammbar.) Danach schaltet es gleich zwei weitere Polizeiautos aus, mithilfe eines derart absurden Stunts, von dem ich immer noch nicht weiss ob er schlecht inszeniert wurde oder dies ein weiterer Hinweis auf die eventuelle übernatürliche Herkunft des Arschlochautos sein sollte.

Und ich möchte nicht zuviel verraten, aber die letzten 20-30 Minuten haben so einige gute Dinge an sich, die fast alle Schwächen von „The Car“ wieder ausgleichen. (Fast!) Zum Beispiel ein sehr gut inszenierter Mord an einer der Hauptpersonen und eine Überraschungskonfrontation zwischen dem Auto und James Brolin, bei der man sich wünscht, dass der Rest des Films genau so spannend wäre. Und ich werde auch nicht verraten ob das Auto nun einen menschlichen oder übermenschlichen Fahrer hatte, aber sagen wir es mal so: Als es aufgeklärt wurde, musste ich ich mir die Szene zweimal ansehen. Einfach nur weil diese finale Enthüllung dann doch ziemlich cool umgesetzt wurde. Da machte es mir auch gar nichts mehr aus, dass das große Finale in einer „Amerikanischen Nacht“ (Offensichtlich tagsüber gedrehte Szenen mit Blaufilter, der Nacht simulieren soll) gedreht wurde.

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Aber wie gesagt, so gut das letzte Drittel des Films stellenweise ist, so mangelhaft ist er als Ganzes. Abgesehen

Ja, die "Futurama"-Macher haben den Film auch gesehen.
Ja, die „Futurama“-Macher haben den Film auch gesehen.

von der fehlenden Atmosphäre und oftmals unfreiwillig komischen Inszenierung, fehlen dem Film auch irgendwelche interessanten Charaktere. James Brolins Sheriff ist zwar ein durch und durch guter Mensch, aber vielleicht ist er einfach zu gut. Er muss natürlich kein Walter White-esquer Antiheld sein, aber er ist so glatt und uninteressant, dass ich mich noch nicht mal an seinen Namen erinnern kann und auch kein Interesse habe ihn zu googeln. Ronny Cox hat da schon mehr zu tun. Als Deputy, der durch die Geschehnisse zurück in eine Dauerschleife aus Alkoholismus und Selbstmitleid geworfen wird, hat er die meiste Schauspielerei in dem Film zu erledigen. Leider führt die Reise des Charakters nirgendwo hin und am Ende gibt es eigentlich keinen wirklichen Grund, warum wir so viel Zeit mit ihm verbracht haben. Sehr merkwürdig ist auch der örtliche Frauenverprügler, dessen Erfahrung mit Dynamit, sowie dessen Besitz, am Ende durchaus praktisch sind. Aber er ist nunmal ein unsympatisches Arschloch und nachdem man bis zum Ende darauf hofft, dass er entweder in bester Horrorfilmtradition den grausamsten Tod des Films erleidet oder zumindest im Verlauf des Films seine Verfehlungen einsieht, ist auch er zum Schluss einfach nur da.

Naja, letztendlich ist „The Car“ weder Trashgranate, noch unterbewerteter Horrorklassiker. Er ist durchaus besser als sein Ruf, hat aber zu viele Probleme um wirklich zu überzeugen. Er ist ganz nett, aber wenn es einen Film gibt, der wirklich ein Remake verdient hat, dann ist es dieser. Die Story hat durchaus Potential, das in dieser Version gerade mal Ansatzweise angekratzt wurde. Es hätte vielleicht nur einen kompetenteren Regisseur und/oder eine weitere Überarbeitung des Drehbuches gebraucht.

John Landis mochte den Film übrigens nicht so.

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