Der Akte X Spätstart Report: „Gezeichnet“ und „Die Warnung“

Als damals im Jahre 1993 die Pilotfolge zu „Akte X“ gedreht wurde, ahnte wohl niemand der Beteiligten, was sie damit auslösen würden. Es war ja nicht nur, dass diese Serie ein Quotenhit wurde, sie wurde zu einem das Fernsehen für immer veränderndem Phänomen! Zuschauer hatten gerade erst „Twin Peaks“ verdaut und dann kam das! Was auch immer es war. In der Auftaktfolge „Gezeichnet“ ist noch nicht viel davon zu finden, aber schlecht ist sie keinesfalls.

Aber fangen wir mal von vorne an.

Als die X-Akten 1994 Deutschland eroberten, bekam ich es nicht wirklich mit. Ja, ich gebe es zu: Mit Ausnahme vereinzelter Folgen und des ersten Kinofilms, habe ich mir die Serie noch nie angesehen. Der Grund war einfach: Ich hatte keinen Kabelanschluss! Meine Kindheit bestand aus fünf Fernsehsendern. (Später waren es sechs.) Erst 2001 zog ich in eine Wohnung mit Kabel. Dann lief „Akte X“ zwar noch, aber ich wusste, dass man nicht wirklich so spät einsteigen sollte. Trotz meiner Kabellosigkeit, war ich in groben Zügen dank Magazinen* wie der “Space View“ oder „TV Highlights“ immer darüber informiert, was so in der Serie abging und wie verworren die ganze Geschichte wurde. Aber wirklich aus erster Hand miterlebt, habe ich es nicht.

*Liebe Kinder, das waren quasi auf Papier gedruckte Blogs, in denen Nachrichten, Interviews, Episodenführer, etc aus der Film- und Fernsehwelt abgedruckt waren. Sie erschienen alle ein bis zwei Monate und man musste oft ab 5 DM (Das war die Währung vor dem Euro) aufwärts dafür berappen. UND WIR HABEN ES GERNE GETAN!

Doch schon immer wollte ich nachholen, was ich damals versäumt hatte und dank modernster Videostreamingtechnologie ist dies nun möglich. Also, DICKE, FETTE SPOILERWARNUNG FÜR EIN ÜBER 20 JAHRE ALTES KULTPHÄNOMEN.

Folge 1. Wie fand ich sie?

`Nicht schlecht, aber auch irgendwie etwas wenig überzeugend. Ich fand es allerdings sehr interessant, dass man

im Piloten noch die „Diese Geschichte basiert auf Tatsachen“-Schiene gefahren ist. Auch wenn natürlich nie behauptet wird, dass diese Geschichte wahr ist. Sie besteht mehr aus den beliebtesten Alien-Entführungs Klischees (minus Analsonden), welche natürlich nur deshalb zu beliebten Klischees wurden, weil echte Opfer immer wieder behaupteten, dass sie wahr wären. Wie wahr sie natürlich sind, sei mal dahingestellt aber es ist immerhin wahr, dass jemand von gleissenden Lichtern, verlorener Zeit, geheimnisvollen Implantaten usw erzählt hat. Also ist der Disclaimer am Anfang zumindest nicht gelogen.

Auch der Rest der Folge ist selbst für 1993 Standards größtenteils überraschend konventionell. Obwohl man schon merkt, dass sich die Macher etwas mehr ins Zeug geworfen hatten, als bei anderen Network Serien, die zu dieser Zeit liefen. „Gezeichnet“ kostete 2 Millionen Dollar, was damals verdammt teuer war. Zum Vergleich: Eine Folge „Star Trek: The Next Generation“ kostete 1,5 Millionen Dollar und das war eine Serie, die einen Haufen teurer Sets, Masken und Effekte hatte. Der „Akte X“ Pilot hat kaum Effektszenen und besteht hauptsächlich aus Schauspielern, die sich im dunkeln unterhalten. Aber trotz der verwaschenen 90er Jahre Bildqualität, ist die Inszenierung durchaus hochwertig und rasanter als es damals oft noch der Standard war. Ich kann jetzt natürlich auch nicht genau sagen wohin das ganze Geld geflossen ist, aber es war auf jeden Fall gut angelegt.

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Der interessanteste Aspekt dieser Folge, ist allerdings das etwas offene Ende. Wir bekommen schon so eine Art Erklärung geliefert, was da eigentlich passiert ist…aber dann auch wieder nicht. Ein eigentlich komatöser junger Mann ist nicht mehr komatös und behauptet, von Ausserirdischen entführt, getestet und kontrolliert worden zu sein und auch wenn wir als Zuschauer einen Haufen grelle Lichter und andere mysteriöse Dinge gesehen haben, müssen wir es am Ende eben einfach glauben, weil der vermeintliche Täter es so sagt. Ein durchaus mutiger Schritt zu einer Zeit, in der man die Zuschauer nur nicht verunsichern wollte und ihnen alles haarklein erklären musste. Und um sicher zu gehen, dass wir auch tatsächlich nächste Woche wieder einschalten, gibt es in der letzten Szene einen eindeutigen Hinweis darauf, dass der mysteriöse Zigarettenraucher, den wir zusammen mit Scully als einen der ersten Charaktere kennenlernten, wohl irgendwelchen Alienkram im Pentagon lagert.

