Mad Max: Oscar Road

Warner Bros pusht nun offiziell „Mad Max: Fury Road“ für den „Best Picture“ Oscar. In aller Fairness, das macht jedes Studio, mit jedem Film, der entweder ein kommerzieller oder Kritikererfolg war. (Siehe Paramounts viel belachte „Transformers“ Kampagne aus dem letzten Jahr.) Normalerweise würde man jetzt sagen: „Hey, Popcornfilm. Explosionen und so. Mag die Academy nicht.“ Aber um ehrlich zu sein, sooooo schlecht stehen die Chancen nicht.

Fangen wir mal damit an, dass „Fury Road“ einer der am besten bewertetsten Filme des Jahres ist. Kritiker, selbst die „seriösen“, die jeden Film mit Spezialeffekten grundsätzlich als minderwertig betrachten, mochten ihn. Auch wenn Rotten Tomatoes nicht der Anfang und das Ende aller filmischen Qualitätsbewertungen ist, sind 97% aller dort gesammelten Kritiken positiv! Der diesjährige Oscargewinner „Birdman“ hat „nur“ 92%. Selbst „12 Years a Slave“ ist mit 96% einen Tick schlechter bewertet als „Fury Road“. Zudem wählte die internationale Kritikervereinigung FIPRESCI kürzlich den Film zum besten des Jahres. 2014 war es „Boyhood“, 2013 „Blau ist eine warme Farbe“, 2012 Michael Hanekes „Liebe“, nur um mal so als Vergleich aufzuzeigen, welche Filme normalerweise dort gekürt werden.

Hier kommt aber ein dickes, fettes ABER! Es wäre nicht der erste Kritikerliebling, der bei den Oscars übergangen werden würde. 2001 galt „Drive“ nach diversen Festivalsiegen als klarer Oscarfavorit. Am Ende gab es nur eine Nominierung für die Sound Effekte. Und „The Dark Knight“ war ebenfalls ein großer Crossoverhit bei Popcornpublikum und Kritikersnobs, wurde aber größtenteils mit technischen Nominierungen abgestraft. Immerhin gewann er einen für Heath Ledger, als bester netter Mensch, der tragischerweise zu früh verstarb. (Too soon?)

Doch auch hier gibt es ein ABER! Wenn auch nicht ganz so dick und fett. Der Aufschrei der Batman-Fanboys aufgrund der Nicht-Nominierung als bester Film (Ja, klar.), veranlasste die Academy dazu, die Nominierungen von fünf auf zehn auszuweiten. Begründet wurde dieser Schritt damit, dass man ein breiteres Spektrum an Filmen nominieren und auch Publikumsfreundliche Popcornfilme zulassen möchte. Das klappte im darauffolgenden Jahr auch ganz gut, als u.a. „Oben“, „District 9“, „Avatar“ und „Ingorious Basterds“ für den besten Film nominiert wurden. Auch 2011 schafften es immerhin noch „Inception“ und „Toy Story 3“ in diese Kategorie. Doch eigentlich sind es mittlerweile wieder nur die üblichen Oscarbait Filme, die diese Art von Beachtung kriegen. Was zugegebenermaßen auch wieder zu jeder Menge Kritik führte, welche die Academy andeuten ließ, dass man nächstes Jahr wieder zurück zu den Publikumslieblingen möchte. Also die Chancen von „Fury Road“ stehen hier…verhältnismäßig schwierig vorherzusagen.

Aber schauen wir mal auf die weiteren Kategorien. Es ist eigentlich klar, dass „Fury Road“ es wohl in die Technischen schaffen wird. Schnitt, Soundeffekte, Make Up, Ausstattung, eventuell Kostüme, vielleicht auch noch Kamera und Spezialeffekte. Auch wenn man sich für den letzteren Bereich unter Umständen selber ins Knie geschossen hat. Eines der großen Gesprächsthemen, wenn es um diesen Film geht, sind dessen „Practical Effects“. Da leider viele Uninformierte immer noch glauben, dass Computereffekte grundsätzlich beschissen aussehen, nur weil „Sharknado“ nicht die Qualität von „Gravity“ erreicht, wird im Moment so mancher Film über sein Ausmaß an „Practical Effects“ gehypt. Keine Computer, nur echte Handarbeit, die in echten Sets ohne Green Screen gefilmt wurde. „Fury Road“ ist so ein Film. Zumindest was den Hype angeht. Doch auch wenn tatsächlich alle Autos wirklich gebaut wurden und alle Crashs und Stunts wirklich echt waren, kann man im diversen Featurettes sehen, dass tatsächlich viel mit Computern und Green Screens hantiert wurde. Die Landschaft wurde verändert und oft waren nie mehr als ein oder zwei Autos am selben Ort.

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Problem: Es sieht alles zu realistisch und unsichtbar aus! Die Oscars bevorzugen offensichtliche Effekte. Riesenroboter, Dinosaurier, Weltraumlandschaften. Dinge, von denen man weiss, dass sie nicht existieren! Und da die Macher von „Fury Road“ so stark darauf gepocht haben, dass alles echt ist, wird die Jury vielleicht denken: „Ui, toll. Die haben Autos gebaut und sie in die Luft gejagt. Das kann jede drittklassige Stuntshow auch“ und den Film in dieser Kategorie ignorieren. (Es sei denn, sie sehen sich tatsächlich das Effekt-Reel an.)

Drehbuch? Sagen wir es mal so: Selbst unter denen, die den Film lieben, gibt es viele die glauben, dass der Film ein schwaches Drehbuch hat. Einfach nur weil es so simpel ist. Keine großen Subplots o.ä., nur eine Verfolgungsjagd. Aber diese simple Verfolgungsjagd ist auf der anderen Seite perfekt durchstrukturiert. Was einige Menschen als „zu simpel“ oder „keine Handlung“ ansehen, ist eigentlich das Resultat einer perfekt durchdachten Handlung, aus der man jedes überflüssige Gramm Fett entfernt hat. Geschichtenerzählung, die man auf das Minimum reduzierte und damit das Maximum herausholte. Vor allem wette ich, dass „Fury Road“ noch in Jahrzehnten in Filmschulen empfohlen wird, wenn es darum geht, aufstrebenden Drehbuchautoren das klassiche „Show, not tell“-Prinzip zu erklären.

Ein weiterer positiver Faktor ist der vieldiskutierte feministische Blickwinkel. Von dem Moment an, in dem der Satz „We are not things“ in einem der Trailer fiel, wurde dieser Film auf jede feministische Sichtweise hin zu Tode analysiert. Ergebnis: „Fury Road“ ist ein feministisches Meisterwerk! Naja, auch wenn ich nicht behaupten möchte, dass er frauenfeindlich sei, halte ich den vielgepriesenen Feminismus-Part für überbewertet. Doch ich bin nicht in der Oscarjury. Diese liebt es, gewissen sozialen Trends nachzugehen und da es wohl dieses Jahr keinen guten Film zum Thema Schwulenrechte gibt, werden die Oscars 2016 vielleicht feministisch. Es würde mich also nicht wundern, wenn es dadurch einen Bonus für „Fury Road“ gibt. Sowohl in der Drehbuch-, als auch in der „Bester Film“-Kategorie.

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Aber wer „Fury Road ist das beste feministische Stück Film der letzten Jahre“ sagt, muss auch „Charlize Theron“ sagen. Furiosa war vielleicht die Popkultur Sensation des Jahres. Ein Charakter, der selbst wenn man ihn sich ohne Feminismus-Anhang betrachtet, einen Eindruck hinterließ. Und Therons Performance war definitiv eines der meistgelobten Highlights des Films. Wenn man das und die Tatsache in Betracht zieht, dass sie schon zwei Mal nominiert war und sogar ein mal gewann, scheint eine „Beste Nebendarstellerin“-Nominierung gar nicht mal so unwahrscheinlich. Diese Kategorie ist immer mal wieder für eine Überraschung gut.

Wobei ich mir allerdings auch eine für Nicholas Hoult wünschen wurde. Dafür, dass Nux einer der wichtigsten Charaktere des Films war, wird ziemlich wenig über ihn geredet, aber eigentlich ist es die Sorte Rolle, die oft zu Nominierungen führt. Nicht nur, dass Hoult unter dem Make Up komplett verschwand, er ist auch ein zum töten programmierter Adrenalinjunkie, der im Verlauf des Films seine Menschlichkeit entdeckt. Wenn er ein Mitglied der Hitlerjugend gespielt hätte, müsste man über eine mögliche Oscarnominierung gar nicht erst diskutieren! Aber so glaube ich WENN ein Schauspieler eine Chance auf eine Nominierung hat, dann wohl eher Charlize Theron.

Eine weitere, gar nicht mal üble Chance hätte auch George Miller himself. Jetzt mal ganz nüchtern betrachtet: „Fury Road“ ist ein Meilenstein des Films! Die Leistung die George Miller erbracht hat, das Chaos, das er mitten in der Wüste inszeniert hatte ohne dass es eine Sekunde unübersichtlich wird, ist etwas, das man schlecht übersehen kann. Das Auge fürs Detail, die unsichtbare Verschmelzung von Stunts und Computereffekten, die Performances seiner Schauspieler, das komplette Jahrzehnt, das Miller brauchte um den Film von den Storyboards auf unsere Leinwände zu bringen, all das muss man miteinbeziehen! „Fury Road“ ist der „Lawrence von Arabien“ der Actionfilme! Und wenn diese internationale Kritikervereinigung diesen Actionfilm vor ein paar Wochen nicht zum besten des Jahres gekürt hätte, würde ich jetzt trotzdem sagen: Keine Chance. Aber das ist ein derart hochgeachteter Film, dass ich eine Nominierung nicht ausschließen würde. Gewinn? Keine Chance. Aber Nominierung? Nicht unwahrscheinlich. Zudem hat er ja auch schon einen (Bester Animationsfilm für „Happy Feet“) und war für das Drehbuch zu „Lorenzos Öl“ zuvor nominiert.

Doch im Endeffekt ist es müßig darüber zu diskutieren. Ich habe genau so wenig Insiderwissen, wie alle Anderen. Trotzdem macht es Spaß, darüber zu fabulieren und zu diskutieren. Ob „Fury Road“ im Oscar-Valhalla landet oder die Academy Warners Bemühungen am Ende als „Mittelmäßig“ abtut, werden wir in ein paar Monaten sehen. Und egal was passiert, genau wie Max, der als Blutbeutel an die Motorhaube von Nux Auto gekettet ist, werden wir nur passive Zuschauer sein.

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