Doch bevor es zu diesem Ende kommt, gibt es eine ziemlich Old School Krimihandlung mit Science Fiction Touch. Das ist allerdings auch der Grund, warum mir „Gezeichnet“ ganz gut gefallen hat. Auch wenn es hier um Ausserirdische, Gedankenkontrolle und andere unheimliche Ereignisse geht, ist dies einfach „nur“ eine typische Ermittlerstory. Mulder und Scully befragen Einwohner, gehen Spuren nach, werden von den örtlichen Behördern aufgefordert sich nicht weiter einzumischen, etc. Das mag vielleicht etwas altbacken wirken, aber ich mag so etwas. Hinzu kommt, das unser Ermittlerteam von Anfang an sympatisch ist. Ich finde es übrigens interessant, dass Serienerfinder Chris Carter eigenen Aussagen zufolge beide Charaktere so angelegt hat, dass sie „Geschlechternormen brechen“. Mulder, der Mann, ist der für jede Theorie offene Gläubige und Scully, die Frau, die nur den Fakten glaubende Skeptikerin. Aber war das nicht eigentlich immer so? Der Mann ist derjenige, der mit allen wilden Theorien ankommt und die Frau die, die darauf hin nur mit den Augen rollend „Halt die Klappe“ murmelt?

Zum Glück ist Scully nicht so eine Spaßbremse. Es gibt sogar einen Moment, in dem sie eindeutig über einen von Mulders Späßen lacht. (Das und wie sie sich später nach einer Schreckminute in seine Arme fallen lässt, kreirte vermutlich sofort eine Armee von Shippern.) Und im Verlauf der Folge steigert sie sich derart in die Ermittlung hinein, dass Mulder ihr tatsächlich sagen muss, dass sie sich nur auf die Fakten berufen soll. Schon nach kurzer Zeit hat man die beiden eigentlich sehr gern und fühlt sich so, als ob man sie schon länger kennt.

Also in Großen und Ganzen war Folge 1 sehenswert. Man soll Serien nie nach ihren Piloten beurteilen, aber „Akte X“ hatte definitiv einen der besseren zu bieten. Wenn auch mit viel Luft nach oben. Dann schauen wir uns mal Folge 2 an!

„Die Warnung“ ist eigentlich mehr oder weniger das Selbe wie „Gezeichnet“. Mulder und Scully untersuchen den Nervenzusammenbruch und das Verschwinden eines Testpiloten, das vermutlich irgendwie mit Ausserirdischen zusammenhängt. Mittendrin treffen sie auf Menschen, die sie ziemlich unhöflich auffordern, nicht weiter nachzuforschen. Der Unterschied ist das es diesmal von allem mehr gibt. Mehr Tempo, mehr Nebencharaktere, mehr unerklärliche Phänomene, mehr Frotzeleien von Mulder. Nur Erklärungen gibt es am Ende noch weniger.

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Am Ende ist soviel klar: Das Militär hat irgendetwas gemacht und bei denen, die wohl zuviel wussten, das Gedächtnis gelöscht. Aber was es genau war, auch wenn es vermutlich Flugzeuge aus UFO Teilen waren, wird nicht erzählt. Wir sind gerade mal in der zweiten Folge und die Serie ist schon gleichermaßen frustrierend und süchtig machend. Persönlich würde ich es sehr gut finden, wenn man auf der Pointe dieser Folge aufbauen würde. Als Scully mit Waffengewalt einen Regierungsbeamten dazu zwingt, sie zu einem Militärstützpunkt zu fahren, wo Mulder mit teilweise gelöschtem Gedächtnis wieder an sie übergeben wird, sagt dieser nur: „Die Dinge hier sind es wert so beschützt zu werden! Sie sind es, die sich unangemessen verhalten!“ Wie cool wäre es, wenn sich nach einiger Zeit herausstellen würde, das Mulder und Scully wirklich nur zwei Arschlöcher sind, die sich wie die Elefanten im Porzellanladen verhalten und die nationale, vielleicht weltweite Sicherheit gefährden? Naja, das wird vermutlich nicht passieren.

Es sollte noch erwähnt werden, dass einer der Gaststars in „Die Warnung“ ein Seth Green im Grunge Outfit war. Lange Haare und Holzfällerhemd inklusive. Ein anderer Gaststar war Jerry Hardin, ein Mann, dessen Gesicht man oft in Film und Fernsehen sieht. So war er z.B. in der Anfangsszene von „Big Trouble In Little China“ der Mann der Egg Shen befragte oder spielte Mark Twain in der beliebten „Star Trek TNG“ Doppelfolge „Time’s Arrow“. Hier taucht er als geheimnisvoller Regierungsbeamter oder so auf, der erst Mulder davor warnt weiter seinen UFO Theorien nachzugehen, nur um ihm dann anzubieten, ihn mit Geheiminformationen zu versorgen. Wie gesagt, die Serie wurde gleichermaßen faszinierender und frustrierender.

Das höhere Tempo im Vergleich zu „Gezeichnet“, macht Folge 2 definitiv unterhaltsamer, allerdings mangelt es auch etwas an der düsteren Atmosphäre des Piloten. Nicht nur weil sie größtenteils im hellen Tageslicht spielt, sondern vielleicht auch weil die Antagonisten diesmal stinknormale Menschen sind. Und „Men in Black“, die dein Handschuhfach durchwühlen und dir einmal in den Magen boxen, sind halt nicht so gruselig wie eventuelle Ausserirdische, die reihenweise Menschen markieren, ihnen Metalldinger in die Nase schieben und dann ermorden.

Und naja, mehr habe ich nicht wirklich über die ersten knapp zwei Stunden „Akte X“ zu sagen. Mein Interesse ist geweckt, auch wenn ich nicht weiss ob dem so wäre, wenn das Militär alles über diese Serie aus meinem Gedächtnis gelöscht hätte und ich sie nun so nichtsahnend schauen würde, wie das Publikum vor über 20 Jahren.

Die nächste Folge ist „Das Nest“, welche oft als eine der Besten gefeiert wird. Darauf freue ich mich schon. Bis zur nächsten Folge des Spätstarter Reports! (Ha, ein Cliffhanger um euch bei der Stange zu halten. )

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